Die Hexen aus Ungarn
12.08.2025
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die medizinische Versorgung in den Dörfern unzureichend, deshalb übernahmen in abgelegenen Gegenden die Javas die Pflege der Kranken. Sie agierten oft wie eine Mischung aus Hebammen und Heilkundigen und waren damit eine Art Vorläuferinnen der modernen Krankenschwestern: sie versorgten, pflegten und unterstützten die Menschen in ihrem Umfeld, fühlten Verantwortung für ihre Gesundheit und handelten weitgehend selbstständig in ihrem Gemeinde-Kontext.
Heilkunde und Magie: Eine untrennbare Einheit
Heilkunde und Magie waren damals untrennbar miteinander verflochten, deshalb besaßen die Javas nicht nur ein überliefertes Wissen über Heilkräuter und Salben, sondern waren auch mit magischen Praktiken wie dem Blei- und Wachsgießen, Segnungen, Beschwörungsformeln und Flüchen vertraut[2]. Sie wurden im Dorf nicht nur bei Krankheiten und Geburten aufgesucht, sondern auch bei seelischen Problemen, Liebeskummer oder zur Abwehr von „bösen Kräften“.

Die Javas-Tradition ist uralt
Die Wurzeln der Javas-Tradition lassen sich in alten, vorchristlichen Religionen finden – in jener Zeit, als die Magyaren mit den Medern (ein altiranisches Volk) und später mit den Persern zusammenlebten, also mit einem der sieben medischen Stämme (ca. 1200–522 v. Chr.). In antiken Quellen erscheint dieses Volk unter verschiedenen, ähnlich klingenden Bezeichnungen: maga, magar, magi, magia, magier, magy, magos, magor, magus usw. (s. Ähnlichkeit zu dem Begriff „magyaren“).
Die Welt der Javasasszony
Mit der Figur der Javas ist ein reicher Schatz an Volksglauben verbunden, der sich oft schwer vom Glaubensbereich des Tudós (Weisen), Táltos (Schamanen), Boszorkány (Hexen) oder Halottlátó (Toten-Seher) abgrenzen lässt – auch die Begriffe vermischen sich. Ihr Wissen erlernten sie meist von älteren, erfahreneren Javas – oft wurde dieses Wissen innerhalb der Familie weitergegeben und durch eigene Erfahrung erweitert. In ländlichen und abgelegenen Regionen in Ostungarn, Südtransdanubien und Transkarpatien gibt es bis heute Dörfer, in denen Javas-Frauen aktiv sind oder von der Dorfgemeinschaft als solche angesehen werden. Auch in Regionen Transsilvaniens (Rumänien), in denen noch ungarische Dorfgemeinschaften leben, gibt es nach wie vor Javas-Frauen. Es gibt auch noch männliche Javas in Ungarn – diese sind jedoch deutlich seltener als die Javas-Frauen. Da das Wort „javas“ heute in Ungarn jedoch negativ konnotiert ist und eher so viel wie Scharlatan oder Quacksalber bedeutet, werden Frauen, die dieser Tradition nachgehen, nicht mehr „javasasszony“ genannt, sondern eher als Kräuterfrau (füvesasszony), Heilerin (gyógyító asszony) oder Seherin (látó) bezeichnet.
Javas und Schlangen gehören untrennbar zusammen
Javas verstehen die Sprache der Kräuter, weil sie Schlangen essen, und können Diagnosen aus der Ferne stellen. Sie können sowohl heilen als auch verfluchen, kennen sich mit Heilkräutern ebenso aus wie mit Giftpflanzen. Diese Doppelrolle spiegelt sich auch in den Hexenprozessen wider, in denen eine arme angeklagte Javas-Frau zu Protokoll gab: „Ich besitze das Wissen, um zu heilen oder zu zerstören.“ (Clara Bochÿ[1], Kolozsvár, 1565)
Und auch das Javas-Mittel darf nicht fehlen
Meistens arbeitet die Javas-Frau mit „dem Javas-Mittel“ (ungarisch: javas szer), einem traditionellen, von einer Javas-Frau hergestellten Heilmittel. Ein solches konnte je nach Krankheit, Region und überliefertem Wissen verschieden zusammengesetzt sein. Als wirksam galt es, weil es rituell zubereitet und übergeben wurde – oft begleitet von gesprochenen Formeln, Handbewegungen oder Zeichen. Die Wirkung beruhte also im Volksglauben auf einer Kombination aus Heilkraft der Natur und der geistigen Kraft der Javas-Frau. Der Begriff „javas szer“ wurde daher auch zu einem Symbol für „das gute, wirksame, alte Hausmittel“ – ganz gleich, was genau es enthielt. Es kam jedoch auch vor, dass eine Javas eine Behandlung ablehnte – nämlich dann, wenn die Krankheit durch den Fluch einer mächtigeren Person verursacht worden war. In solchen Fällen hielten sie ihre eigenen Mittel für unzureichend oder für wirkungslos gegenüber der stärkeren magischen Kraft der Verfluchenden.
