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Neuzeit-Narrative: Widerstand gegen Zwangsehe war dämonisch

Auszüge aus dem italienischen Hexenhammer

18.08.2025

Bereits im Mittelalter galt eine Frau, die sich der ihr zugewiesenen Ehe widersetzte, schnell als sündig – jedoch noch nicht als vom Teufel besetzt. Diese Auslegung gewann erst in der Frühen Neuzeit an Bedeutung. Vor der Veröffentlichung des Malleus Maleficarum (1486) – des berüchtigten deutschen Hexenhammers – war die Vorstellung, dass der Widerstand von Frauen gegen Ehe oder patriarchale Rollen unmittelbar dämonisch oder teuflisch sei, noch nicht in dieser Radikalität verankert. In der Frühen Neuzeit wurden sie weitaus häufiger in ein dämonisches Narrativ eingeordnet.

Die Ursachen dafür sind vielfältig und lassen sich nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen. Eine entscheidende Rolle spielte sicherlich die Gegenreformation, die von Italien ausging und eine strikte Abgrenzung von reformatorischen Strömungen forderte. Dadurch verhärteten sich religiöse und politische Fronten, und es entstand eine Atmosphäre der Intoleranz, in der Kompromissbereitschaft kaum mehr möglich war. Indirekt wirkte sich auf diese Entwicklungen auch der Dreißigjährige Krieg aus. Zwar wurde dieser nicht in Italien ausgetragen, doch führten die spanisch-habsburgische Herrschaft über das Königreich Neapel und andere italienische Territorien sowie die damit verbundenen Abgaben, Truppendurchmärsche und wirtschaftlichen Belastungen zu einer Verschärfung der Kontrolle. In diesem Klima setzten sich zunehmend Hardliner durch, die eine besonders strenge Auslegung von Glauben und Gesellschaftsordnung vertraten. Diese Entwicklung förderte eine rigide Haltung gegenüber allem, was von der Norm abwich – insbesondere gegenüber Frauen, die sich gegen patriarchale Strukturen stellten.

Das Compendium Maleficarum als Spiegel der frühneuzeitlichen Gesellschaft Italiens

Wie der Malleus Maleficarum in Deutschland wurde in Italien das 1608 erschienene Compendium Maleficarum – der sogenannte italienische Hexenhammer – herangezogen, um angebliche Praktiken von Hexen zu beschreiben. Das Werk diente als Handbuch zur Identifizierung und Bekämpfung vermeintlicher Hexerei. Verfasst wurde es von Francesco Maria Guazzo, einem italienischen Priester und Inquisitor. Deutlich spürbar ist, dass seit dem Malleus bereits 122 Jahre vergangen waren: Die Narrative hatten sich inzwischen verfestigt, die Gesellschaft hatte sich an diese Denkweise angepasst, kannte die gängigen Vorgehensweisen und wusste, wie sie sich innerhalb dieses Systems zu verhalten hatte.

Männer machten Narrative…

Im Compendium Maleficarum wird deutlich sichtbar, wie stark die mittelalterliche Weltsicht auch in Italien von männlicher Dominanz bestimmt und dadurch von Ignoranz geprägt war. Im folgenden Textauszug schildert Guazzo seine Ansichten über eine junge Frau, die ihren Ehemann „aus unerfindlichen Gründen“ hasste und sich daher dem ehelichen Geschlechtsverkehr verweigerte. Der Priester erklärt den vorwiegend aus der Oberschicht stammenden Lesern, dass die Frau verhext worden sei. Das Verstörende daran ist, dass er diese Gedanken öffentlich niederschrieb – man mag sich kaum vorstellen, welche unausgesprochenen Vorstellungen er selbst und mit ihm viele Männer seiner Zeit darüber hinaus hegten. Diese Männer wussten nur allzu gut, dass die junge Frau zwangsverheiratet worden war – eine Praxis, die in konservativen und stark katholisch geprägten Regionen wie dem Königreich Neapel weit verbreitet war, auch in der Stadt Sepino, in der sich die geschilderte Begebenheit ereignete. Die Frau, von der in diesem Text die Rede ist, zeigt dabei eindeutig psychische Anzeichen des erlittenen Zwangs.

Textauszug:

