Mit ihrem Tod stürzte Alexandria in die Bedeutungslosigkeit
Das erste weibliche Opfer des Christentums
Die 55-jährige Lehrerin, Mathematikerin, Astronomin und Neuplatonikerin aus dem antiken Alexandria wurde von einem Mob aus Parabolanis(1) von ihrem Lehrstuhl gezerrt, in eine Kirche verschleppt und mit Tonscherben zerfetzt. Es war ein äußerst brutaler und erbarmungsloser Mord an einer Hellenin, die an der Religion ihrer Vorfahren festhielt – zu einer Zeit, da das Christentum bereits seit etwa 35 Jahren Staatsreligion war. Ihre Intelligenz, ihre Bildung und ihre guten Kontakte zur politischen Elite wurden ihr letztlich zum Verhängnis. Hypatias sterblichen Überreste wurden am Verbrennungsplatz des Caesareums in Alexandria verbrannt.

⛤ März 415 oder März 416 n. Chr., Griechenland
Als Hypatia im Jahr 360 n. Chr. geboren wurde, befand sich das Römische Reich inmitten eines der tiefgreifendsten Umbrüche seiner Geschichte. Seit sieben Jahren standen heidnische Opferhandlungen unter Todesstrafe. Vier Jahre vor ihrer Geburt hatte Kaiser Constantius II, ein überzeugter Christ, damit begonnen, heidnische Tempel systematisch zu schließen. Auch Orakelwesen und Wahrsagerei, einst fester Bestandteil religiöser und gesellschaftlicher Praxis in Alexandria, waren seit drei Jahren verboten und wurden strafrechtlich verfolgt. Hypatia wurde in eine Welt hineingeboren, in der der traditionelle Glaube ihrer Familie kriminalisiert wurde.
Ein Jahr nach Hypatias Geburt gelangte mit Flavius Claudius Iulianus(2) der letzte heidnische Kaiser auf den Thron. Er unternahm den Versuch einer Heidnischen Gegenreformation[5]. Doch sein Wirken blieb von kurzer Dauer: Bereits zwei Jahre nach seinem Amtsantritt fiel er im Feldzug gegen die Perser – und mit seinem Tod erlosch auch die letzte Chance auf eine Wiederherstellung der alten Religion im Römischen Reich.
Hypatia gehörte der Generation Θ (Theta) an, der letzten Generation, die noch im Geiste der klassischen griechischen Bildung, Philosophie und Religion aufwuchs. Als Hypatia zwanzig Jahre alt war, wurde das Christentum offiziell zur Staatsreligion des Römischen Reiches – ein Wendepunkt, der das gesellschaftliche Leben tiefgreifend veränderte. Trotz der wachsenden Vorherrschaft des Christentums behauptete Hypatia über viele Jahre hinweg ihre herausragende Stellung im intellektuellen Leben Alexandrias. Unerschrocken und inmitten eines sich wandelnden religiösen Klimas wirkte sie als angesehene Philosophin und Lehrerin – tief verwurzelt im städtischen Bürgertum und zugleich über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und verehrt. Ihre Vorlesungen in neuplatonischer Philosophie galten als so bedeutend, dass Schüler aus dem gesamten Mittelmeerraum nach Alexandria strömten, um an ihrem Wissen teilzuhaben und ihre Gedanken aus erster Hand zu hören. Hypatia wurde so zu einer letzten Leuchtgestalt antiker Gelehrsamkeit in einer Welt im Umbruch.
Im März des Jahres 415 oder 416 n. Chr. wurde Hypatia das Opfer eines zutiefst erschütternden Gewaltakts. Fanatische christliche Laienbrüder und Mönche, bekannt als Parabolani[1] – Anhänger des Patriarchen Kyrill von Alexandria – lauerten ihr auf, zerrten sie gewaltsam in das Cäsareum, einen ehemals heidnischen Tempel, der inzwischen zur Kirche umgewidmet worden war. Dort wurde sie brutal ermordet. Die Angreifer zerfetzten ihren Körper mit Ziegel- oder Tonscherben. Die verstümmelten Überreste brachten sie anschließend in einen Bereich des Cäsareums, der als Ort für Verbrennungen genutzt wurde („Cinaron“) und verbrannten sie.
Der Grund für die brutale Hinrichtung Hypatias lag in einer Mischung aus Neid, Fanatismus und tief verwurzeltem Frauenhass. Ihr herausragendes Ansehen, die geistige Autorität und die Bewunderung, die ihr als heidnische Frau zuteilwurden, waren den Christen ein Dorn im Auge. Dass sie sich nicht dem neuen religiösen Zeitgeist unterwarf, sondern selbstbewusst für eine andere Welt stand, machte sie in den Augen ihrer Gegner zu einer Provokation.