Die Spezialisierungen der Javasasszony
Innerhalb der ungarischen Javas-Tradition gab es verschiedene Spezialisierungen:
- Salbenfrauen (kenőasszony) behandelten Beschwerden des Bewegungsapparates. Bei Rückenschmerzen oder Nackenverspannungen rieben sie den Patienten mit Salben auf der Basis von Fett oder gekochten Kräutern ein.
- Häufig war diese Salbung Teil eines Heilrituals, das mit einem Kräuterbad verbunden war. Dieses wurde wiederum von der Badefrau (fürösztőasszony) zubereitet.
- Die Segenssprecherin (ráolvasó asszony) arbeitete mit gesprochenen Formeln, Segenssprüchen oder Beschwörungen, um Krankheiten zu lindern oder „böse Einflüsse“ abzuwehren. Diese Sprüche wurden meist über Wasser, Salbe oder direkt über den Körper gesprochen.
- Die Gießerin (öntő asszony) war eine ritualkundige Frau, die geschmolzenes Blei, Zinn oder Wachs in kaltes Wasser goss, um durch die entstehenden Formen Krankheiten zu erkennen oder den Ursprung einer Störung zu deuten. Diese Praxis, ähnlich dem Bleigießen, wurde oft bei Angstzuständen, „bösem Blick“ oder seelischen Beschwerden angewandt. („Gießen ist Gebet – es besitzt große Kraft!“)
- Die Wilde-Haarausreißerin (vadszőrszedő) befasste sich mit dem Entfernen von eingewachsenen, „wild gewordenen“ Haaren.
- Die Messerinnen (Mérő) nahmen rituelle Messungen vor. Sie war dafür zuständig, durch Handauflegen oder „Abmessen“ mit Fäden oder Schnüren das energetische oder körperliche Ungleichgewicht im Körper zu erkennen. Diese Technik diente zur Diagnose und wurde oft mit rituellen Bewegungen verbunden.
- Die Baben (bába) waren Hebammen, die nicht nur Geburten begleiteten, sondern auch Fruchtbarkeitsrituale durchführten und Mutter und Kind schützten.
- Die Nekromantinnen (halottlátó asszonyok) wurden bei Kontaktaufnahmen mit Verstorbenen oder Ahnen befragt. Sie verfügten über das Wissen, Geister zu rufen oder Zeichen aus dem Jenseits zu deuten. In manchen Überlieferungen heißt es, sie konnten sich während ritueller Trancezustände in Tiere verwandeln – meist Vögel oder Wölfe.
- Das Einrenken verrenkter oder gebrochener Gliedmaßen übernahm der Knochenrichter (csontrakó). Dabei handelte es sich meistens um einen männlichen Javas.
- Der Aderlasser (érvágó) führte einfache medizinische Eingriffe wie das Öffnen von Venen zur Blutentnahme durch. Dies geschah mit der Absicht, den Körper zu „entlasten“ oder schädliche Stoffe auszuleiten. Auch diese Behandlung wurde meistens von männlichen Javas durchgefürt.
- Männliche Javas behandelten spezifische Männerprobleme, die Männer nicht mit Frauen besprechen wollten.
