Contra Galilaeos ist ein antichristliches Werk des letzten heidnischen Kaisers von Rom, Flavius Claudius Julianus. Aufgrund seiner Bestrebungen wird er in christlichen Texten Julian der Abtrünnige (Julian Apostata) genannt. Als Neffe von Konstantin dem Großen entstammte er der konstantinischen Dynastie und stand damit in unmittelbarem Zusammenhang mit der neu gegründeten christlichen Kaisertradition. Julian wurde zunächst christlich erzogen, im Laufe seines Studiums jedoch wandte er sich der neuplatonischen Philosophie zu, die ihn intellektuell stark beeinflusste. Als Erwachsener kehrte er schließlich bewusst zu der klassischen polytheistischen Religion seiner Vorväter zurück. Kurz nach seinem Amtsantritt als Alleinherrscher des Römischen Reiches im Jahr 361 n. Chr. verfasste er Contra Galilaeos – eine Art ideologisches Manifest, mit dem er sein erklärtes Ziel untermauern wollte: die Wiederherstellung und Rehabilitierung der antiken Religionen.
Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten lobten Julian für seinen Mut, eine „heidnische Gegenreformation“ zu unternehmen. Zu seinen Bewunderern zählte auch der Rhetoriklehrer Libanios, einer der bedeutendsten heidnischen Intellektuellen seiner Zeit. In seiner berühmten Rede „Pro Templis“(2) schildert er, wie Julian zahlreiche Gesetze gegen heidnische Bräuche wieder aufhob – darunter das Verbot des rituellen Opferns, das für die Römer und Griechen von zentraler Bedeutung war. Julians Regierungszeit währte jedoch nur kurz: Nach nur zwei Jahren als Kaiser fiel er im Jahr 363 n. Chr. während seines Feldzugs gegen die Perser – unter bis heute ungeklärten Umständen. Manche antike Quellen vermuten, dass er nicht im Kampf, sondern durch die Hand eines fanatischen Christen ermordet wurde. Julians Werk ist nur fragmentarisch überliefert, vor allem durch Zitate und Widerlegungen in den Schriften des christlichen Theologen Kyrill von Alexandria.


ANFANG
Ich halte es für angebracht, allen Menschen darzulegen, aus welchen Gründen ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass die Lehre der Galiläer ein von Menschenhand erdichtetes Werk ist, geboren aus Bosheit. Obwohl sie nichts Göttliches in sich trägt, hat sie durch geschickte Ausnutzung jenes Teils der Seele, die sich nach Fabeln sehnt, die kindlich und töricht ist, die Menschen dazu verleitet, ein ungeheures Märchen für Wahrheit zu halten. Da ich beabsichtige, auf ihre ersten Lehrsätze – wie sie es nennen – einzugehen, möchte ich vorab sagen: Wer mich widerlegen will, möge dies tun, als befände er sich in einem Gerichtssaal – ohne Nebensächlichkeiten einzubringen oder, wie es heißt, Gegenklagen zu erheben, bevor er nicht seine eigene Lehre verteidigt hat. Denn es wird klarer und gerechter sein, wenn man meine Auffassungen kritisieren möchte, dies getrennt zu tun; wenn man sich aber gegen meine Kritik verteidigen will, dann ohne Gegenvorwürfe.
Es lohnt sich, in wenigen Worten daran zu erinnern, woher und auf welche Weise wir überhaupt zu einer Vorstellung von Gott gelangt sind; sodann, um zu vergleichen, was über das Göttliche bei den Hellenen und den Hebräern gesagt wird; und schließlich diejenigen zu befragen, die weder Hellenen noch Juden sind, sondern der Sekte der Galiläer angehören, warum sie den Glauben der Juden dem unseren vorgezogen haben – und weshalb sie nicht einmal bei den jüdischen Überzeugungen geblieben sind, sondern auch diese verlassen haben, um einem eigenen Weg zu folgen. Denn sie haben keine einzige bewundernswerte oder bedeutende Lehre übernommen, weder von uns Hellenen noch von den Hebräern, die sie von Moses empfangen hatten. Vielmehr haben sie aus beiden Religionen das aufgenommen, was man gleichsam als Unkraut bezeichnen könnte: vom jüdischen Leichtsinn die Gottlosigkeit, von unserer Trägheit und Grobheit einen dürftigen und nachlässigen Lebenswandel – und verlangen nun, dass dies als die edelste Form des Gottesdienstes gelten soll.
Dass der Mensch zur Erkenntnis Gottes nicht durch Belehrung, sondern von Natur aus gelangt, zeigt sich vor allem in dem allgemeinen Verlangen nach dem Göttlichen, das in allen Menschen lebt – ob als Einzelne oder als Gemeinschaft, als Individuen oder Völker. Denn alle von uns, ohne belehrt worden zu sein, sind zu einem Glauben an eine Art von Gottheit gelangt, auch wenn es nicht jedem leichtfällt, die genaue Wahrheit darüber zu erkennen, und selbst jene, die sie erkannt haben, sind nicht imstande, sie allen Menschen mitzuteilen. Neben dieser allgemeinen Vorstellung gibt es noch eine andere: Wir alle sind von Natur aus so sehr mit dem Himmel und den sichtbaren Göttern verbunden, dass selbst wer sich einen anderen Gott vorstellt, ihm stets den Himmel als Wohnort zuschreibt. Nicht etwa, weil er ihn von der Erde trennen will, sondern weil er – sozusagen – den König des Alls im Himmel ansiedelt, als dem ehrwürdigsten Ort, und ihn von dort aus die Geschicke der Welt lenken lässt.
Was brauche ich Hellenen und Hebräer als Zeugen dafür zu rufen? Es gibt keinen Menschen, der beim Beten nicht die Hände zum Himmel erhebt; und ob einer bei einem oder mehreren Göttern schwört – wenn er überhaupt eine Vorstellung vom Göttlichen hat –, so richtet er sich stets himmelwärts. Und das ist nur natürlich: Denn die Menschen haben beobachtet, dass die Himmelskörper weder wachsen noch abnehmen, dass sie sich nicht willkürlich verändern, sondern in harmonischer Bewegung stehen, dass ihre Abläufe geordnet sind – die Mondphasen, die Auf- und Untergänge der Sonne folgen festen Rhythmen. Daraus entstand die Vorstellung, der Himmel sei ein Gott und zugleich der Thron eines Gottes. Denn ein Wesen dieser Art, das nicht durch Zunahme oder Abnahme beeinflusst wird, das über aller Veränderung steht, das weder Geburt noch Verfall kennt, das unvergänglich und unsterblich ist – ein solches Wesen ist rein von jedem Makel. Ewig und in ständiger Bewegung umkreist es den großen Schöpfer – sei es durch eine edle und göttliche Seele, die in ihm wohnt, so wie unsere Körper von der Seele durchdrungen sind, oder weil es seine Bewegung unmittelbar von Gott empfangen hat und in endloser Bahn seine ewige Reise fortsetzt.
Zwar ist es richtig, dass die Hellenen sich Mythen über die Götter ausgedacht haben – unglaubliche und ungeheuerliche Geschichten. So sagten sie etwa, Kronos habe seine Kinder verschlungen und sie später wieder ausgespien; oder dass Zeus mit seiner Mutter verkehrte und mit ihr ein Kind zeugte, um später seine eigene Tochter zu nehmen – oder besser gesagt, er heiratete sie nicht einmal, sondern hatte einfach Verkehr mit ihr und übergab sie dann einem anderen. Oder die Sage, dass Dionysos in Stücke gerissen und wieder zusammengesetzt wurde. Solche Erzählungen findet man in den Mythen der Hellenen.
Vergleicht man damit die jüdische Lehre: Gott pflanzte einen Garten, erschuf Adam – und für Adam dann die Frau. Denn Gott sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Lasst uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht.“ Doch statt ihm zu helfen, verführte sie ihn und war mitverantwortlich für seinen wie ihren eigenen Fall aus dem paradiesischen Zustand.
Das ist ganz und gar fabelhaft. Denn ist es glaubhaft, dass Gott nicht wusste, dass das Wesen, das er als Gehilfin erschuf, sich nicht als Segen, sondern vielmehr als Unglück für den Mann erweisen würde, dem sie zugeteilt war? Und was für eine Sprache, so muss man fragen, soll eigentlich die Schlange gesprochen haben, als sie mit Eva redete? War es die Sprache der Menschen? Und worin unterscheiden sich solche Legenden von den Mythen, die die Hellenen erfunden haben? Ist es nicht überaus seltsam, dass Gott den Menschen, die er selbst erschaffen hatte, die Fähigkeit absprach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden? Was könnte törichter sein als ein Wesen, das nicht erkennt, was gut und was schlecht ist? Denn offensichtlich würde es das Schlechte nicht meiden, noch das Gute anstreben. Kurz gesagt: Gott verweigerte dem Menschen die Weisheit – und was könnte für den Menschen von größerem Wert sein als gerade diese? Dass nämlich die Fähigkeit, zwischen gut und weniger gut zu unterscheiden, ein Wesensmerkmal der Weisheit ist, dürfte selbst dem Einfältigsten einleuchten. Insofern war die Schlange eher ein Wohltäter der Menschheit als deren Verderber. Darüber hinaus muss man sagen, dass ihr Gott als neidisch bezeichnet werden muss. Denn als er sah, dass der Mensch Anteil an der Weisheit erlangt hatte, wollte er nicht, dass dieser auch noch vom Baum des Lebens esse. Also vertrieb er ihn aus dem Garten und sprach, wörtlich: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von uns, weil er weiß, was gut und was böse ist. Nun aber soll er nicht auch noch seine Hand ausstrecken und vom Baum des Lebens nehmen und ewig leben.“ Wenn also nicht jede dieser Geschichten ein Mythos ist, der einer verborgenen Deutung bedarf – wie ich es in der Tat glaube –, dann enthalten sie zahlreiche gotteslästerliche Aussagen: Erstens, dass Gott nicht wusste, dass die als Gehilfin geschaffene Frau den Fall verursachen würde; zweitens, dass er den Menschen das Wissen um Gut und Böse verweigerte – ein Wissen, das allein dem menschlichen Denken Kohärenz verleiht; und schließlich, dass er aus Eifersucht nicht wollte, dass der Mensch unsterblich werde, indem er auch vom Baum des Lebens esse – all das zeugt von einem übertrieben missgünstigen und neidischen Gott.
Kommen wir nun zu den Auffassungen, die von den Juden richtig vertreten werden, und auch zu jenen, die unsere Vorfahren von Anfang an überliefert haben. Unsere Darstellung enthält die Idee eines unmittelbaren Schöpfers dieses Universums, wie das Folgende zeigt:
Moses hat tatsächlich kein einziges Wort über Götter gesagt, die diesem Schöpfer übergeordnet wären, ja, er hat sich nicht einmal über die Natur der Engel geäußert. Zwar hat er mehrfach betont, dass diese Gott dienen, aber ob sie erschaffen oder unerschaffen sind, ob sie von einem Gott erschaffen wurden, um einem anderen zu dienen, oder in welcher Weise auch immer sie entstanden – dazu sagt er nichts Bestimmtes. Er beschreibt lediglich, wie Himmel und Erde und alles, was darin ist, geordnet wurden: teils habe Gott sie befohlen – wie das Licht und das Himmelsgewölbe –, teils habe er sie erschaffen – wie Himmel und Erde, Sonne und Mond. Und was bereits existierte, aber verborgen war – etwa Wasser und trockenes Land –, habe Gott voneinander getrennt. Über die Entstehung oder Erschaffung des Geistes aber wagt Moses kein Wort zu sagen – nur dies: „Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.“ Doch ob dieser Geist erschaffen oder unerschaffen ist, bleibt vollkommen unklar.
