Die Wolfritterin
Opfer der Hexenprozesse in Basel
Die geschätzt dreißigjährige Äscherin und Ehefrau Ita Lichtermuttin aus Pfeffingen wurde im Jahre 1532 gemeinsam mit Dilge Glaser und Agnes Salathe[1] der Hexerei bezichtigt, eingekerkert, gefoltert und in Basel hingerichtet.

Hoheitsgewalt: Bistum Basel, bischöfliches Territorium
Herrschaftsform: Grundherrschaft kombiniert mit der übergeordneten Landesherrschaft der Eidgenossen, Abt Sebastian Seemann
Landesherrschaft: Fürstbischof Philipp von Gundelsheim
Reichszugehörigkeit: Heiliges Römisches Reich (Reichsfürstentum)
Reichskreiszugehörigkeit: Oberrheinischer Reichskreis
Höchste kirchliche Autorität: Papst Clemens VII.
Höchste regionale kirchliche Autorität: Pfarrer von Pfeffingen
Höchste weltliche Autorität: Kaiser Karl V.
Höchste regionale weltliche Autorität: Dingmeister (Dorfvorsteher) oder Vogt von Pfeffingen
Weitere Beteiligte: –
Hintergründe zur Verurteilung
Die Ursache für die Verurteilung von Ita Lichtermutt war unter anderem, dass sie „einen Wolf geritten“ haben soll. Ihr Teufelsname sei laut erfoltertem Geständnis „Ruby“ gewesen. Weitere „Delikte“ wie Schadenszauber und Wettermacherei (Herbeizaubern eines Hagelsturms durch Schlagen einer Haselrute in einen Brunnen) soll sie gemeinsam mit ihren „Hexenkolleginnen“ Dilge Glaser und Agnes Salathe ausgeführt haben[4]. Vermutlich wurden die drei, wie zu dieser Zeit noch üblich, in einen Sack genäht und im Rhein ertränkt.
Das Leben von Ita Lichtermuttin
Ita Lichtermutt wohnte mit ihrem Ehemann in Pfeffingen, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Basel, die innerhalb einer hügeligen Landschaft und von Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben war. Sie war Äscherin, stellte also Leder her. Das Leben einer Äscherin begann am frühen Morgen mit den vorbereiteten Tierhäuten, die sie von einem Bauern oder vom Metzger im Nachbardorf bekommen hatte. Die Häute musste sie zunächst im Äscher behandeln. Das war ein Bottichverfahren, bei dem die Häute in eine Lauge aus Asche gelegt wurden. Das Fell wurde dadurch aufgeweicht, die Haare gelöst und das Gewebe für die weitere Bearbeitung vorbereitet. Ita musste die Häute regelmäßig mit einem Holzstock bewegen und die Flüssigkeit umrühren, damit die Äscherung gleichmäßig wirkte. Danach folgte das Entfleischen und Enthaaren: Mit einem speziellen Messer schabte sie Haare, Fleisch- und Fettreste von der Haut ab. Diese Arbeit war schwer, körperlich anstrengend und sehr unangenehm im Geruch. Die nächste Etappe bestand im Spülen in Wasser, damit die Lauge ausgewaschen wurde. Dies geschah vermutlich im Ibach, dem Dorfbach. Dann begann die eigentliche Gerbung: In Pfeffingen wurde wahrscheinlich mit Lohe (Eichenrinde) gegerbt, da sie im Baselbiet leicht verfügbar war. Dafür legte Ita die Häute wochenlang in Gruben, schichtete sie mit zerkleinerter Eichenrinde und übergoss sie regelmäßig mit Wasser. Ihr täglicher Rhythmus bestand aus wiederkehrenden Kontrollgängen: Sie musste die Gruben prüfen, die Häute wenden, neue Rinde hinzufügen. Am Abend folgten kleinere Bearbeitungsschritte: Glätten, Zuschneiden oder das Weichmachen der schon halbfertigen Lederstücke, manchmal durch Kneten mit Fetten. Endprodukte waren etwa Sohlenleder, Gurte, Riemen oder einfache Schuhoberleder, die dann an Schuhmacher oder Sattler weiterverkauft wurden. Dazwischen gab es häusliche Tätigkeiten – Kochen, Kinderbetreuung, Wäsche waschen.
