In Ungarn übernahmen die Javas-Frauen (Javasasszony) über viele Generationen hinweg die Aufgabe der Krankenpflege – vor allem in ländlichen Regionen, in denen medizinische Versorgung lange Zeit fehlte oder schwer zugänglich war. Ihre Herangehensweise war ganzheitlich: Sie betrachteten den Menschen nicht isoliert als körperlich Erkrankte, sondern in ihrer Gesamtheit – mit Körper, Geist und Seele. Die Menschen in ihrer Umgebung wandten sich nicht nur bei körperlichen Beschwerden an sie, sondern suchten auch bei seelischen Leiden ihren Rat. In diesem Sinne vereinten die Javas Elemente von Hebammenkunst, Heilkunde und Pflege – stets mit einem holistischen Blick auf den ganzen Menschen.
Die Javas-Heilkunde folgte dem hermetischen Prinzip der Entsprechung – dem Denken in Analogien. Eine Praxis, die in zahlreichen vorchristlichen Heiltraditionen angewandt wurde und nicht allein auf die Java-Tradition beschränkt war. Heute kennt man diese Praxis unter dem Begriff Signaturenlehre und bringt sie vor allem mit Paracelsus in Verbindung. Der Alchemist und Arzt hat diese Lehre jedoch nicht erfunden, sondern lediglich weiterentwickelt. Die Wurzeln der Lehre von den Analogien reichen bis in die Antike und in die neuplatonische und hermetische Philosophie zurück. Schon Hippokrates, Galen, Dioskurides und Plinius der Ältere setzten sich mit der analogen Denkweise auseinander.
Bei den Javas ging es bei dieser Denkweise jedoch nicht nur um das Erkennen von formalen, farblichen, geschmacklichen oder astrologischen Entsprechungen zwischen Naturphänomenen und menschlichen Erkrankungen, sondern auch um Handlungs- und Wirkungs-Analogien, bei denen symbolische Handlungen auf der materiellen Ebene eine energetische Wirkung entfalten sollten. Für sie spielten Formen, Farben, Gesten und natürliche Erscheinungen immer auch innere Prozesse des Menschen (der unteren Welt) wider.
Ausgießen
Eine der Praktiken der Javas-Frauen war das Ausgießen. Damit konnte sowohl geheilt als auch verhext werden. Zum Verhexen bereitete die Javas einen Sud aus neun Getreidesorten zu und goss ihn vor das Haus der Person, die verhext werden sollte[1]. Das Getreide, das eigentlich für Leben steht, wird verkocht und in zerstörter, unreiner Form vor das Haus gegossen. Dadurch kehrt sich seine segensreiche Bedeutung ins Gegenteil: aus Leben wird Krankheit. Das Ausgießen überträgt den Zustand des Suds auf die Zielperson – man „verunreinigt“ symbolisch ihr Umfeld. Das ist sympathische Magie: Was dem Haus geschieht, geschieht auch dem Bewohner – über eine energetische Verbindung.
Um zu Heilen wurde der Körper eines Kranken mit einem Hemd abgewaschen, das zuvor in Wasser und Seife getaucht worden war. Anschließend wurde das benutzte Wasser in einen Fluss gegossen, um die Krankheit symbolisch fortzuspülen. Das Hemd wurde an einen Strauch gehängt, damit der Wind die Krankheit forttragen konnte. Durch diese Handlung wurde die Krankheit von der Person auf das Hemd und danach auf das Wasser oder den Wind übertragen und fortgespült / hinweggetragen. Auch das ist Analogie durch symbolisches Handeln: Wasche ich den Körper → wasche ich die Krankheit → leite ich sie fort.
Hexenpuppen (Rontó Bábuk)
Auch mit der Rontó Bábu konnte man – wie mit allen magischen Hilfsmitteln – sowohl heilen als auch schaden. Zur Herstellung einer Rontó Bábu[2] wurden traditionell neun Zweige zugeschnitten und zwei Stücke Stoff abgerissen. Eines davon wurde für den Kopf verwendet, das andere für den Körper. Die Zweige wurden wie ein christliches Kreuz übereinandergelegt und festgebunden. Ein Stück Stoff wurde zum Kopf geformt. Diese Puppe konnte zum Beispiel an einer Wegkreuzung weggeworfen werden – und zwar mit der linken Hand über die linke Schulter. Die Javas-Frau stellte eine Puppe her, die gleichzeitig die Form eines christlichen Kreuzes als auch eines menschlichen Körpers (= Stellvertreterprinzip) hatte. Das Kreuz, das eigentlich für die kosmische Ordnung steht, wurde damit symbolisch manipuliert oder „gestört“, um eine Verfluchung zu erzeugen. Auf die Puppe, die symbolisch eine konkrete Person symbolisierte, konnte alles übertragen werden, was man sich für diese Person wünschte.

Um Krankheiten loszuwerden, stellten die Javas Hexenpuppen her (oft mit der zahl Neun in Verbindung stehend), hielten die kranke Person an, diese in ihr Unterkleid zu stecken und an einen Fluss zu gehen, wo sie alle Puppen in ein Wasser werfen sollte, während sie sprach:
„Das Übel soll für immer verschwinden!“[3] Die Krankheit wird dadurch symbolisch nicht im Körper belassen, sondern auf ein Medium (die Puppe) übertragen und dann bewusst aus der Welt der Person entfernt.