Vergleichen wir nun, wenn Sie wollen, die Aussagen Platons. Sehen wir, was er über den Schöpfer sagt, und welche Worte er ihm bei der Erschaffung des Universums in den Mund legt – damit wir Platons Darstellung mit der des Moses vergleichen können. So wird ersichtlich, wer edler war und würdiger, mit Gott zu verkehren – Platon, der den Götterbildern opferte, oder jener, von dem die Schrift sagt, dass Gott mit ihm „von Mund zu Mund“ sprach: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der erste Tag. Und Gott sprach: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser. Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, und das Trockene erscheine. Und es geschah so. Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorbringen und Bäume, die Früchte tragen. Und Gott sprach: Es sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde leuchten. Und Gott setzte sie an das Himmelsgewölbe, damit sie über Tag und Nacht herrschen.“
In all dem, so kann man beobachten, sagt Moses nicht, dass die Tiefe von Gott erschaffen wurde, auch nicht die Finsternis oder das Wasser. Und doch, nachdem er im Hinblick auf das Licht gesagt hat, dass Gott es befahl, und es entstand, hätte er eigentlich auch über die Nacht, die Tiefe und das Wasser sprechen müssen. Doch über sie sagt er kein einziges Wort, das andeutet, sie seien nicht schon vorher da gewesen, obwohl er sie häufig erwähnt. Ebenso wenig spricht er über die Geburt oder Erschaffung der Engel oder darüber, auf welche Weise sie ins Dasein traten, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit den himmlischen und irdischen Körpern. Daraus ergibt sich, dass Gott nach der Darstellung des Moses nichts Unkörperliches erschafft, sondern lediglich die schon vorhandene Materie ordnet. Denn die Worte: „Und die Erde war wüst und leer“ können nur bedeuten, dass Moses das Feuchte und das Trockene als Urmaterie betrachtet und Gott als denjenigen einführt, der diese Materie gestaltet.
Nun aber hören wir, was Platon über das Universum sagt: „Nun also: Der gesamte Himmel, das All – oder welchen anderen Namen man ihm auch geben mag, möge er so von uns genannt werden –, bestand es ewig, ohne Anfang der Entstehung, oder ist es entstanden und hatte einen Anfang? Es ist entstanden. Denn es ist sichtbar, greifbar und hat einen Körper; und alles dergleichen ist Gegenstand der Sinneswahrnehmung. Solche sinnlich erfassbaren Dinge, die durch Meinung und Wahrnehmung erkannt werden, sind Dinge, die, wie wir gesehen haben, entstanden sind. […] Daraus folgt also, gemäß vernünftiger Überlegung, dass wir sagen müssen: Dieses Universum ist als ein lebendiges Wesen entstanden, das wahrhaft Seele und Vernunft besitzt, durch die Vorsehung Gottes.“
Vergleichen wir nun beides Punkt für Punkt: Welche Worte spricht der Gott in der Darstellung des Moses, und welche Worte legt Platon dem Weltschöpfer in den Mund?
„Und Gott sprach: Lasst uns den Menschen machen, nach unserem Bild und Gleichnis, dass sie herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles, was sich auf Erden regt. Und Gott schuf den Menschen, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie. Und Gott sprach: Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische im Meer, über die Vögel des Himmels und über alles Vieh und über die ganze Erde.“
Nun aber hört auch die Rede, die Platon dem Schöpfer des Alls in den Mund legt:
„Götter der Götter! Die Werke, deren Schöpfer und Vater ich bin, sollen unauflöslich bestehen, solange es mein Wille ist. Wahrlich, alles, was gebunden ist, kann gelöst werden – doch das, was wohlgeordnet und in gutem Zustand ist, zu lösen, wäre das Werk eines bösen Wesens. Deshalb: Da ihr ins Dasein getreten seid, seid ihr zwar nicht unsterblich oder völlig unauflöslich – dennoch sollt ihr keineswegs aufgelöst werden oder dem Tod anheimfallen, da ihr in meinem Willen ein Band gefunden habt, das stärker und mächtiger ist als jene Bande, durch die ihr bei eurer Entstehung gebunden wurdet. So hört denn das Wort, das ich euch verkünde: Drei Arten sterblicher Wesen sind noch nicht geboren, und wenn diese nicht entstehen, wird der Himmel unvollständig bleiben. Denn er wird dann nicht alle Arten lebender Wesen in sich tragen. Doch wenn diese entstehen und von mir Leben empfangen sollten, würden sie den Göttern gleich sein. Damit sie aber sterblich seien, und damit dieses All in Wahrheit ein vollständiges All sei, wendet euch gemäß eurer Natur der Erschaffung lebendiger Wesen zu, indem ihr meine Kraft nachahmt, wie ich sie bei eurer Erschaffung gezeigt habe. Und den Teil von ihnen, der fähig ist, denselben Namen wie die Unsterblichen zu tragen – den man göttlich nennt, jenes Prinzip, das in ihnen wohnt und alle regiert, die gewillt sind, der Gerechtigkeit und euch zu folgen – diesen Teil werde ich selbst säen, ins Leben rufen und euch übergeben. Den übrigen Teil aber, verwebt ihr, indem ihr das Sterbliche mit dem Unsterblichen verbindet, erschafft Lebewesen und bringt sie zur Geburt; dann nährt sie, vermehrt sie – und wenn sie sterben, nehmt sie wieder in euch auf.“
Da ihr nun im Begriff seid zu erwägen, ob dies nur ein Traum sei, so lernt den wahren Sinn dessen kennen. Platon nennt jene Götter, die sichtbar sind – Sonne, Mond, Sterne und den Himmel – „Götter“, aber sie sind nur Abbilder der unsichtbaren Götter. Die Sonne, die wir mit unseren Augen sehen, ist das Abbild einer intelligiblen und unsichtbaren Sonne. Ebenso ist der sichtbare Mond und jeder einzelne Stern ein Abbild des intelligiblen Prinzips. Demnach kennt Platon jene intelligiblen und unsichtbaren Götter, die im Schöpfer selbst enthalten sind, mit ihm bestehen und aus ihm hervorgegangen sind. Daher ist es nur folgerichtig, dass der Schöpfer in Platons Darstellung „Götter“ sagt, wenn er sich an diese unsichtbaren Wesen wendet, und „von Göttern“ spricht, wenn er offensichtlich die sichtbaren Götter meint. Der gemeinsame Schöpfer beider – der sichtbaren wie der unsichtbaren Götter – ist jener, der Himmel und Erde und Meer und Sterne erschuf und im intelligiblen Bereich die Urbilder all dieser Dinge hervorbrachte.
Beachtet nun, dass auch das Folgende gut gesagt ist. Denn er fährt fort: „Es verbleiben drei Arten sterblicher Wesen“, womit er offenbar Menschen, Tiere und Pflanzen meint – denn jede dieser Gruppen ist durch eine eigene Definition gekennzeichnet. „Wenn nun auch diese durch mich entstehen sollten“, so fährt er fort, „würden sie notwendigerweise unsterblich.“ Und in der Tat: Im Fall der intelligiblen Götter und des sichtbaren Universums besteht kein anderer Grund für deren Unsterblichkeit als der, dass sie durch die Tat des Schöpfers ins Dasein traten. Wenn er also sagt: „Jenen Teil von ihnen, der unsterblich ist, muss der Schöpfer ihnen geben“, so meint er damit die denkende Seele. „Den übrigen Teil“, sagt er, „verwebt ihr, die ihr Götter seid, das Sterbliche mit dem Unsterblichen.“ Es ist also klar, dass die schöpferischen Götter von ihrem Vater die schöpferische Kraft erhielten und auf Erden alle sterblichen Lebewesen hervorbrachten. Denn wenn es keinerlei Unterschied zwischen dem Himmel, den Menschen, den Tieren und – bei Zeus! – bis hinunter zu den Kriechtieren und kleinen Fischen im Meer gäbe, dann müsste es nur einen einzigen Schöpfer für sie alle geben. Wenn aber eine tiefe Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen besteht – eine Kluft, die weder durch Hinzufügung vergrößert noch durch Wegnahme verringert werden kann, die sich nicht mit dem Sterblichen vermischen lässt und nicht dem Schicksal unterliegt –, dann folgt daraus, dass eine Gruppe von Göttern Ursache für die Schöpfung der Sterblichen ist, eine andere hingegen für die der Unsterblichen.
Da also, wie es scheint, Moses es versäumt hat, eine vollständige Darstellung des unmittelbaren Schöpfers dieses Universums zu geben, wollen wir nun die Ansicht der Hebräer und die unserer Vorfahren einander gegenüberstellen.
Moses sagt, der Schöpfer des Universums habe das hebräische Volk auserwählt, ihm allein seine Aufmerksamkeit geschenkt und sich ausschließlich um dieses gekümmert. Er übergab ihm die Leitung und Fürsorge – doch wie und durch welche Götter die anderen Völker regiert werden, davon sagt er kein einziges Wort. Es sei denn, man unterstellt, dass er ihnen Sonne und Mond zugewiesen habe – doch darauf komme ich später zurück. Zunächst möchte ich nur darauf hinweisen, dass sowohl Moses selbst als auch die Propheten, die ihm folgten, sowie Jesus von Nazareth – ja selbst Paulus, der alle Zauberer und Gaukler aller Zeiten und Orte übertraf –, behaupteten, Gott sei allein der Gott Israels und Judäas und dass die Juden sein auserwähltes Volk seien. Hört dazu ihre eigenen Worte, zunächst die des Moses: „Du sollst zum Pharao sagen: Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener. Und ich habe zu dir gesagt: Lass mein Volk ziehen, damit es mir diene. Doch du hast dich geweigert, es ziehen zu lassen.“ Und wenig später heißt es: „Und sie sagten zu ihm: Der Gott der Hebräer ist uns erschienen; wir wollen drei Tagesreisen weit in die Wüste ziehen und dem Herrn, unserem Gott, opfern.“ Und kurz darauf spricht er erneut in gleicher Weise: „Der Herr, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und spricht: Lass mein Volk ziehen, damit es mir in der Wüste diene.“
Dass Gott von Anfang an nur für die Juden Sorge trug und sie sich als seinen besonderen Anteil erwählte, wird nicht nur von Moses und Jesus klar behauptet, sondern auch von Paulus. Im Falle des Paulus ist das besonders merkwürdig, denn je nach Situation ändert er seine Aussagen über Gott – so wie der Polyp seine Farbe wechselt, um sich dem Gestein anzupassen. Mal behauptet er, dass allein die Juden Gottes auserwähltes Volk seien, und dann wieder, wenn er versucht, die Hellenen auf seine Seite zu ziehen, sagt er: „Denkst du, dass er nur der Gott der Juden ist? Nein, auch der Heiden – ja, auch der Heiden.“ Daher ist es nur recht, Paulus zu fragen: Wenn Gott nicht nur der Gott der Juden, sondern auch der Heiden sei, warum hat er dann den Juden allein das gesegnete Geschenk der Prophetie in Fülle zukommen lassen? Warum hat er ihnen Moses gegeben, das Salböl, die Propheten, das Gesetz – und all die unglaublichen, ja monströsen Elemente ihrer Mythen? Hört doch, wie sie laut ausrufen: „Der Mensch aß Engelsbrot!“ Und schließlich sandte Gott auch noch Jesus zu ihnen – aber zu uns kein einziger Prophet, kein Salböl, kein Lehrer, kein Verkünder seiner Menschenliebe, die – so heißt es – auch uns irgendwann einmal, spät zwar, aber doch erreichen sollte. Nein – er sah tatenlos zu, Jahrtausende lang, während die Menschen in tiefster Unwissenheit Götzen dienten, wie ihr sie nennt – von dort, wo die Sonne aufgeht, bis zu ihrem Untergang, ja von Norden bis Süden –, mit Ausnahme jenes kleinen Stammes, der sich vor weniger als zweitausend Jahren in einem Teil Palästinas niederließ. Denn wenn er tatsächlich der Gott aller Menschen gleichermaßen ist und der Schöpfer des Ganzen – warum hat er uns dann vernachlässigt? Daraus ergibt sich mit aller Konsequenz der Gedanke, dass der Gott der Hebräer nicht der Erzeuger des gesamten Universums ist und nicht Herr über das Ganze, sondern – wie ich bereits sagte – ein Gott unter vielen ist, dessen Herrschaft begrenzt ist. Da seine Macht Grenzen hat, müssen wir ihn als einen unter vielen anderen Göttern auffassen. Und sollen wir euch dann ernstlich weiter Glauben schenken, weil ihr – oder einer eures Stammes – euch den Gott des Universums bloß vorgestellt habt, ohne ihn doch jemals wirklich zu erkennen? Ist all das nicht Ausdruck reinster Parteilichkeit? Ihr sagt: Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Doch warum ist er so eifersüchtig – bis hin dazu, die Sünden der Väter an den Kindern zu rächen?