Hypatia war eine gebildete, selbstbewusste und furchtlose Frau, die sich mit außergewöhnlicher Souveränität in einer von Männern dominierten Welt bewegte. Der Kirchenschriftsteller Sokrates Scholastikos äußert sich in seiner Kirchengeschichte mit Hochachtung über sie:
„Aufgrund ihrer inneren Ausgeglichenheit und der freien Haltung, die sie sich durch geistige Bildung angeeignet hatte, erschien sie nicht selten öffentlich vor den städtischen Behörden. Auch schreckte sie nicht davor zurück, sich unter Männer zu begeben.“
Scholastikos‘ Kirchengeschichte, Buch VII, Kapitel 15 Über Hypatia, die Philosophin[3]
Hypatia pflegte enge Verbindungen zu einflussreichen politischen Persönlichkeiten, darunter auch zum kaiserlichen Statthalter Ägyptens, Orestes[6]. Diese Freundschaft gab den Christen den Anlass, um gegen sie Stimmung zu machen: Sie verbreiteten das Gerücht, Hypatia sei für die politischen Spannungen in der Stadt verantwortlich und behindere eine Versöhnung zwischen Orestes und dem Patriarchen Kyrill von Alexandria.
Orestes selbst hatte eine klassische – also griechisch-heidnisch geprägte – Bildung genossen und zeigte sich aufgeschlossen gegenüber Philosophinnen wie Hypatia. Diese Nähe zur alten Bildungstradition genügte bereits, um ihn in den Augen militanter Christen verdächtig erscheinen zu lassen, ungeachtet seiner offiziellen Zugehörigkeit zum Christentum. Seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden war dem Bischof Kyrill ein Dorn im Auge. Der Patriarch verfolgte das Ziel, alles zu unterdrücken, was nicht seiner Vorstellung eines „rechtgläubigen Christentums“ entsprach – dazu zählten neben den Heiden auch die „Pseudo-Christen“: Getaufte, die nicht wirklich im christlichen Glauben standen. In diese Kategorie fiel für Kyrill auch Orestes. Die Tatsache, dass Orestes sich dem wachsenden Einfluss Kyrills widersetzte, verstärkte die Spannungen zusätzlich. In der aufgeheizten Atmosphäre wurde er als „verdeckter Heide“ diffamiert und Hypatia zur Projektionsfläche christlicher Feindbilder:
„In jenen Tagen trat in Alexandria eine heidnische Philosophin namens Hypatia auf. Sie hat sich ganz der Magie, der Astrologie und Musikinstrumenten gewidmet und verführte viele Menschen mit ihren satanischen Künsten.“
Chronik des Johannes von Nikiu[4] (Kapitel 84, Verse 87–103)
Nach der Ermordung Hypatias verließen letzten verbliebenen Gelehrten die Stadt, erschüttert von der Gewalt und der feindseligen Stimmung gegenüber freiem Denken. Damit verlor Alexandria endgültig seine einstige Bedeutung als ein führendes Zentrum von Wissenschaft, Philosophie und kulturellem Austausch – ein Niedergang, der sinnbildlich für das Ende einer Epoche steht. Auch Orestes, politisch isoliert und desillusioniert, legte sein Amt nieder und verließ die Stadt.
In der Rückschau wird Hypatia von Historikerinnen und Historikern vielfach als das erste prominente Opfer eines religiös motivierten Fanatismus gewertet, der sich in den folgenden Jahrhunderten zunehmend radikalisieren sollte. Ihre Ermordung gilt als frühes Fanal eines Prozesses, der über die Jahrhunderte in den Hexenverfolgungen gipfelte und sich in der Frühen Neuzeit in einer Justiz des Wahns und der religiösen Verblendung manifestierte. Hypatia steht damit nicht nur für den Untergang der alten Welt, sondern auch als mahnende Figur für die zerstörerische Kraft von Intoleranz und blinder Glaubensherrschaft.
„Verteidige dein Recht zu denken. Denken und sich zu irren ist besser, als nicht zu denken.“
Hypatia von Alexandria
Literatur zu Hypatia von Alexandria:
[1] Parabolani, wikipedia
[2] Die Heidnische Gegenreformation oder Der letzte heidnische Kaiser, weiberkraft.com
[3] Über Hypatia, die Philosophin von Sokrates Scholastikos, Universität Freiburg
[4] Chronik des Johannes von Nikiu, tertullian.org
[5] Die Heidnische Gegenreformation oder Der letzte heidnische Kaiser, weiberkraft.com
[6] Präfekt Orestes, wikipedia
Hypatia, fembio.org Frauen-Biographieforschung e.V. Hannover