Historischer Kontext
Ita lebte in einer Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche, die sowohl ihren Glauben als auch ihre wirtschaftliche Existenz beeinflusst haben dürften. Mit der Reformation 1517 nahm Basel zunehmend eine protestantische Prägung an. Es ist durchaus möglich, dass Ita ursprünglich katholisch war – und wenn dem so war, hätte dies bedeutet, dass sie nicht nur religiös, sondern auch sozial und wirtschaftlich in eine Außenseiterrolle gedrängt werden konnte. Kontakte zu katholisch geprägten Regionen wurden schwieriger, Handelsbeziehungen zu anderen protestantischen Gebieten konnten jedoch intensiviert werden. Die religiösen Wirren der Zeit spiegelten sich in den eidgenössischen Konflikten wider. Die Kappelerkriege von 1529 und 1531, die mit der Verbrennung des reformierten Pfarrers Jakob Kaiser in Schwyz begannen, mussten Ita in Unsicherheit versetzt haben. Sie erlebte hautnah mit, wie Glaubensfragen in das tägliche Leben eingriffen, Nachbarschaften spalteten und selbst im ländlichen Umfeld von Pfeffingen nicht ohne Folgen blieben.
Dennoch dürfte Ita als Äscherin keine große Angst vor wirtschaftlichen Einbußen gehabt haben. Sie stand wirtschaftlich vermutlich gut da, denn auch protestantische Kirchen benötigten Leder für ihre Sitzmöbel, auch wenn sie dafür aus Glaubensgründen mit weniger Leder auskamen. Die reformatorische Ästhetik war pragmatischer und schlichter und nicht so prunkvoll wie die katholischen Kirchen. Dieser Verlust konnte jedoch dank des Buchdrucks wiederum ausgeglichen werden, denn Bücher wurden traditionell in Leder eingebunden. Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert hatte dafür gesorgt, dass zahlreiche reformatorische Schriften gedruckt und die Bücher exportiert wurden. Basel wurde zu einem Dreh- und Angelpunkt für den Handel mit Büchern, was die Stadt international bekannt machte.
Mögliche Hintergründe der Anklage
Nicht nur in katholischen Gegenden wurden Frauen und Männer als Hexen verfolgt. In den protestantischen Regionen war der religiöse Eifer nicht geringer. Mitunter wirkte es fast so, als hätten Katholiken und Protestanten ein makabres Kräftemessen veranstaltet – als könne die Zahl der Hexenverbrennungen ein Beweis dafür sein, welche Religion die „wahre“ oder die „bessere“ sei. Führende reformatorische Persönlichkeiten wie Martin Luther waren Befürworter der Inquisition. Die Hexenverfolgung war also keine konfessionsspezifische Praxis, sondern ein Phänomen, das sich durch die gesamte europäische Gesellschaft und über alle religiösen Grenzen hinweg zog.
Über die genauen Umstände, die dazu führten, dass Ita Lichtermutt in den Verdacht der Hexerei geriet, ist nur wenig bekannt. Die Vorstellung, sie sei auf einem Wolf geritten, könnte jedoch damit zusammenhängen, dass sie beruflich mit Tieren und Tierkadavern zu tun hatte. Solche Berührungen mit dem Tod oder mit tierischen Substanzen wurden in dieser Zeit oft als verdächtig angesehen und mit magischen Praktiken assoziiert. So entstanden Legenden, die Menschen wie Ita märchenhaft dämonisierten.
Ebenso vorstellbar ist, dass weniger die angeblichen Hexentaten als vielmehr ihr Festhalten am alten Glauben den Ausschlag für die Verfolgung gab. In den Dokumenten heißt es, dass Ita gemeinsam mit Dilge Glaser und Agnes Salathe Pfarrer Jakob und den Schaffner mit einem Schadenszauber belegt hätten. Dies könnte darauf hindeuten, dass die beiden „Geschädigten“ auch die Ankläger waren. Die Erinnerung an Dilges verlorene Angehörige, die ebenfalls Opfer von Hinrichtungen und brutalen Strafen geworden waren[3], lässt weiterhin vermuten, dass hier nicht nur individuelles Schicksal wirkte, sondern ein Muster erkennbar ist: Frauen, die in ihrem Glauben nicht mit dem Zeitgeist gingen, wurden ausgegrenzt, gebrandmarkt und schließlich vernichtet. So erscheint es durchaus plausibel, dass Ita Lichtermutt, Dilge Glaser und Agnes Salathe am Ende weniger wegen Hexerei starben, sondern vielmehr deshalb, weil sie als letzte Katholikinnen in Pfeffingen im reformierten Umfeld keinen Platz mehr hatten.
Zu dieser Vermutung passt auch, dass die drei Frauen in Wahrheit kaum etwas miteinander verband. In den überlieferten Dokumenten lässt sich kein wirklicher Zusammenhang zwischen Ita Lichtermutt, Dilge Glaser und Agnes Salathe erkennen. Ihr sozialer Hintergrund war sehr unterschiedlich: Ita war verheiratet und genoss als Äscherin einen gewissen Status in der Gemeinde, Dilge hingegen war eine mittellose Witwe mit sechs Kindern, und über Agnes erfährt man überhaupt nichts. Der gesamte Prozess gegen die drei „Hexen von Pfeffingen“ erscheint damit eher konstruiert als glaubwürdig.
Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die drei Frauen laut den Prozessakten angeblich ganz ohne Folter übereinstimmend dieselben Aussagen gemacht haben sollen – über Hexensabbate, Schadenszauber, die Art der Rituale usw. Solch eine Gleichförmigkeit der Geständnisse ist jedoch bei Hexenprozessen kaum spontan erklärbar, sondern entsteht in aller Regel durch die Anwendung von Folter in Verbindung mit suggestiven Fragen seitens der Inquisitoren. Daher liegt die Vermutung nahe, dass Ita Lichtermutt, Dilge Glaser und Agnes Salathe sich zwar als Bewohnerinnen desselben Dorfes kannten, tatsächlich aber nichts Wesentliches miteinander verband. Erst durch die Anklage wurden sie künstlich in ein gemeinsames „Hexenbündnis“ hineingezwungen.
Juristische Rehabilitierung lt. Baseler Behörden „nicht möglich“
Mehrere Anträge zur offiziellen Wiederherstellung der Unschuld[7] (eingereicht vom Verein „Frauenstadtrundgang Basel“[5]) wurden abgelehnt. Begründung: Die Beweislage sei zu lückenhaft, viele Prozessakten nicht mehr vorhanden. Und das bei Fällen, in denen Frauen beschuldigt wurden, auf Wölfen geritten zu sein oder durch das Schlagen von Brunnenwasser mit Haselruten verheerende Hagelstürme heraufbeschworen zu haben sollen.
Am 22. März 2019 wurde auf Initiative der Großrätin Brigitta Gerber (Frauenstadtrundgang Basel) eine Gedenktafel eingeweiht[6]. Sie steht beim Käppelijoch auf der Mittleren Brücke[2] – einem historischen Ort, an dem viele vermeintliche Hexen in den Rhein gestoßen wurden. Die Tafel würdigt die Opfer der Hexenverfolgung mit den Worten: „Basel gedenkt der Menschen, die in früheren Jahrhunderten der Hexerei bezichtigt, verfolgt, gefoltert und getötet worden sind.“ Die Regierung nennt diesen Schritt „symbolische Rehabilitierung“.
Vielleicht müsste man den Weg der Rehabilitierungen neu denken, wenn die „Datenlage“ angeblich „zu lückenhaft“ ist. Anstatt die Unschuld der vermeintlichen Hexen im Einzelnen nachzuweisen, könnte man im Nachhinein die sogenannten „Hexenjäger“ ausnahmslos verurteilen – das würde die betroffenen Frauen, deren Ruf über Generationen zerstört wurde, indirekt rehabilitieren. Doch ein solcher Schritt bleibt unrealistisch, nicht zuletzt wegen der bestehenden Machtverhältnisse. Und wie die Geschichte zeigt, führen Verschiebungen solcher Verhältnisse fast immer in krisenhafte, wirtschaftlich instabile und für viele Menschen unwürdige Zeiten.
„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden,denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird. Sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen. Sie können ein Kind verzaubern. Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird. Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu. Sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker. Über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann. Die Zauberinnen sollen getötet werden,weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder. Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“
Marthin Luther, Predigt am 6. Mai 1526
Literatur zu Ita Lichermutt:
Der Menschenwahn im Spiegel der Hexenprozesse und Justizmorde: Hexenprozesse in der Schweiz – Projekt Gutenberg
Pfeffingens Geschichte der Neuzeit – Gemeinde Pfeffingen
Hexen und / oder Heiler*innen? – Stadtgeschichte Basel
Hexenpredigt von Martin Luther – Website des Arbeitskreis Aufarbeitung Hexenverfolgung | Leipzig
Quellen:
[1] Pfeffingens Geschichte der Neuzeit, pfeffingen.ch
[2] Hexenverfolgung in Basel, Gedenktafel in Basel, wikipedia
[3] Sex and the Devil: An Interview with Laura Stokes, notchesblog.com
[4] B. Emil König, Der Menschenwahn im Spiegel der Hexenprozesse und Justizmorde, projekt-gutenberg.org
[5] Frauenstadtrundgang Basel
[6] Einweihung der Gedenktafel für die Opfer der Hexenverfolgung, bs.ch
[7] Anzug Brigitta Geber und Konsorten betreffend «Rehabilitierung der Opfer von Hexenverfolgung in Basel», grosserrat.bs.ch
Bild: KI