Betrachten wir nun im Vergleich dazu unsere Lehre: Unsere Schriftgelehrten lehren, dass der Schöpfer der gemeinsame Vater und König aller Dinge sei, dass er jedoch die verschiedenen Aufgaben den Nationalgöttern der Völker und den Schutzgöttern der Städte zugewiesen habe – jeder von ihnen verwaltet seinen Bereich entsprechend seiner eigenen Wesensart. Denn während im Vater alles enthalten ist und alle Dinge eins sind, überwiegt in den einzelnen Göttern jeweils ein bestimmter Aspekt: So herrscht Ares über die kriegerischen Völker, Athene über die klugen wie auch kämpferischen, Hermes über jene, die eher listig als tapfer sind – kurz: die Völker, über die die Götter wachen, spiegeln den Wesenszug ihres jeweiligen Gottes wider. Wenn nun die Erfahrung unseren Lehren widerspricht, wollen wir gern zugestehen, dass unsere Überlieferung ein Trugbild ist – ein misslungener Versuch, zu überzeugen. Dann sollten wir eure Lehren anerkennen. Wenn jedoch das Gegenteil zutrifft, und seit ältester Zeit unsere Darstellung durch Erfahrung bestätigt wird – und sich in keinem Fall etwas findet, das mit euren Lehren übereinstimmt –, warum haltet ihr dann so unbeirrbar an einem so maßlosen Anspruch fest?
So sagt mir: Warum sind die Kelten und die Germanen wild und kampflustig, während die Hellenen und Römer – allgemein gesprochen – zur politischen Ordnung neigen und menschlich gesinnt sind, wenn auch zugleich unbeugsam und kriegerisch? Warum sind die Ägypter intelligenter und geschickter in den Künsten, während die Syrer unkriegerisch und verweichlicht erscheinen, zugleich aber klug, hitzköpfig, eitel und lernfähig? Wenn jemand für diese Unterschiede zwischen den Völkern keine Ursache erkennt, sondern behauptet, all das sei bloß zufällig geschehen – wie kann er dann noch an eine Weltordnung durch göttliche Vorsehung glauben?
Wenn aber jemand behauptet, es gebe sehr wohl Gründe für diese Unterschiede, so möge er mir, bei dem Schöpfer selbst, diese Gründe erklären und mich belehren.
Was nun die Gesetze der Menschen betrifft, so ist offensichtlich, dass sie von den Menschen in Übereinstimmung mit ihren natürlichen Veranlagungen geschaffen wurden: Verfassungsmäßige und humane Gesetze wurden von jenen erlassen, in denen eine menschliche Gesinnung vorherrschte; grausame und unmenschliche Gesetze hingegen von denen, in deren Wesen das Gegenteil lag. Die Gesetzgeber konnten dem natürlichen Charakter und den Anlagen der Menschen nur wenig durch Erziehung hinzufügen. So wollten die Skythen den Anacharsis nicht unter sich aufnehmen, als er von einem religiösen Enthusiasmus ergriffen war. Und mit wenigen Ausnahmen wird man feststellen, dass bei den westlichen Völkern kaum jemand eine ernsthafte Neigung zur Philosophie, zur Geometrie oder zu Studien dieser Art zeigt – obwohl das Römische Reich nun schon so lange dominiert. Diejenigen, die besonders begabt sind, erfreuen sich ausschließlich an Debatten und der Kunst der Rhetorik – anderen Studien wenden sie sich kaum zu. So mächtig ist offenbar die Kraft der Natur. Woher also kommen diese Unterschiede im Charakter und in den Gesetzen der Völker? Was die Verschiedenheit der Sprachen betrifft, so hat Moses eine völlig märchenhafte Erklärung gegeben. Er berichtet, dass die Menschen sich versammelten, um eine Stadt und darin einen hohen Turm zu bauen. Da habe Gott gesagt, er müsse hinabsteigen und ihre Sprachen verwirren. Und damit niemand denke, ich würde ihm fälschlich etwas unterstellen, zitiere ich hier aus dem Buch des Moses: „Und sie sprachen: Auf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, und uns einen Namen machen, damit wir nicht zerstreut werden über die ganze Erde. Da fuhr der Herr hernieder, um die Stadt und den Turm zu sehen, die die Menschen bauten. Und der Herr sprach: Siehe, sie sind ein Volk und haben alle eine Sprache, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was sie sich vornehmen. Auf, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Sprache des anderen verstehe. So zerstreute der Herr sie von dort über die ganze Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen.“ Und dann verlangt ihr von uns, diese Erzählung zu glauben – während ihr selbst die Geschichte bei Homer über die Aloiden ablehnt, die angeblich drei Berge übereinanderstapeln wollten, „damit sie den Himmel erklimmen könnten“? Ich für meinen Teil sage, dass diese Geschichte kaum weniger märchenhaft ist als jene. Doch wenn ihr die biblische akzeptiert – warum, bei den Göttern, verwerft ihr dann Homers Fabel? Ich muss es euch wohl eigens erklären, so unwissend wie ihr seid: Selbst wenn alle Menschen auf der ganzen bewohnten Erde ein und dieselbe Sprache sprächen, könnten sie doch keinen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht – selbst wenn sie die gesamte Erde zu Ziegeln verarbeiteten. Ein solcher Turm müsste unzählige Ziegel umfassen, von denen jeder so groß wäre wie die ganze Erde, wenn sie bis zur Mondbahn reichen wollten. Nehmen wir also an, alle Menschen versammelten sich, sprächen dieselbe Sprache, machten die ganze Erde zu Ziegeln und bearbeiteten Steine – wann, frage ich, würde dieser Turm jemals den Himmel erreichen, selbst wenn man ihn zu einem Faden ausdünnte und endlos streckte? Und ihr, die ihr glaubt, dass diese offenkundige Fabel wahr sei, und zudem meint, Gott habe sich vor der rohen Gewalt der Menschen gefürchtet und sei deshalb auf die Erde herabgekommen, um ihre Sprache zu verwirren – wagt ihr es tatsächlich, euch eures Gotteswissens zu rühmen?
Ich kehre also noch einmal zur Frage zurück, wie Gott die Sprachen verwirrte. Den Grund, warum er dies tat, hat Moses selbst angegeben: nämlich, dass Gott fürchtete, wenn die Menschen eine Sprache hätten und eines Sinnes wären, würden sie sich zunächst einen Weg zum Himmel bauen – und dann womöglich etwas gegen ihn unternehmen. Doch wie genau Gott dies bewerkstelligte, sagt Moses überhaupt nicht – nur, dass er zuerst vom Himmel herabstieg, offenbar deshalb, weil er es nicht vermochte, dies von oben her zu tun, ohne selbst auf die Erde zu kommen. Was aber die bestehenden Unterschiede im Charakter und in den Bräuchen betrifft, darüber hat weder Moses noch sonst jemand Aufklärung gegeben. Und doch sind unter den Menschen die Unterschiede in den Sitten und Staatsformen ungleich bedeutender als jene in der Sprache. Welcher Hellene etwa hätte je gesagt, dass es richtig sei, die eigene Schwester, Tochter oder Mutter zu heiraten? In Persien jedoch gilt das als tugendhaft. Aber warum sollte ich all die besonderen Eigenschaften der Völker im Einzelnen aufzählen – etwa die Freiheitsliebe und Ungezähmtheit der Germanen, den Gehorsam und die Fügsamkeit der Syrer, Perser und Parther, und ganz allgemein aller Barbaren im Osten und Süden, sowie aller Völker, die eine eher despotische Regierungsform besitzen und mit ihr zufrieden sind? Wenn nun diese Unterschiede – die doch weitaus bedeutender sind – ohne das Wirken einer größeren und göttlicheren Vorsehung entstanden sein sollen, warum mühen wir uns dann vergeblich ab, einen Gott zu verehren, der sich nicht um uns kümmert? Ist es denn angemessen, dass ein Gott, dem unser Leben, unser Charakter, unsere Sitten, unsere gute Ordnung und unsere politischen Verfassungen gleichgültig sind, dennoch von uns geehrt werden will? Gewiss nicht. Sehen Sie, zu welcher Absurdität eure Lehre führt. Denn unter allen Gütern, die wir im menschlichen Leben erkennen können, stehen jene an erster Stelle, die die Seele betreffen; die körperlichen Güter folgen erst an zweiter Stelle. Wenn er also weder für unser seelisches noch für unser körperliches Wohlergehen Sorge trug und uns im Gegensatz zu den Hebräern weder Lehrer noch Gesetzgeber sandte – wie Moses oder die Propheten, die ihm folgten – wofür genau sollen wir ihm dann eigentlich dankbar sein?
Erwägt vielmehr, ob Gott uns nicht ebenfalls Götter und freundliche Schutzwesen gegeben hat, von denen ihr nichts wisst – Götter, die in keiner Weise geringer sind als jener, der von den Hebräern in Judäa seit alters her verehrt wird, dem einzigen Land, dem er – wie Moses und seine Nachfolger bis in unsere Zeit behaupten – seine Aufmerksamkeit schenkte. Doch selbst wenn der, der bei den Hebräern verehrt wird, tatsächlich der unmittelbare Schöpfer des Universums gewesen sein sollte, dann sind unsere Vorstellungen über ihn doch höher als die ihren, und er hat uns größere Gaben erwiesen – sowohl was das Seelenleben betrifft als auch das Äußere. Darauf werde ich später noch eingehen. Zudem hat er auch uns Gesetzgeber gesandt, die Moses nicht unterlegen waren – wenn nicht gar viele von ihnen ihm überlegen waren.
Daher wiederhole ich: Wenn nicht für jedes einzelne Volk ein nationaler Gott – und unter diesem ein Engel, ein Daimon, ein Held und eine besondere Ordnung von Geistern, die den höheren Mächten dienen – die Unterschiede in Gesetzen und Charakteren festgelegt hat, so zeigt mir bitte, durch welches andere Prinzip diese Unterschiede entstanden sind. Es reicht nämlich nicht aus zu sagen: „Gott sprach, und es geschah.“ Die Natur der geschaffenen Dinge muss mit dem göttlichen Willen im Einklang stehen. Ich will noch klarer sagen, was ich meine: Hat Gott etwa „zufällig“ angeordnet, dass das Feuer aufsteigt und die Erde absinkt? War es nicht notwendig, dass das eine leicht und das andere schwer beschaffen sei, damit Gottes Anordnung erfüllt werde? Und ebenso verhält es sich auch mit allen anderen Dingen. Ebenso gilt das auch für die göttlichen Dinge. Die Menschheit ist dem Tod geweiht und vergänglich. Daher sind auch die Werke der Menschen von Natur aus vergänglich, veränderlich und allen möglichen Wandlungen unterworfen. Da aber Gott ewig ist, müssen es auch seine Anordnungen sein. Und da sie ewig sind, sind sie entweder selbst Naturgesetze oder stehen mit den Gesetzen der Natur im Einklang. Denn wie könnte die Natur mit Gottes Willen im Widerspruch stehen? Wie könnte sie von ihm abweichen? Wenn er also tatsächlich bestimmte, dass die Sprachen – so wie sie nun einmal uneinheitlich sind – ebenso verschieden sein sollten wie die politischen Verfassungen der Völker, dann hat er diesen Verfassungen nicht durch ein einzelnes, isoliertes Dekret ihre Eigenart gegeben, noch hat er uns auf eine Weise geschaffen, die mit dieser Uneinigkeit übereinstimmt. Denn es mussten bereits von vornherein unterschiedliche Naturen in all jenen Dingen existieren, die unter den Völkern verschieden ausgeprägt sein sollten. Das zeigt sich jedenfalls, wenn man bedenkt, wie sehr sich in ihrer äußeren Erscheinung etwa die Germanen und Skythen von den Libyern und Äthiopiern unterscheiden. Soll das etwa ebenfalls nur durch ein einfaches göttliches Wort geschehen sein – und hätten nicht vielmehr Klima und Land gemeinsam mit den Göttern Einfluss auf ihren Teint und ihre Erscheinung genommen?
Zudem hat auch Moses bewusst einen Schleier über diese Art von Fragestellung gelegt und die Sprachverwirrung nicht allein Gott zugeschrieben. Denn er sagt, dass Gott nicht allein herabstieg, sondern dass mehrere mit ihm hinabstiegen – nicht nur einer –, und er sagt nicht, wer diese waren. Doch es ist offensichtlich, dass er davon ausging, dass jene Wesen, die mit Gott herabstiegen, ihm ähnlich waren. Wenn es also nicht der Herr allein war, sondern seine Gefährten, die mit ihm herabstiegen, um die Sprachen zu verwirren, so ist es nur folgerichtig, auch die Verwirrung des Charakters der Menschen nicht allein dem Herrn zuzuschreiben, sondern auch jenen, die gemeinsam mit ihm die Sprachen verwirrten.