Das Christentum erklärte die Javas-Frauen als dämonisch
Als die katholische Kirche im Zuge der Christianisierung Ungarns ab dem 11. Jahrhundert zunehmend Einfluss auf die Behandlung von Krankheit und Heilkunst gewann, wurden traditionelle Praktiken, wie sie von den Táltos und den Javasasszonyok ausgeübt wurden, oftmals stigmatisiert. Im Rahmen der Hexenverfolgungen in Ungarn – die besonders im 16. bis 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten – wurden Volksheilerinnen und Heiler häufig als „tudos“, also „Zauberinnen, die sich als Heilerinnen ausgeben“, angeklagt. Ihnen wurde unterstellt, dem Teufel zu dienen und mit okkulter Magie zu heilen – was im Sinne des kirchlichen Dogmas als Häresie oder Hexerei gedeutet wurde. Hexenprozesse richteten sich nicht nur gegen vermeintliche Hexen, sondern auch gegen Personen, deren heilkundliche Fähigkeiten nicht in strikte christliche Vorstellungen passten.
Das Königreich Ungarn (ab 1000 n. Chr.) umfasste Transdanubien, Transsilvanien, Vojvodina, Burgenland, Teile der heutigen Slowakei und der Ukraine (= Karpatendeutschland) sowie Teile Kroatiens und Polens. Mit der Teilung Ungarns 1526 zwischen habsburgischer Herrschaft (Nord- und Westungarn, Teile der heutigen Slowakei, Burgenland), osmanischem Einfluss (z.B. Buda und Pest) und autonomen Fürstentümern (z.B. Transsilvanien), wurden regionale Unterschiede sichtbar: In katholisch geprägten Gebieten unter Habsburger Herrschaft waren die Verfolgungen besonders unerbittlich. „Magische“ Heilpraktiken wurden dort zunehmend kriminalisiert und mit dem aufkommenden Berufsverständnis von Ärzten und Pflegepersonal in Konkurrenz gesehen – was auch zur negativen Konnotation gegenüber den Javas beitrug. Transsilvanien hingegen, als fürstlich-autonome Provinz mit verschiedenen Religionsgemeinschaften, zeigte eine größere Toleranz gegenüber traditionellen Heilmethoden – gerade auch gegenüber der Javas-Tradition. Da Transsilvanien früher zum ungarischen Königreich gehörte, wurde sie als Teil des lokalen sozialen Gefüges angesehen. Während also die ungarischstämmigen Javas in Städten wie Sopron (Ödenburg), Győr (Raab), Vas (Eisenburg), Pressburg (Bratislava) und dem Burgenland, die unter habsburgischer Herrschaft standen, zunehmend unterdrückt, kriminalisiert und als Hexen verfolgt wurden, konnten sie in den unter osmanischen Einfluss geratenen Gebieten wie Buda, Pest sowie im autonomen Fürstentum Transsilvanien ihre heilkundlichen Traditionen zunächst weitgehend unbehelligt weiterführen. Dort blieb der soziale und kulturelle Rückhalt für die Javas über längere Zeit bestehen. Erst ab dem 15. Jahrhundert setzte auch in Transsilvanien (dem Teil Rumäniens, in das im 12. Jahrhundert viele Deutsche eingewandert waren) schrittweise eine Verschärfung ein, in deren Folge die Java-Frauen zunehmend mit dem Vorwurf der Hexerei konfrontiert und schließlich ebenfalls verfolgt wurden.
Heutzutage erlebt das alte Kulturerbe eine Renaissance. Immer mehr junge Menschen entdecken das Wissen und die spirituelle Praxis ihrer Ahninnen neu und lassen sich davon inspirieren. Es entstehen neue Javas-Frauen und -Männer, die sich zum Ziel setzen, das überlieferte Heilwissen nicht nur historisch zu rekonstruieren, sondern es zugleich in einen zeitgemäßen Kontext zu stellen. Dabei verbinden sie traditionelle Elemente mit modernen Bedürfnissen und entwickeln die Praktiken behutsam weiter, um sie in der heutigen Welt wirksam und lebendig zu erhalten. Sie finden ihre Weltanschauung in den Lehren der Hermetik und im Tarot wieder und schlagen damit eine Brücke zu allen neuheidnischen oder neuplatonistischen Strömungen der Neuzeit.
Quellen:
[1] Clara Bochÿ, Die Meisterin der Geschichten, Opfer der ersten Hexenverfolgung in Transsilvanien, weiberkraft.com
gyógyító (Heiler), Ungarische Elektronische Bibliothek
Weiterführende Literatur:
The worldview of Hungarian paganism, dailynewshungary.com
[2] Die Heilanwendungen der Javas-Frauen (Javasasszony), weiberkraft.com
Beitragsbild: KI