„Ioannes Baptista Codroncus berichtet, dass es in der Stadt Sepino in der neapolitanischen Region einen gewissen Mann namens Jacobus gab, dessen Ehefrau ihn so sehr hasste, dass sie ihn mit außergewöhnlichem Hass verfolgte, und zwar von dem ersten Tag an, an dem die Ehe geschlossen wurde. Sie verweigerte ihm nicht nur den ehelichen Verkehr, sondern auch das gemeinsame Wohnen, und wenn Jacobus zu seiner Frau gehen wollte, wurde sie von einem solchen Zorn erfasst, dass sie schrie, tobte und sich, nachdem sie sich auf dem Boden gewälzt hatte, wie eine Rasende aufführte, sodass niemand sie beruhigen konnte. Ein Geistlicher, der sehr erfahren in diesen Dingen war, wurde deshalb herbeigerufen. Dieser wandte sich an die Frau, um zu prüfen, ob sie von einem bösen Geist besessen war. Als der Ehemann sich ins Innere eines angrenzenden Raumes begab, fragte er sie, ob sie wieder ihre eheliche Pflicht mit ihm erfüllen wolle. Da trat die Frau ein und gestand, dass sie aus unbekanntem Grund gegen ihren Ehemann eingenommen sei. Sie erklärte weinend, dass sie ihn früher sehr geliebt hatte, aber nun, obwohl sie ihn innerlich bedauerte, ein unbesiegbarer Hass sie daran hinderte, ihn auch nur anzusehen. Wenn man sie fragte, warum das so sei, sagte sie, dass sie es nicht wisse, aber wenn ihr Mann kam, um sie zu umarmen oder zu küssen, verspürte sie einen so starken Ekel, dass sie am liebsten fliehen würde. Es sei, als wäre ihr ganzer Körper von etwas erfüllt, das sie abstoße, und sie werde innerlich von einem Feuer verzehrt. Dann ließ der Geistliche die Frau in einem verschlossenen Raum zurück, während er mit dem Ehemann sprach. Dabei ließ er bestimmte Rituale zur Vertreibung von Dämonen durchführen. Als man sie später erneut befragte, zeigte sie sich etwas gelöster und versprach, ihren Ehemann wieder aufzunehmen. Doch sobald er sich ihr näherte, begann das gleiche Schauspiel von vorn. Später versuchte man mit einer geweihten Hostie und anderen Sakramenten die Ursache des Hasses zu bekämpfen. Der Geistliche kam schließlich zu dem Urteil, dass eine Frau, die in Jacobus verliebt war, die er aber abgewiesen hatte, diesen Hass durch Zauberei verursacht habe. Diese Frau wurde dann zusammen mit einer alten Hexe, die als Vermittlerin aufgetreten war, zum Verhör gebracht. Letztere gestand schließlich nach langem Widerstand, dass sie die junge Ehefrau mit einem Zauber belegt hatte, indem sie ein kleines Stück Stoff mit Zauberformeln beschrieb, es in ein Brot einbuk und es der Frau vor der Hochzeit zu essen gab. So kam es, dass die junge Frau ihren Ehemann verabscheute. Erst als dieser Stoffrest in einer Grube verbrannt und entsprechende Gebete gesprochen worden waren, verschwand der Bann, und der Zauber hörte auf zu wirken.“

… und Frauen mussten ertragen

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Guazzo hier von einem Teenager oder einer sehr jungen Frau schreibt, vermutlich zwischen 16 und 20 Jahre alt, die keine eigene Wahl hatte. Wenn dem so war, ist es vorstellbar, dass sich ein innerer Widerstand gegen den erzwungenen „Vollzug der Ehe“ auf körperlicher und psychischer Ebene äußerte. Die Frau hat möglicherweise zunächst versucht, sich der Ehe zu fügen, wie es von ihr erwartet wurde. Doch innerlich erlebte sie den Mann, der zu dieser Zeit in der Regel viel älter war, dann jedoch nicht als geliebten Partner, sondern als fremd – wie einen Vergewaltiger. Dieser innere Widerspruch – zwischen dem gesellschaftlichen Zwang zur Unterordnung und ihrem eigenen Bedürfnis nach Selbstbestimmung – kann definitiv zu einer Panikreaktion führen, wie sie in dem Textauszug beschrieben wird.

Die Strategie: Bewusstes Ausblenden von weiblichem Leid

Anstatt jedoch die naheliegende Ursache zu erkennen, wurde die innere Not der Frau bewusst nicht als menschliches Leiden verstanden, sondern ihr Verhalten als dämonisch gedeutet. Im günstigsten Fall traf sie selbst keine Schuld, sondern man nahm an, sie sei von jemandem verhext worden – eine in solchen Fällen weit verbreitete öffentliche Deutung. Narrative wie diese wurden durch kirchliche Autoritäten schriftlich fixiert und in gelehrten Werken wie eben dem Malleus Maleficarum oder dem Compendium Maleficarum verbreitet. Indem diese Schriften den Anschein von göttlicher Legitimation erhielten, wurden sie zu unanfechtbaren Wahrheiten erhoben. Auf diese Weise gelang es, individuelles Leiden unsichtbar zu machen und gleichzeitig patriarchale Machtverhältnisse abzusichern: Wer sich wehrte, wurde nicht als Opfer, sondern als vom Teufel beherrscht stigmatisiert.

Männer dominierten über die weibliche Sexualität: Wenn sie sich nicht fügte, wurde sie gebranntmarkt

Besonders schwer wog dies, wenn es sich um eine Jungfrau handelte. Sie galt als besonders wertvoll, und der „arme“ Ehemann als Opfer, wenn er seinen „Anspruch auf den Vollzug der Ehe“ noch nicht hatte einlösen können. Nach der patriarchalen Vorstellung galt die Frau ab der Eheschließung als Besitz ihres Ehemannes und war gezwungen, seine sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen, unabhängig davon, ob sie dies wollte oder nicht. Es wurde als ihre Pflicht betrachtet. Dass eine solche Situation bei Frauen zu schweren psychischen Reaktionen führen konnte, erscheint nur allzu nachvollziehbar. Es kann zu somatisierten Reaktionen wie starken Ekelgefühlen bei körperlicher Nähe, unkontrollierten emotionalen Ausbrüchen und dissoziativen Zuständen kommen.

Eine Frau in Italiens Gesellschaft der Frühen Neuzeit durfte nicht offen sagen, dass sie ihren Mann ablehnte – und erst recht nicht, dass sie sich durch die Ehe gedemütigt oder entwürdigt fühlte. Schließlich wurde die Ehe als die größte Ehre verkauft. Und weil die Frau mit ihren Gefühlen ein Dogma verletzte, dessen Infragestellung undenkbar war, verlagerten die Männer solche Vorkommnisse in ein magisches Narrativ.

Quelle:
https://archive.org/details/compendiummalefi00guaz/page/120/mode/2up


Beitragsbild: KI