Warum aber habe ich mich so ausführlich mit dieser Sache befasst, obwohl ich beabsichtigte, mich kurz zu halten? Aus folgendem Grund: Wenn der unmittelbare Schöpfer des Universums tatsächlich jener ist, den Moses verkündet, dann vertreten wir edlere Vorstellungen über ihn, da wir ihn als Herrn über alles betrachten – jedoch so, dass es untergeordnete Nationalgötter gibt, die wie Statthalter eines Königs jeweils ihr eigenes Gebiet verwalten. Und wir machen ihn nicht zum eifersüchtigen Gegenspieler derjenigen Götter, die unter seiner Herrschaft stehen. Wenn aber Moses zuerst einen Stammesgott ehrt und dann dessen Macht mit der Herrschaft über das ganze Universum kontrastiert, so ist es besser, so zu glauben wie wir: nämlich an den Gott des Alls zu glauben, auch wenn man gleichzeitig den Gott des Moses erkennt – dies ist besser, als einem Gott Ehre zu erweisen, dem nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen unterstellt wurde, statt dem Schöpfer aller Dinge.
Wahrlich seltsam ist das Gesetz des Moses – ich meine den berühmten Dekalog! „Du sollst nicht stehlen.“ „Du sollst nicht töten.“ „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen.“ Aber lassen Sie mich jedes einzelne der Gebote wörtlich niederschreiben, von denen behauptet wird, dass sie von Gott selbst geschrieben worden seien:
„Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat.“
Dann folgt das zweite: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
„Du sollst dir kein Bildnis machen.“
Und dann folgt die Begründung: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter an den Kindern heimsucht bis in die dritte Generation.“
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.“
„Gedenke des Sabbattages.“
„Ehre deinen Vater und deine Mutter.“
„Du sollst nicht die Ehe brechen.“
„Du sollst nicht töten.“
„Du sollst nicht stehlen.“
„Du sollst kein falsches Zeugnis geben.“
„Du sollst nicht begehren, was deines Nächsten ist.“
Nun frage ich euch – bei allen Göttern: Abgesehen von den Geboten „Du sollst keine anderen Götter verehren“ und „Gedenke des Sabbats“, gibt es irgendein Volk, das nicht glaubt, man solle die übrigen Gebote einhalten? So sehr, dass es Strafen gegen deren Übertretung gibt – teils härtere, teils ähnliche wie die, die Moses erlassen hat, gelegentlich sogar mildere und menschlichere.
Doch was das Gebot „Du sollst keine anderen Götter verehren“ betrifft, so fügt Moses diesem eine schwerwiegende Lästerung über Gott hinzu. „Denn ich bin ein eifersüchtiger Gott“, sagt er, und an einer anderen Stelle: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ Wenn nun ein Mensch eifersüchtig und neidisch ist, haltet ihr das für verwerflich – doch wenn Gott eifersüchtig genannt wird, haltet ihr das für eine göttliche Eigenschaft? Wie kann man denn so offenkundig Falsches über Gott sagen? Wenn er tatsächlich eifersüchtig ist, dann bedeutet das doch, dass alle anderen Götter wider seinen Willen verehrt werden und alle übrigen Völker ihre Götter entgegen seinem Wunsch anbeten. Warum also hat er sie nicht selbst daran gehindert, wenn er so eifersüchtig ist und nicht will, dass andere außer ihm verehrt werden? War er etwa nicht in der Lage dazu – oder wollte er von Anfang an nicht verhindern, dass auch andere Götter verehrt werden? Doch die erste Annahme – dass er es nicht konnte – ist gotteslästerlich. Und die zweite – dass er es nicht wollte – entspricht genau dem, was wir selbst vertreten. Legt diesen Unsinn beiseite und zieht euch nicht solch schwere Gotteslästerung zu. Denn wenn es wirklich Gottes Wille ist, dass niemand sonst verehrt werde – warum dann betet ihr diesen falschen Sohn an, den er nie als den seinen anerkannt oder überhaupt als solchen bezeichnet hat? Ich werde das leicht beweisen. Ihr jedoch – warum auch immer – schiebt ihm einen falschen Sohn unter…
Nirgends wird Gott dargestellt als zornig, nachtragend oder wütend, als jemand, der einen Schwur leistet, der sich einmal in die eine, dann plötzlich in die andere Richtung wendet oder seine Meinung ändert – so wie es uns Moses berichtet, etwa im Fall des Pinehas. Wer das Buch Numeri gelesen hat, weiß, was ich meine. Denn als Pinehas mit eigener Hand den Mann tötete, der sich dem Baal-Peor geweiht hatte, und mit ihm die Frau, die ihn dazu verleitet hatte – und sie, wie Moses uns sagt, mit einer schändlichen und überaus schmerzhaften Wunde durch den Unterleib traf –, da wird Gott mit den Worten zitiert: „Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, hat meinen Zorn von den Kindern Israels abgewendet, indem er unter ihnen eiferte mit meinem Eifer, sodass ich die Kinder Israels in meinem Eifer nicht verzehrte.“ Was könnte banaler sein als der Grund, aus dem Gott hier fälschlich als zornig dargestellt wird? Was könnte unvernünftiger sein, selbst wenn zehn oder fünfzehn Menschen – sagen wir sogar hundert – irgendeines der von Gott gegebenen Gebote übertreten hätten? Denn sicher wird niemand behaupten, es seien tausend gewesen. Aber nehmen wir an, selbst so viele hätten sich vergangen – wäre es dann gerecht gewesen, dass wegen dieser einen Gruppe von etwa tausend Menschen sechshunderttausend gänzlich vernichtet würden? Meiner Meinung nach wäre es in jeder Hinsicht besser, einen einzigen schlechten Menschen gemeinsam mit tausend rechtschaffenen zu bewahren, als die ganze Menge zusammen mit diesem einen zu töten.
Denn wenn schon der Zorn eines einzigen Helden oder selbst eines unbedeutenden Dämons für ganze Länder und Städte schwer zu ertragen ist – wie hätte dann jemand den Zorn eines so mächtigen Gottes ertragen können, sei er nun gegen Dämonen, Engel oder Menschen gerichtet? Es lohnt sich, sein Verhalten mit der Milde eines Lykurg oder der Nachsicht eines Solon zu vergleichen – oder mit der Güte und Menschenfreundlichkeit der Römer gegenüber Gesetzesbrechern. Beachtet nun, was im Weiteren folgt, und erkennt, wie viel höher unsere Lehren stehen als die ihren: Die Philosophen fordern uns auf, die Götter, so weit es uns möglich ist, nachzuahmen. Und sie lehren, dass diese Nachahmung in der Betrachtung der Wirklichkeit besteht. Und dass diese Form der geistigen Übung von Leidenschaft frei ist und vielmehr auf Leidenschaftslosigkeit beruht, dürfte offensichtlich sein, auch ohne dass ich es eigens sage. In dem Maße also, wie wir – zur Betrachtung der Wahrheit berufen – zur Leidenschaftslosigkeit gelangen, werden wir gottähnlich. Doch welche Art der „Nachahmung Gottes“ wird unter den Hebräern gepriesen? Zorn, Wut und heftige Eifersucht. Denn Gott sagt: „Pinehas hat meinen Zorn von den Kindern Israels abgewendet, weil er unter ihnen eiferte mit meinem Eifer.“ Gott, so scheint es, ließ also seinen Zorn fahren, sobald er jemanden fand, der seinen Zorn und seinen Schmerz mit ihm teilte. Solche Worte – und viele ähnliche – legt Moses Gott in der Schrift immer wieder in den Mund.
Beachtet zudem aus dem, was folgt, dass Gott nicht nur für die Hebräer sorgte, sondern – obwohl er sich um alle Nationen kümmerte – den Hebräern nichts wirklich Großes oder Wertvolles schenkte. Uns dagegen hat er weit größere Gaben verliehen – sowohl in geistiger Hinsicht als auch im Äußeren. So etwa können die Ägypter viele Weise unter ihren Vorfahren nennen und sich damit rühmen, zahlreiche Nachfolger des Hermes zu haben – jenes Hermes, der in seiner dritten Erscheinung Ägypten besuchte. Die Chaldäer und Assyrer wiederum können sich rühmen, Nachfolger des Oannes und des Belos zu besitzen. Die Hellenen schließlich können auf zahllose Nachfolger des Cheiron verweisen. Denn seither – so sieht man es – sind alle Hellenen mit einer natürlichen Eignung für die Mysterien und die Theologie geboren, genau auf jene Weise, wie die Hebräer es als ihr besonderes Vorrecht beanspruchen.
Aber hat euch Gott je die Fähigkeit verliehen, eine Wissenschaft oder eine philosophische Disziplin zu begründen? Welche denn? Die Lehre über die Himmelskörper wurde bei den Hellenen vollendet, nachdem die ersten Beobachtungen bei den Barbaren in Babylon gemacht worden waren.
Die Geometrie entwickelte sich ursprünglich aus der Landvermessung in Ägypten und wuchs von dort aus zu ihrer heutigen Bedeutung heran. Die Arithmetik nahm ihren Anfang bei den phönizischen Kaufleuten, und unter den Hellenen wurde sie schließlich zu einer eigenständigen Wissenschaft. Diese drei Wissenschaften verbanden die Hellenen mit der Musik zu einer einzigen Lehre, da sie die Astronomie mit der Geometrie verknüpften und die Arithmetik auf beide anwendeten und in ihr das Prinzip der Harmonie erkannten. So legten sie auch die Regeln der Musik fest, da sie in Bezug auf das Gehör für die Gesetze der Harmonie ein nahezu unfehlbares Maß gefunden hatten – oder zumindest eines, das diesem sehr nahekam.
Muss ich etwa die Namen ihrer Vertreter einzeln aufzählen, oder sie nach Berufsgruppen ordnen? Ich meine etwa einzelne Persönlichkeiten wie Platon, Sokrates, Aristeides, Kimon, Thales, Lykurg, Agesilaos, Archidamos – oder soll ich eher von den Klassen der Philosophen, Feldherren, Handwerker und Gesetzgeber sprechen? Denn man wird feststellen, dass selbst die schlimmsten und grausamsten Generäle unter ihnen milder mit Schuldigen umgingen als Moses mit Menschen, die keinerlei Verbrechen begangen hatten. Von welcher Monarchie soll ich euch berichten? Von der des Perseus, des Aiakos oder des Minos von Kreta, der das Meer von Piraten säuberte, die Barbaren bis nach Syrien und Sizilien vertrieb, sein Reich in beide Richtungen ausdehnte und nicht nur über die Inseln, sondern auch über die Küstenbewohner herrschte? Er teilte mit seinem Bruder Rhadamanthys – nicht etwa die Erde –, sondern die Sorge um die Menschheit. Er selbst legte die Gesetze fest, wie er sie von Zeus empfangen hatte, während Rhadamanthys die Rolle des Richters übernahm.
Und als nach ihrer Gründung viele Kriege über Rom hereinbrachen, bestand und überstand sie sie alle. Da sie im gleichen Maße, wie ihre Gefahren wuchsen, an Größe zunahm und mehr Sicherheit benötigte, stellte Zeus ihr den großen Philosophen Numa zur Seite. Dies war jener tugendhafte und rechtschaffene Numa, der in verlassenen Hainen lebte und in reinen Gedanken Zwiesprache mit den Göttern hielt. Er war es, der den Großteil der Gesetze zum Tempeldienst schuf. Diese Segnungen, die aus göttlicher Erleuchtung und Inspiration hervorgingen – sowohl durch die Sibylle als auch durch andere, die damals in ihrer eigenen Sprache Orakel verkündeten –, wurden der Stadt offenkundig von Zeus zuteil. Und das Schild, das vom Himmel fiel, sowie das Haupt, das auf dem Hügel erschien – von dem, so nehme ich an, der Sitz des allmächtigen Zeus seinen Namen erhielt – sollen wir diese Dinge etwa nur zu den geringeren Geschenken zählen? Und doch, ihr irregeleiteten Menschen: Während unter uns noch immer jene Waffe aufbewahrt wird, die vom Himmel herabgeflogen kam – die Zeus, der Allmächtige, oder Vater Ares herabsandte, um uns nicht durch Worte, sondern durch Taten zu bezeugen, dass er seine schützende Hand auf ewig über unsere Stadt halten werde –, habt ihr aufgehört, sie zu ehren und zu verehren. Stattdessen betet ihr das Holz des Kreuzes an, zeichnet dessen Zeichen auf eure Stirn und meißelt es in eure Hausfassaden.
Wäre es da nicht gerechtfertigt, die Klügeren unter euch zu verabscheuen und die Dümmeren zu bemitleiden, die, weil sie euch folgten, in solch tiefen Abgrund des Verderbens gefallen sind, dass sie die unsterblichen Götter verlassen und sich dem Leichnam eines Juden zugewendet haben? Von den Mysterien der Mutter der Götter will ich dabei gar nicht reden – und ich verehre Marius sehr … Denn der göttliche Geist kommt nur selten und zu wenigen Menschen – es ist nicht leicht, dass jeder zu jeder Zeit an ihm teilhat. So ist es, dass auch unter den Hebräern der prophetische Geist zum Schweigen gekommen ist, ebenso wenig ist er bis heute unter den Ägyptern erhalten geblieben. Und auch die einheimischen Orakel Griechenlands sind, wie wir sehen, verstummt und haben dem Lauf der Zeit nachgegeben. Doch siehe, unser gütiger Herr und Vater Zeus hat sich dessen angenommen, und damit wir nicht gänzlich von der Gemeinschaft mit den Göttern abgeschnitten seien, hat er uns durch die heiligen Künste ein Mittel zur Befragung gewährt, durch das wir Hilfe erlangen, die unseren Bedürfnissen genügt.
Beinahe hätte ich das größte Geschenk vergessen, das uns Helios und Zeus gegeben haben. Aber natürlich habe ich es mir für den Schluss aufgehoben. Und tatsächlich ist es nicht nur uns Römern eigen, sondern – wie ich meine – auch unseren Verwandten, den Hellenen, gemeinsam. Ich spreche davon, dass Zeus unter den intelligiblen Göttern Asklepios aus sich selbst hervorgebracht hat, und dass er ihn durch das schöpferische Leben des Helios auf die Erde offenbarte. Asklepios kam aus dem Himmel herab auf die Erde und erschien zunächst allein in Epidauros in Menschengestalt. Später jedoch vervielfältigte er sich, und durch seine Erscheinungen streckte er seine heilende Hand über die ganze Erde aus. Er kam nach Pergamon, nach Ionien, später nach Tarent – und schließlich nach Rom. Auch nach Kos reiste er und von dort nach Ägai. Danach ist er überall gegenwärtig, zu Land und zu Wasser. Er besucht nicht jeden einzelnen von uns persönlich, und doch richtet er gefallene Seelen auf und heilt kranke Körper.
Welches große Geschenk dieser Art können die Hebräer von sich behaupten, als sei es ihnen von Gott gegeben worden – jene Hebräer, die euch überzeugt haben, zu ihnen überzulaufen? Wenn ihr wenigstens ihren Lehren wirklich gefolgt wäret, wäre es nicht ganz so schlimm mit euch bestellt. Zwar stündet ihr schlechter da als zuvor, als ihr noch unter uns wart, doch euer Zustand wäre immerhin erträglich. Denn ihr würdet einen einzigen Gott verehren anstelle vieler – und nicht einen Menschen, oder besser gesagt: viele armselige Menschen. Und selbst wenn ihr einem strengen, harten Gesetz folgt, das viel Grausames und Barbarisches enthält, anstelle unserer milden und menschlichen Gesetze, und ihr uns in vielerlei Hinsicht unterlegen wärt – so wärt ihr doch heiliger und reiner in eurer Religionsausübung, als ihr es jetzt seid. Aber was ist geschehen? Ihr habt euch wie Blutegel verhalten: Das Schlechteste habt ihr aufgesogen und das Reine zurückgelassen. Und dieser Jesus, der die Geringsten unter euch gewann, ist kaum länger als dreihundert Jahre überhaupt namentlich bekannt. Und während seines Lebens hat er nichts getan, das es wert wäre, berichtet zu werden – es sei denn, man hält es für eine große Tat, wenn man verkrümmte und blinde Menschen heilte oder Dämonen aus Dörfern wie Bethsaida und Bethanien austrieb. Was ein reines Leben betrifft – ihr wisst nicht einmal, ob er davon je gesprochen hat. Aber ihr ahmt die Wut und Verbitterung der Juden nach: Ihr zerstört Tempel und Altäre, und habt nicht nur jene von uns getötet, die treu zu den Lehren ihrer Väter standen, sondern auch Menschen, die ebenso in die Irre gegangen waren wie ihr selbst – sogenannte Häretiker – weil sie nicht in derselben Weise wie ihr über den Toten trauerten. Doch das sind eher eure eigenen Taten. Denn weder Jesus noch Paulus haben euch solche Befehle überliefert. Der Grund dafür ist einfach: Sie hatten nie auch nur die Hoffnung, dass ihr einmal so viel Macht erlangen würdet wie heute. Es genügte ihnen, wenn sie Mägde und Sklaven verführen konnten – und durch diese wiederum Frauen und Männer wie Cornelius und Sergius. Doch wenn ihr mir zeigen könnt, dass einer dieser Männer von den bekannten Schriftstellern jener Zeit erwähnt wird – diese Ereignisse ereigneten sich zur Zeit des Tiberius oder des Claudius –, dann könnt ihr davon ausgehen, dass ich mich in all dem irre, was ich sage.
Ich weiß selbst nicht, woher der Impuls kam, all dies auszusprechen – als wäre ich von einer Eingebung ergriffen worden. Doch zurück zu dem Punkt, von dem ich abgeschweift bin: Ich fragte: Warum wart ihr unseren Göttern gegenüber so undankbar, dass ihr sie verlasst, um euch den Juden anzuschließen? War es, weil die Götter Rom die Weltherrschaft überließen, während sie den Juden nur für kurze Zeit Freiheit gestatteten – und sie dann für immer der Knechtschaft und Fremdheit überantworteten? Betrachtet Abraham: War er nicht ein Fremder in einem fremden Land? Und Jakob: War er nicht ein Sklave, zuerst in Syrien, dann in Palästina, später im Alter in Ägypten? Sagt nicht Moses selbst, dass er sie mit „ausgestrecktem Arm aus dem Haus der Knechtschaft in Ägypten“ geführt habe? Und nach ihrer Ansiedlung in Palästina wechselte ihr Schicksal häufiger, als man sagt, dass ein Chamäleon seine Farbe ändert – einmal unter Richtern, dann unter fremden Völkern in Knechtschaft. Und als sie schließlich Könige erhielten – aber davon später – so geschah auch dies nicht aus Gottes Willen, sondern nur, weil sie es hartnäckig verlangten. Gott hatte ihnen ja zuvor bereits angekündigt, dass sie unter solchen Königen schlecht regiert würden. Dennoch bewohnten sie ihr Land und bestellten es etwas mehr als dreihundert Jahre. Danach wurden sie versklavt: zuerst durch die Assyrer, dann durch die Meder, später durch die Perser und zuletzt durch uns. Sogar Jesus, der unter euch verkündet wurde, war ein Untertan des Kaisers. Und wenn ihr mir nicht glaubt – ich werde es später beweisen, oder besser: ich sage es jetzt einfach geradeheraus. Ihr selbst gebt ja zu, dass er sich zusammen mit seinem Vater und seiner Mutter in die Steuerlisten des Statthalters Cyrenius eintragen ließ.
Aber als er Mensch wurde – welchen Nutzen hat er dann seinen eigenen Verwandten gebracht? Die Galiläer antworten: Sie wollten nicht auf Jesus hören. Wie? Warum hörte dann dieses hartherzige und halsstarrige Volk auf Mose, nicht aber auf Jesus, der doch – wie ihr behauptet – über die Geister herrschte, auf dem Meer wandelte, Dämonen austrieb und, wie ihr sagt, Himmel und Erde erschuf? Denn kein einziger seiner Jünger hat dies über ihn gesagt, außer Johannes – und selbst der sprach es nicht klar oder deutlich aus; aber lassen wir gelten, dass er es zumindest gemeint hat. Warum also konnte Jesus nicht die Gesinnung seiner eigenen Angehörigen ändern, um sie zu retten?
Doch dies will ich später noch einmal aufgreifen, wenn ich näher auf die Wunderberichte und die Fälschungen der Evangelien eingehe. Jetzt aber sagen Sie mir: Ist es besser, über zweitausend Jahre hinweg frei zu sein und über den größten Teil von Erde und Meer zu herrschen – oder besser, versklavt zu sein und dem Willen anderer zu dienen? Kein Mensch, der noch einen Funken Selbstachtung besitzt, würde das Letztere vorziehen. Oder wird jemand behaupten, Niederlage im Krieg sei besser als Sieg? Wer wäre so töricht? Wenn also das, was ich behaupte, wahr ist, dann zeigt mir unter den Hebräern auch nur einen einzigen Feldherrn wie Alexander oder Cäsar! Ihr habt keinen solchen. Und, bei den Göttern, ich weiß wohl, dass ich diese Helden mit dem Vergleich beleidige, aber ich nannte sie, weil sie allgemein bekannt sind. Denn selbst die minder bedeutenden Feldherren unter den Hellenen, deren Namen der Menge nicht vertraut sind, verdienen allesamt mehr Bewunderung als alle jüdischen Heerführer zusammen.
Was die Staatsverfassung betrifft, die Gerichtsbarkeit, die Verwaltung der Städte, die Vorzüglichkeit der Gesetze, den Fortschritt in der Wissenschaft und die Pflege der freien Künste – all das befand sich bei den Hebräern in einem kläglichen und barbarischen Zustand. Und dennoch will uns der erbärmliche Eusebius weismachen, dass sich sogar Hexameterverse bei ihnen fänden, und er behauptet, bei den Hebräern existiere sogar eine Art von Logik, nur weil er bei den Hellenen das Wort „Logik“ gehört hat. Welche Heilkunde ist je unter den Hebräern aufgekommen, wie etwa bei den Hellenen durch Hippokrates oder andere Schulen, die ihm folgten? Ist ihr „weisester“ Mann, Salomo, auch nur im Entferntesten vergleichbar mit Phokylides, Theognis oder Isokrates? Keineswegs! Wenn man etwa Isokrates’ Mahnschriften mit den Sprüchen Salomos vergleicht, wird man, dessen bin ich gewiss, feststellen, dass der Sohn des Theodoros dem „weisesten“ ihrer Könige überlegen ist. Aber, so sagen sie, Salomo sei auch in der geheimen Verehrung Gottes bewandert gewesen. Und was dann? Diente nicht eben dieser Salomo – wie ihr selbst behauptet – auch unseren Göttern, verführt von einer Frau? Welch große Tugend! Welch Weisheit! Er konnte sich nicht gegen das Vergnügen behaupten, und die Überredung einer Frau brachte ihn zu Fall! Wenn also eine Frau ihn verführte, nennt diesen Mann nicht weise. Glaubt ihr hingegen, er sei weise gewesen, so meint auch nicht, er sei verführt worden – sondern dass er mit seinem eigenen Urteil, seiner Einsicht und der ihm offenbarten göttlichen Belehrung auch unsere Götter verehrte. Denn Neid und Eifersucht nahen sich nicht einmal den tugendhaftesten Menschen – geschweige denn Engeln oder Göttern. Ihr aber habt es mit unvollständigen und begrenzten Mächten zu tun, die – wenn man sie als Dämonen bezeichnet – wohl nicht zu Unrecht so genannt werden. Denn in ihnen wohnen Stolz und Eitelkeit, in den Göttern aber nichts dergleichen.
Wenn euch das Lesen eurer eigenen Schriften genügt – warum bedient ihr euch dann unserer hellenischen Bildung? Und doch wäre es besser, man hielte Menschen von jener Bildung fern, als sie vom Essen geweihten Fleisches abzuhalten. Denn davon, sagt sogar Paulus, nehme der Essende keinen Schaden – wohl aber könnte das Gewissen des Bruders daran Anstoß nehmen. Unsere Bildung hingegen hat jede edle Natur unter euch dazu gebracht, der Gottlosigkeit zu entsagen. Daher hat sich jeder, der auch nur ein wenig Tugend in sich trug, bald von eurer Gottlosigkeit abgewandt. Es wäre also besser, ihr hieltet die Menschen von der Bildung fern, statt vom Götzenopferfleisch. Aber ihr selbst wisst, wie sehr sich der Einfluss eurer Schriften auf den Verstand von dem unserer unterscheidet: Aus dem Studium eurer Schriften wird kein Mensch tugendhaft – ja nicht einmal durchschnittlich gut. Aus dem Studium der unseren aber wird jeder besser, als er vorher war – selbst wenn er von Natur her unbegabt ist. Und wenn jemand zudem von Natur gut begabt ist und dann noch die Erziehung unserer Literatur erfährt, dann wird er zu einem Geschenk der Götter an die Menschheit: Er entzündet entweder das Licht des Wissens, oder begründet ein neues Gemeinwesen, oder schlägt ganze Scharen von Feinden seiner Heimat in die Flucht – oder durchwandert die Erde und die Meere und erweist sich so als wahrhaft heldenhafter Mensch.
Doch das wäre ein klarer Beweis: Wählt unter euch Kinder aus und erzieht und bildet sie nach euren Schriften. Und wenn sie, sobald sie herangewachsen sind, edlere Eigenschaften besitzen als gewöhnliche Sklaven, dann mag man mir vorwerfen, ich rede Unsinn und sei von Groll erfüllt. Ihr aber seid so irregeleitet und töricht, dass ihr diese eure Chroniken für göttlich inspiriert haltet – obwohl sie keinem Menschen jemals dazu verholfen haben, weiser, tapferer oder besser zu werden als er zuvor war. Schriften dagegen, durch die Menschen Mut, Weisheit und Gerechtigkeit erwerben können, bezeichnet ihr als Werk Satans und derer, die ihm dienen!
Asklepios heilt unsere Körper, und die Musen – mit Hilfe des Asklepios, des Apollon und des Hermes, des Gottes der Rede – bilden unsere Seelen. Ares kämpft mit uns im Krieg, ebenso Enyo; Hephaistos sorgt für die Verteilung und Organisation der Handwerke, und Athene, die mutterlose Jungfrau, steht unter dem Schutz des Zeus über ihnen allen. Prüfen Sie also, ob wir euch nicht in all diesen Dingen überlegen sind: in den Künsten, der Weisheit und der Einsicht – gleichgültig, ob es sich um nützliche oder um die nach Schönheit strebenden nachahmenden Künste handelt, etwa die Bildhauerei, die Malerei, die Hauswirtschaft oder die Heilkunst, die auf Asklepios zurückgeht, dessen Orakel auf der ganzen Erde verbreitet sind und an deren Segnungen uns der Gott beständig Anteil gewährt. Zumindest hat mich Asklepios, wenn ich krank war, oft durch bestimmte Heilmittel gesund gemacht – und dafür ist Zeus mein Zeuge. Wenn also wir, die wir uns nicht dem Geist des Abfalls hingegeben haben, im Geist, im Körper und im äußeren Leben besser dastehen als ihr – warum verlasst ihr dann unsere Lehren und wendet euch anderen zu?
Und warum haltet ihr euch nicht einmal an die Überlieferungen der Hebräer oder nehmt das Gesetz an, das Gott ihnen gegeben hat?
Nein, ihr habt ihre Lehre noch stärker verworfen als die unsere: Ihr habt die Religion eurer Väter aufgegeben und euch den Weissagungen der Propheten ausgeliefert. Denn wer sich bemüht, der Wahrheit über euch auf den Grund zu gehen, wird erkennen, dass eure Gottlosigkeit aus einer Mischung aus jüdischer Unverfrorenheit und heidnischer Gleichgültigkeit und Gemeinheit besteht. Ihr habt von beiden Seiten nicht das Beste, sondern das Niedrigste übernommen und daraus ein Gewebe der Bosheit gemacht.
Denn die Hebräer haben genaue Vorschriften für die religiöse Verehrung und zahllose heilige Dinge und Riten, die ein priesterliches Leben und einen bestimmten Stand erfordern. Und obwohl ihr Gesetzgeber ihnen verboten hat, anderen Göttern zu dienen als jenem einen – „dessen Anteil Jakob ist und Israel das Los seines Erbes“ – und obwohl er, wie ich glaube, auch noch hinzugefügt hat: „Du sollst die Götter nicht lästern“, so haben doch spätere Generationen mit ihrer Unverschämtheit und Kühnheit gewollt, dass jegliche Ehrfurcht aus der Menge getilgt wird, indem sie die Lästerung der Götter gleichsetzten mit der bloßen Vernachlässigung der Verehrung. Das also ist das Einzige, was ihr von dort übernommen habt – denn in allem anderen habt ihr mit den Juden nichts gemeinsam. Ja, gerade das freche Lästern der bei uns verehrten Götter habt ihr von jenen Neuerungen übernommen, die innerhalb des Judentums entstanden sind. Aber die Ehrfurcht gegenüber allem Höheren, die unsere Religion kennzeichnet, ebenso wie die Liebe zur väterlichen Überlieferung, habt ihr verworfen. Was ihr übernommen habt, ist einzig die Gewohnheit, alles zu essen, „gleich dem grünen Kraut“. Doch in Wahrheit habt ihr euch gerühmt, unsere Gemeinheit noch zu übertreffen – was, wie ich denke, allen Völkern leicht geschieht –, und ihr habt euren Lebenswandel nach dem der gemeinsten Menschen ausgerichtet: der Händler, Steuereinnehmer, Tänzer und Ausschweifenden.
Dass nicht nur die heutigen Galiläer, sondern auch jene der ersten Generation, die von Paulus unterwiesen wurden, solche Menschen waren, belegt Paulus selbst in einem seiner Briefe an sie. Denn wenn er nicht tatsächlich wusste, dass sie all diese Schandtaten begangen hatten, so wäre er doch kaum so unverschämt gewesen, an sie selbst in solcher Sprache zu schreiben – auch wenn er in demselben Brief noch so viele Lobpreisungen über sie aussprach. Wenn diese verdient waren, hätte er sich schämen müssen, ihnen zugleich so offen Vorwürfe zu machen; waren sie hingegen erfunden, so hätte er vor Scham im Boden versinken müssen angesichts solch offenkundiger Schmeichelei und Knechtsgesinnung. Das Folgende sind seine eigenen Worte, gerichtet an jene Männer selbst: „Täuscht euch nicht: Weder Götzendiener noch Ehebrecher noch Weichlinge noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und das, Brüder, wisst ihr: Solches seid ihr auch gewesen. Aber ihr habt euch abwaschen lassen, ihr seid geheiligt worden im Namen Jesu Christi.“ Seht, er sagt, dass diese Männer früher so gewesen seien, jetzt aber „geheiligt“ und „abgewaschen“ seien – als ob Wasser in der Lage wäre, nicht nur zu reinigen, sondern auch die Seele zu läutern! Denn wenn die Taufe nicht einmal Lepra heilt oder Krätze oder Geschwüre oder Warzen oder Gicht oder Durchfall oder Wassersucht oder eine eitrige Nagelbettentzündung – also kein einziges körperliches Leiden, ob groß oder klein – wie soll sie da Ehebruch, Diebstahl und all die Verfehlungen der Seele hinwegnehmen?
Da nun die Galiläer sagen, dass sie, obwohl sie sich von den Juden unterscheiden, dennoch – genau genommen – gemäß ihren Propheten Israeliten seien, und dass sie vor allem Mose gehorchen und den Propheten, die ihm in Judäa nachfolgten, wollen wir sehen, worin sie sich hauptsächlich mit jenen Propheten einig sind. Und wir wollen mit der Lehre des Mose beginnen, der, wie sie behaupten, auch selbst die Geburt des Jesus, der kommen sollte, vorausgesagt habe. Mose nun sagt nicht ein- oder zweimal oder dreimal, sondern sehr viele Male, dass man nur einen einzigen Gott ehren solle, und nennt ihn tatsächlich den Höchsten; aber dass man irgendeinen anderen Gott ehren solle, sagt er nirgends. Er spricht von Engeln und Herren und außerdem von mehreren Göttern, doch aus diesen wählt er den Ersten aus und nimmt keinen Gott als zweiten an, weder einen ähnlichen noch einen unähnlichen, wie ihr ihn erfunden habt. Und falls es unter euch etwa eine einzige Aussage des Mose zu diesem Thema geben sollte, seid ihr verpflichtet, sie vorzulegen. Denn die Worte: „Einen Propheten wird der Herr, dein Gott, dir aus der Mitte deiner Brüder erstehen lassen, gleich mir; auf ihn sollt ihr hören“ – diese Worte wurden gewiss nicht vom Sohn der Maria gesprochen. Und selbst wenn man euch zuliebe zugestehen wollte, dass sie von ihm gesagt seien, so sagt Mose doch, dass der Prophet ihm ähnlich sein werde und nicht Gott, ein Prophet wie er selbst und von Menschen geboren, nicht von einem Gott. Und die Worte: „Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch ein Gebieter von seinen Lenden“, wurden mit Sicherheit nicht über den Sohn der Maria gesagt, sondern über das Königshaus Davids, das, wie ihr seht, mit König Zedekia endete. Und gewiss lässt sich die Schrift auf zwei Weisen deuten, wenn es heißt: „Bis kommt, was für ihn bestimmt ist“; ihr aber habt sie falsch gedeutet als: „Bis er kommt, dem es bestimmt ist.“ Aber es ist ganz klar, dass keine dieser Aussagen sich auf Jesus bezieht; denn er stammt ja nicht einmal aus Juda. Wie könnte er das, wenn er doch laut eurer eigenen Aussage nicht von Joseph geboren wurde, sondern vom Heiligen Geist? Denn obwohl ihr in euren Stammbäumen Joseph auf Juda zurückführt, konntet ihr nicht einmal dies glaubhaft erfinden. Denn Matthäus und Lukas werden durch die Tatsache widerlegt, dass sie in Bezug auf seine Abstammung widersprechen. Da ich jedoch beabsichtige, die Wahrheit dieser Sache in meinem zweiten Buch näher zu untersuchen, lasse ich es bis dahin beiseite. Doch selbst wenn man zugibt, dass er wirklich „ein Zepter aus Juda“ sei, dann ist er dennoch nicht „Gott von Gott geboren“, wie ihr zu sagen pflegt, noch ist es wahr, dass „alle Dinge durch ihn gemacht wurden; und ohne ihn wurde nichts gemacht, was gemacht ist“. Ihr aber sagt, auch im vierten Buch Mose sei gesagt: „Ein Stern wird aus Jakob aufgehen, und ein Mann aus Israel.“ Es ist sicherlich klar, dass dies sich auf David und seine Nachkommen bezieht; denn David war ein Sohn Isais.
Wenn ihr also versucht, irgendetwas aus diesen Schriften zu beweisen, dann zeigt mir ein einziges Wort, das ihr aus jener Quelle gezogen habt, aus der ich sehr viele gezogen habe. Dass Mose an einen einzigen Gott glaubte, den Gott Israels, das sagt er im Deuteronomium: „Damit du erkennst, dass der Herr, dein Gott, der eine Gott ist, und keiner außer ihm ist.“ Und außerdem sagt er noch: „Und nimm’s dir zu Herzen, dass der Herr, dein Gott, Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden, und dass keiner sonst da ist.“ Und wieder: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einer.“ Und nochmals: „Seht, ich bin es, und es gibt keinen Gott außer mir.“ Dies sind also die Worte des Mose, wenn er mit Nachdruck sagt, dass es nur einen Gott gibt. Aber vielleicht werden die Galiläer antworten: „Doch wir behaupten nicht, dass es zwei oder drei Götter gibt.“ Aber ich werde zeigen, dass sie dies doch behaupten, und ich rufe Johannes als Zeugen an, der sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Seht ihr, dass gesagt wird, das Wort war bei Gott? Ob dies nun derjenige ist, der von Maria geboren wurde, oder ein anderer – um gleichzeitig Photinus zu begegnen – das macht jetzt keinen Unterschied; denn es genügt als Beleg, dass er sagt: „bei Gott“ und „im Anfang“. Wie aber stimmt das mit der Lehre des Mose überein?
Aber, so sagen die Galiläer, „das stimmt mit der Lehre des Jesaja überein. Denn Jesaja sagt: ‚Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.‘“ Zugegeben, dies sei über einen Gott gesagt – obwohl das keineswegs so dasteht; denn eine verheiratete Frau, die vor ihrer Empfängnis mit ihrem Mann geschlafen hat, war keine Jungfrau –, aber nehmen wir an, es sei über sie gesagt – sagt Jesaja irgendwo, dass ein Gott von der Jungfrau geboren werde?
Warum hört ihr also nicht auf, Maria Mutter Gottes zu nennen, wenn Jesaja nirgends sagt, dass der von der Jungfrau Geborene der „einziggeborene Sohn Gottes“ oder der „Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ sei? Was aber das Wort des Johannes betrifft: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht, und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist“ – kann das jemand unter den Aussprüchen der Propheten finden? Nun hört aber die Aussprüche, die ich euch aus eben diesen Propheten vorlege, einer nach dem anderen: „Herr, unser Gott, nimm uns zu deinem Eigentum; wir erkennen keinen außer dir.“ Und Hiskia, der König, wird von ihnen betend dargestellt mit den Worten: „Herr, Gott Israels, der du auf den Cherubim thronst, du allein bist Gott.“ Lässt er hier Raum für einen zweiten Gott? Wenn aber – wie ihr glaubt – das Wort ein von Gott geborener Gott ist und aus der Substanz des Vaters hervorgegangen ist, warum nennt ihr dann die Jungfrau Mutter Gottes? Wie konnte sie denn einen Gott gebären, da sie doch, nach eurer Lehre, ein Mensch war? Und außerdem, wenn Gott ausdrücklich sagt: „Ich bin es, und es gibt keinen, der retten kann außer mir“, wagt ihr es dennoch, ihren Sohn Erlöser zu nennen?
Und dass Mose die Engel Götter nennt, können Sie aus seinen eigenen Worten hören: „Die Söhne Gottes sahen, dass die Töchter der Menschen schön waren; und sie nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.“ Und ein wenig weiter: „Und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden diese zu Riesen, die von alters her waren, die Männer von Ruhm.“ Dass er Engel meint, ist offensichtlich, und dies ist ihm nicht von außen untergeschoben worden, sondern es wird auch daraus klar, dass er sagt, nicht Menschen, sondern Riesen seien aus ihnen hervorgegangen. Denn es ist klar, dass er, wenn er gedacht hätte, es seien Menschen und nicht Wesen höherer und mächtigerer Natur ihre Väter gewesen, nicht gesagt hätte, die Riesen seien aus ihnen hervorgegangen. Denn es scheint mir, dass er erklärt, dass das Geschlecht der Riesen aus der Mischung von Sterblichem und Unsterblichem entstanden sei. Wenn Mose also von vielen Söhnen Gottes spricht und sie nicht Menschen, sondern Engel nennt, hätte er dann, wenn er davon gewusst hätte, nicht auch der Menschheit offenbart, dass es einen „eingeborenen Logos Gottes“ gebe, oder einen Sohn Gottes oder wie auch immer ihr ihn nennt? Oder ist es etwa, weil er dies für nicht wichtig hielt, dass er über Israel sagt: „Israel ist mein erstgeborener Sohn“? Warum hat Mose das nicht auch über Jesus gesagt? Er lehrte, dass es nur einen Gott gibt, aber dass er viele Söhne hat, die die Völker unter sich aufteilten. Den Logos jedoch als eingeborenen Sohn Gottes oder als Gott oder irgendeine dieser Fiktionen, die ihr später erfunden habt, kannte er nicht noch lehrte er offen davon. Ihr habt nun Mose selbst und die anderen Propheten gehört. Mose also äußert vielerorts viele Aussprüche folgenden Sinnes: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, fürchten, und ihm allein sollst du dienen.“ Wie kommt es also, dass in den Evangelien überliefert ist, dass Jesus befahl: „Geht hin und lehrt alle Völker und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wenn sie nicht auch ihm dienen sollten? Und eure Überzeugungen stimmen auch mit diesen Befehlen überein, wenn ihr zusammen mit dem Vater auch dem Sohn göttliche Ehre erweist.
Und nun betrachtet noch einmal, wie viel Mose über die unheilabwehrenden Gottheiten sagt: „Und er soll zwei Böcke aus der Herde als Sündopfer nehmen und einen Widder als Brandopfer. Und Aaron soll auch den jungen Stier des Sündopfers darbringen, der für ihn ist, und Versöhnung erwirken für sich und sein Haus. Und er soll die zwei Böcke nehmen und sie vor den Herrn stellen an den Eingang des Zeltes der Offenbarung. Und Aaron soll Lose werfen über die zwei Böcke: ein Los für den Herrn und ein Los für den Sündenbock“, um ihn, sagt Mose, als Sündenbock hinauszuschicken und ihn in die Wüste freizulassen. So also wird der Bock, der als Sündenbock bestimmt ist, hinausgeschickt. Und über den zweiten Bock sagt Mose: „Dann soll er den Bock des Sündopfers, der für das Volk ist, schlachten vor dem Herrn und dessen Blut in den Vorhang hineinbringen und das Blut auf die Stufe des Altars sprengen und so Sühne leisten für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Kinder Israels und wegen ihrer Übertretungen in allen ihren Sünden.“ Daraus ergibt sich deutlich, dass Mose die verschiedenen Arten des Opfers kannte. Und um zu zeigen, dass er sie nicht für unrein hielt, wie ihr es tut, hört nochmals auf seine eigenen Worte: „Die Seele aber, die vom Fleisch des Dankopfers isst, das dem Herrn gehört, während Unreinheit an ihr ist, diese Seele soll aus ihrem Volk ausgerottet werden.“ So vorsichtig ist Mose selbst in Bezug auf den Genuss des Opferfleisches.
Aber jetzt will ich euch lieber an das erinnern, was ich zuvor gesagt habe, denn aus jenem Grund habe ich auch dies gesagt. Warum also, wiederhole ich, nehmt ihr nach dem Abfall von uns nicht das Gesetz der Juden an oder haltet euch an die Aussprüche des Mose? Zweifellos wird irgendein scharfsichtiger Mensch antworten: „Auch die Juden opfern nicht.“ Aber ich werde ihn der groben Blindheit überführen; denn erstens antworte ich, dass auch ihr keinen der anderen von den Juden beobachteten Bräuche befolgt; und zweitens, dass die Juden in ihren eigenen Häusern opfern, und sogar bis zum heutigen Tag ist alles, was sie essen, geweiht; und sie beten vor dem Opfer, und sie geben die rechte Schulter den Priestern als Erstlingsgabe; aber da sie ihres Tempels beraubt worden sind – oder, wie sie es gewöhnlich nennen, ihres Heiligtums –, sind sie daran gehindert, die Erstlingsgaben des Opfers Gott darzubringen. Warum aber opfert ihr nicht, da ihr eure neue Art von Opfer erfunden habt und Jerusalem gar nicht braucht? Und doch war es überflüssig, euch diese Frage zu stellen, da ich dasselbe schon am Anfang gesagt habe, als ich zeigen wollte, dass die Juden mit den Heiden übereinstimmen, außer darin, dass sie nur an einen Gott glauben. Das ist in der Tat ihnen eigen und uns fremd; denn in allem anderen haben wir gewissermaßen Gemeinschaft mit ihnen – Tempel, Heiligtümer, Altäre, Reinigungen und gewisse Vorschriften. In diesen unterscheiden wir uns voneinander entweder gar nicht oder nur in belanglosen Dingen.
Warum seid ihr in eurer Ernährung nicht ebenso rein wie die Juden, und warum sagt ihr, man müsse alles essen, „gleichwie das grüne Kraut“, wobei ihr euer Vertrauen in Petrus setzt, weil, wie die Galiläer sagen, er erklärt habe: „Was Gott gereinigt hat, das halte du nicht für unrein“? Welchen Beweis gibt es dafür, dass Gott einst gewisse Dinge für abscheulich hielt, sie aber jetzt für rein erklärt hat? Denn Mose sagt, als er das Gesetz über vierfüßige Tiere festlegt, dass alles, was einen gespaltenen Huf und gespaltene Klauen hat und wiederkäut, rein sei, aber das, was nicht so beschaffen ist, sei unrein. Wenn nun nach der Vision des Petrus das Schwein angefangen hat zu wiederkäuen, dann lasst uns Petrus gehorchen; denn es ist in Wahrheit ein Wunder, wenn das Schwein nach der Vision des Petrus diese Gewohnheit angenommen hat. Wenn er aber gelogen hat, als er sagte, er habe diese Offenbarung gesehen – um eure Ausdrucksweise zu gebrauchen – im Hause des Gerbers, warum glauben wir ihm dann so bereitwillig in solch wichtigen Dingen? War es denn so schwer, was Mose euch gebot, als er euch außer dem Schweinefleisch auch die geflügelten Tiere und die im Meer lebenden verbot und euch erklärte, dass diese ebenso wie das Schwein von Gott verworfen und als unrein bezeichnet worden seien?
Aber warum bespreche ich ausführlich diese ihre Lehren, wo man doch leicht sehen kann, ob sie irgendeine Kraft besitzen? Denn sie behaupten, dass Gott nach dem früheren Gesetz ein zweites bestimmt habe. Denn, sagen sie, das erste sei für einen bestimmten Anlass entstanden und sei durch bestimmte Zeiträume begrenzt gewesen, aber dieses spätere Gesetz sei offenbart worden, weil das Gesetz des Mose durch Zeit und Ort begrenzt war. Dass sie dies fälschlich behaupten, werde ich klar zeigen, indem ich aus den Büchern des Mose nicht nur zehn, sondern zehntausend Stellen als Beweis anführe, wo er sagt, dass das Gesetz für alle Zeit sei. So hört nun eine Stelle aus dem Exodus: „Und dieser Tag soll euch zum Gedenken sein; und ihr sollt ihn dem Herrn zum Fest halten, durch alle eure Geschlechter hindurch; ihr sollt ihn zum Fest halten durch eine ewige Ordnung; am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern entfernen …“ Viele Stellen mit dem gleichen Sinn blieben noch übrig, aber wegen ihrer Vielzahl unterlasse ich es, sie anzuführen, um zu beweisen, dass das Gesetz des Mose für alle Zeit gelten sollte. Doch zeigt mir, wo es eine einzige Aussage bei Mose gibt, die dem später unbesonnen ausgesprochenen Wort des Paulus entspricht, nämlich dass „Christus das Ende des Gesetzes“ sei. Wo kündigt Gott den Hebräern ein zweites Gesetz an, außer dem bereits festgesetzten? Nirgendwo kommt es vor, nicht einmal eine Revision des festgesetzten Gesetzes. Hört vielmehr nochmals auf die Worte des Mose: „Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und ihr sollt nichts davon wegnehmen; haltet die Gebote des Herrn, eures Gottes, die ich euch heute gebiete.“ Und: „Verflucht sei jeder Mensch, der nicht bei allem bleibt, was in diesem Gesetz geschrieben steht, um es zu tun.“ Doch ihr habt es für gering geachtet, von dem, was im Gesetz geschrieben steht, wegzunehmen oder hinzuzufügen; und es ganz zu übertreten, habt ihr in jeder Hinsicht für männlicher und hochherziger gehalten, weil ihr nicht auf die Wahrheit blickt, sondern auf das, was alle Menschen überzeugt.
Aber ihr seid so irregeleitet, dass ihr nicht einmal den Lehren treu geblieben seid, die euch von den Aposteln überliefert wurden. Auch diese sind verändert worden, und zwar so, dass sie schlimmer und gottloser wurden, durch jene, die später kamen. Denn weder Paulus noch Matthäus noch Lukas noch Markus wagten es, Jesus Gott zu nennen. Aber der ehrenwerte Johannes, da er bemerkte, dass bereits eine große Anzahl Menschen in vielen Städten Griechenlands und Italiens mit dieser Krankheit infiziert war – und da er, wie ich vermute, hörte, dass sogar die Gräber von Petrus und Paulus verehrt wurden, wenn auch heimlich, so hörte er es doch – er war der Erste, der es wagte, Jesus Gott zu nennen. Und nachdem er kurz von Johannes dem Täufer gesprochen hatte, kehrte er wieder zum Logos zurück, den er verkündete, und sagte: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Aber wie, das sagt er nicht, weil er sich schämte. Nirgends aber nennt er ihn entweder Jesus oder Christus, solange er ihn Gott und Wort nennt, sondern wie unmerklich und heimlich stiehlt er sich an unsere Ohren heran und sagt, dass Johannes der Täufer für Jesus Christus dieses Zeugnis abgelegt habe, dass er in Wahrheit derjenige sei, den wir für Gott das Wort zu halten hätten. Dass Johannes dies über Jesus Christus sagt, leugne ich meinerseits nicht. Und doch meinen einige der Gottlosen, dass Jesus Christus ganz verschieden sei von dem Wort, das von Johannes verkündet wurde. Doch dem ist nicht so. Denn der, den Johannes selbst Gott das Wort nennt, ist, sagt er, derselbe, den Johannes der Täufer als Jesus Christus erkannt hat. Achtet also darauf, wie vorsichtig, wie still und unmerklich er das krönende Wort seiner Gottlosigkeit in das Drama einführt; und er ist so schurkisch und hinterlistig, dass er den Kopf erneut erhebt, um hinzuzufügen: „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn verkündigt.“ Ist also dieser eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, derselbe Gott, der das Wort ist und Fleisch wurde? Und wenn er es tatsächlich ist, wie ich glaube, dann habt auch ihr mit Sicherheit Gott gesehen. Denn „er wohnte unter euch, und ihr habt seine Herrlichkeit gesehen“. Warum fügt ihr dann hinzu: „Niemand hat Gott je gesehen“? Denn ihr habt ihn doch gesehen, wenn auch nicht Gott den Vater, so doch Gott, der das Wort ist. Wenn aber der eingeborene Sohn eine Person ist und der Gott, der das Wort ist, eine andere, wie ich es von manchen eurer Sekte gehört habe, dann scheint es, dass nicht einmal Johannes jene unbesonnene Aussage gemacht hat.
Doch dieser böse Lehrsatz stammt tatsächlich von Johannes; aber wer könnte alle jene Lehren, die ihr später als Fortsetzung erfunden habt, so hassen, wie sie es verdienen, während ihr viele frisch Verstorbene zu dem längst verstorbenen Leichnam hinzufügt? Ihr habt die ganze Welt mit Gräbern und Grabstätten erfüllt, und doch steht in euren Schriften nirgends, dass ihr euch in Gräbern wälzen und ihnen Ehre erweisen müsst. Aber ihr seid so weit in der Bosheit gegangen, dass ihr nicht einmal auf die Worte Jesu von Nazareth in dieser Angelegenheit hören wollt. Hört also, was er über Gräber sagt: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr seid wie getünchte Gräber; von außen erscheint das Grab schön, aber innen ist es voll von Totengebeinen und aller Unreinheit.“ Wenn also Jesus sagte, dass Gräber voll Unreinheit seien, wie könnt ihr dort Gott anrufen?
Da dies nun so ist, warum wälzt ihr euch dann unter Gräbern? Wollt ihr den Grund hören? Nicht ich werde ihn euch sagen, sondern der Prophet Jesaja: „Sie lagern bei Gräbern und in Höhlen wegen der Traumvisionen.“ Ihr seht also, wie alt unter den Juden dieses Werk der Zauberei war, nämlich um der Traumvisionen willen bei Gräbern zu schlafen. Und in der Tat ist es wahrscheinlich, dass eure Apostel nach dem Tod ihres Lehrers dies praktizierten und es denen, die euren Glauben zuerst annahmen, von Anfang an überlieferten, und dass sie selbst ihre Zaubereien geschickter vollzogen als ihr und jenen, die nach ihnen kamen, offen zeigten, an welchen Orten sie diese Zauberei und Abscheulichkeit begangen hatten.
Ihr aber, obwohl ihr das tut, was Gott von Anfang an verabscheute, wie er durch Mose und die Propheten zeigte, habt euch dennoch geweigert, Opfer darzubringen und zu schlachten. „Ja“, sagen die Galiläer, „weil kein Feuer herabkommt, um die Opfer zu verzehren, wie im Fall des Mose.“ Ich aber antworte: Nur einmal geschah dies bei Mose; und wieder viele Jahre später bei Elija aus Tischbe. Denn ich werde in wenigen Worten beweisen, dass Mose selbst meinte, es sei notwendig, Feuer von außen für das Opfer zu bringen, und sogar schon vor ihm Abraham, der Patriarch …
Und dies ist nicht der einzige Fall: Als die Söhne Adams auch Erstlingsfrüchte Gott darbrachten, sagt die Schrift: „Und es fand Wohlgefallen der Herr an Abel und an seinen Opfern; aber an Kain und an seinen Opfern fand er kein Wohlgefallen. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Angesicht senkte sich. Und der Herr Gott sprach zu Kain: Warum bist du zornig? und warum ist dein Angesicht gesenkt? Ist es nicht also – wenn du recht opferst, aber nicht recht zerteilst, hast du uns nicht gesündigt?“ Wollt ihr also auch hören, was ihre Opfer waren? „Und am Ende von Tagen geschah es, dass Kain von den Früchten des Feldes dem Herrn ein Opfer brachte. Nun auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.“ Ihr seht, sagen die Galiläer, es war nicht das Opfer, sondern dessen Teilung, die Gott missfiel, als er zu Kain sagte: „Wenn du recht opferst, aber nicht recht zerteilst, hast du nicht gesündigt?“ Das hat mir einer eurer gelehrtesten Bischöfe gesagt. Doch erstens täuschte er sich selbst und dann auch andere. Denn als ich ihn fragte, worin diese Teilung mangelhaft gewesen sei, wusste er nicht, wie er darauskommen oder mir auch nur eine lauwarme Erklärung geben sollte. Und als ich sah, wie sehr er verlegen war, sagte ich: „Gott missfiel sicher das, was ihr meint. Denn der Eifer beider Männer war gleich, insofern beide dachten, sie müssten Gott Gaben und Opfer darbringen. Aber bei der Teilung traf einer ins Ziel, der andere verfehlte. Wie und auf welche Weise? Nun, da einige Dinge auf der Erde lebendig und andere leblos sind, und jene, die lebendig sind, dem lebendigen Gott, der auch die Ursache des Lebens ist, wertvoller sind, insofern sie Anteil am Leben haben und eine ihm ähnliche Seele besitzen – aus diesem Grund zeigte Gott sich lieber geneigt gegenüber dem, der ein vollkommenes Opfer brachte.“
Nun muss ich diesen anderen Punkt aufgreifen und sie fragen: Warum, bitte, praktiziert ihr nicht die Beschneidung? „Paulus“, antworten sie, „sagte, die Beschneidung des Herzens, nicht des Fleisches, sei Abraham zugutegekommen, weil er glaubte. Nein, er sprach nicht vom Fleisch, und wir sollten den frommen Worten glauben, die von ihm und von Petrus verkündet wurden.“
Hört aber andererseits noch einmal, dass Gott Abraham die Beschneidung des Fleisches als Bund und Zeichen gegeben hat: „Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir in ihren Generationen: Ihr sollt das Fleisch eurer Vorhaut beschneiden, und es sei ein Zeichen des Bundes zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir.“ Deshalb, wenn er unzweifelhaft gelehrt hat, dass es recht ist, das Gesetz zu beobachten, und diejenigen mit Strafe bedroht hat, die eines der Gebote übertreten – was für eine Verteidigung wollt ihr euch ausdenken, ihr, die ihr sie alle ohne Ausnahme übertreten habt? Denn entweder wird sich Jesus als falsch herausstellen, oder vielmehr werdet ihr in jeder Hinsicht entdeckt, das Gesetz nicht bewahrt zu haben. „Die Beschneidung soll an deinem Fleisch sein“, sagt Mose. — Doch die Galiläer achten ihn nicht; sie sagen: „Wir beschneiden unser Herz.“ Sehr wohl! Denn unter euch gibt es ja keinen Übeltäter, keinen Sünder, so gründlich beschneidet ihr euer Herz. Ihr sagt: „Wir können das ungesäuerte Brot nicht einhalten oder das Passah feiern; denn um unserer willen wurde Christus ein für alle Mal geopfert.“ Gut! Dann hat er euch etwa verboten, ungesäuertes Brot zu essen? Dennoch, so wahr ich die Götter anrufe: Ich gehöre zu denen, die es vermeiden, die Feste zusammen mit den Juden zu halten; aber dennoch verehre ich stets den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – die selbst Chaldäer waren, einer heiligen Abstammung, geübt in Theurgie, und die während ihres Aufenthalts als Fremde bei den Ägyptern die Beschneidung erlernt hatten. Und sie verehrten einen Gott, der sich mir und denen, die ihn anbeteten, stets gnädig erwies, wie Abraham es tat; denn er ist ein sehr großer und mächtiger Gott – aber er hat nichts mit euch zu tun. Denn ihr ahmt Abraham nicht nach, indem ihr Altäre für ihn errichtet oder Opferaltäre baut und ihn wie Abraham mit Opfern anbetet. Denn Abraham pflegte genauso zu opfern wie wir Hellenen, stets und fortwährend. Und er praktizierte Wahrsagung aus den Flugbahnen der Sterne. Wahrscheinlich ist auch das ein hellenischer Brauch. Aber für höhere Dinge weissagte er aus dem Flug der Vögel.
Und er besaß auch einen Verwalter seines Hauses, der sich selbst Zeichen setzte. Und wenn einer von euch daran zweifelt, so werden ihn die Worte, die von Moses darüber ausgesprochen wurden, klar überzeugen: „Nach diesen Reden geschah das Wort des Herrn zu Abraham in einer nächtlichen Vision und sprach: Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild, dein Lohn soll sehr groß sein. Und Abraham sprach: Herr, mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe ja kinderlos dahin, und der Sohn der Masek, der Sklavin, wird mein Erbe sein. Und sogleich geschah das Wort des Herrn zu ihm und sprach: Nicht dieser wird dein Erbe sein, sondern der aus dir Hervorgehende, der wird dein Erbe sein. Und er führte ihn hinaus und sprach: Blicke nun gen Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So soll dein Same sein. Und Abraham glaubte dem Herrn, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“
Sagt mir nun: Warum hat derjenige, der mit ihm sprach – ob Engel oder Gott – ihn hinausgeführt und ihm die Sterne gezeigt? Wusste er denn, solange er noch im Haus war, nicht, wie groß die Zahl der Sterne ist, die jede Nacht sichtbar und leuchtend erscheinen? Aber ich denke, es geschah, weil jener ihm die Sternschnuppen zeigen wollte, damit er Abraham als sichtbares Pfand seiner Worte den Spruch des Himmels darbiete, der alles erfüllt und besiegelt. Und damit niemand meine Auslegung für erzwungen halte, werde ich ihn durch das überzeugen, was als Nächstes auf die oben zitierte Stelle folgt. Denn es steht geschrieben: „Und er sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der dich aus dem Land der Chaldäer herausgeführt hat, um dir dieses Land zum Besitz zu geben. Er aber sprach: Herr, mein Gott, woran soll ich erkennen, dass ich es besitzen werde? Und er sprach zu ihm: Nimm mir eine dreijährige Kuh und eine dreijährige Ziege und einen dreijährigen Widder und eine Turteltaube und eine junge Taube. Und er nahm all diese, zerteilte sie mitten entzwei und legte je ein Teil dem anderen gegenüber; die Vögel aber zerteilte er nicht. Und die Vögel fielen auf die zerteilten Stücke herab, Abraham aber setzte sich zwischen sie.“
Ihr seht also, wie die Botschaft des Engels oder Gottes, der erschienen war, durch einen Vogelaugur verstärkt wurde und wie die Weissagung nicht zufällig, wie bei euch, sondern begleitet von Opfern vollendet wurde. Darüber hinaus sagt er, dass durch das Herabfliegen der Vögel gezeigt wurde, dass seine Botschaft wahr sei. Und Abraham nahm das Pfand an und erklärte überdies, dass ein Pfand ohne Wahrheit nichts als Torheit und Schwachsinn sei. Denn es ist nicht möglich, die Wahrheit allein aus Worten zu erkennen; vielmehr muss ein deutliches Zeichen dem Gesagten folgen, ein Zeichen, das durch seine Erscheinung die über die Zukunft gemachte Weissagung beglaubigt. . . .
Für eure Trägheit in dieser Angelegenheit aber bleibt euch nur ein einziger Vorwand: nämlich, dass euch das Opfern nicht erlaubt sei, wenn ihr euch außerhalb Jerusalems befindet – obwohl übrigens auch Elias auf dem Berg Karmel opferte und nicht in der heiligen Stadt.
ENDE
Übersetzung: KI, aus dem englischen, redigiert von Alvisi vom Roten Stein
Ausgangstext: Übersetzung von Roger Pearse, 2005
Quellen:
(1) Against the Galiaeans, tertullian.org
(2) Pro templis, weiberkraft.com
Bild: KI