Hindurchschlüpfen
Das Hindurchschlüpfen symbolisiert einen magisch-spirituellen Übergang. Es wurde in unterschiedlichen Traditionen zur Unterstützung der Geburt, zur sozialen Integration oder zum Heilen angewendet. Bis heute trägt man in Deutschland oder Österreich die Braut traditionell „über die Schwelle“, um damit einen Übergang → von der Jungfrau zur Ehefrau – zu symbolisieren. In Ungarn wurde der Kranke von der Javas-Frau angeleitet, durch einen gespaltenen Baum oder durch ein natürlich entstandenes Loch in einem Baumstamm zu schlüpfen. Das Durchschlüpfens steht analog zu einem symbolischen Wiedergeburtsakt → ich werde neu und gesund geboren.
Ein Baby, das die Fraisen hatte (frász) ließ die Javas-Frau zur Heilung durch die Frászkarika[4], einen gebackenen Ring aus neun Mehlen, schlüpfen. Dazu wurde Mehl aus neun Häusern geliehen. Aus diesem Mehl wurde ein Teig hergestellt und ein spezieller Ring gebacken, durch den das Kind – ähnlich einem Reinigungstor – hindurchschlüpfen musste. Durch die Sammlung von „fremdem“ Mehl entsteht eine magisch aufgeladene, kollektive Kraft – die Zahl Neun steht (als Vielfaches der Zahl Drei) für Ganzheit und symbolische Vollständigkeit. Dasselbe Ergebnis konnte auch durch die Übergabe des Babys von einem Elternteil zum anderen erreicht werden.
Wortmagie
In allen Religionen wird gezielt Sprache eigesetzt – gesprochen oder geschrieben –, um spirituelle Wirkungen zu erzielen. Sprache galt seit jeher als kraftvolle Handlung, die Realität beeinflussen kann. Die Mutter eines kleinen Mädchens, das sehr dünn war und nicht wuchs, wurde von einer Javas-Frau angeleitet, des Nachts einen großen Kessel aus der Küche zu holen und so zu tun, als würde sie ein Feuer darunter machen. Aber es durfte kein Feuer brennen. Sie sollte Holz darunter legen, aber es nicht anzünden. Dann sollte sie das Mädchen in den Kessel setzen. Dann betrat die Javas-Frau das Haus und fragte die Mutter:
„Nachbarin, was kochst du?“
„Etwas Fleisch auf den Knochen!“
Das wurde zwölfmal wiederholt.
Danach würde sich das kleine Mädchen zu entwickeln beginnen und an Gewicht zunehmen.[1]
Ein Gerstenkorn im Auge wurde von einem Javas symbolisch mit dem gebogenen Zeigefinger geerntet. Der Zeigefinger symbolisierte dabei eine Sichel. Der Javas sprach: „Gerste, Gerste, ich ernte dich, ich nehme dich mit nach Hause, ich dresche dich, siebe dich, mahle dich, knete dich, backe Brot aus dir und esse dich!“
Umkehrhandlungen
Bei Verdacht auf bösen Blick musste der Kranke mit Wasser gewaschen werden, das heiße Holzkohle enthielt – gewaschen mit der Rückseite der linken Hand – und das Wasser wurde dann von unten nach oben ausgeschüttet. Umkehrmagie beruhte auf dem Denkmuster der symbolischen Wiederherstellung: Eine aus dem Gleichgewicht geratene Ordnung soll durch bewusste Umkehr von Bewegungen, Richtungen oder Gesten wieder ins Lot gebracht werden. Das Waschen mit der Rückseite der linken Hand stellt eine Umkehr zur gewöhnlichen, rechten und offenen Hand dar – also ein bewusster Bruch mit dem Alltäglichen, eine symbolische Gegenbewegung. Das Ausschütten des Wassers von unten nach oben, statt wie gewohnt von oben nach unten, ist die stärkste symbolische Umkehr: Es kehrt nicht nur die Handlung, sondern auch die Flussrichtung um. Auch das Rückwärtszählen in Beschwörungen sollte durch Umkehr die Ordnung des Lebens symbolisch wiederherstellen, die durch die Krankheit gestört wurde.
Übertragung
Bei Gürtelrose rieb die Javas-Frau mit einem aufgeschnittenen Apfel über die Haut, band ihn mit neun Knoten zu. Der Apfel wurde von den Familienmitgliedern des Kranken unter einem Dach vergraben und täglich darauf uriniert. Das Vergraben war ein magischer Akt der Verbannung. Das tägliche Urinieren auf den Apfel ist eine rituelle Handlung der Entladung, ein Akt der Demütigung und Schwächung der Krankheit.
Wurde jemand von einer Hexe heimgesucht, verspürte er Druck auf der Brust. Das Gegenmittel der Javas-Frau war z. B. Salzbrot, überkreuzte Beine im Bett oder das Verbrennen eines Haarbüschels der Hexe.
Heil- und Pflegetechniken
– Waschen
– Umschläge
– Einreiben
– Reiben
– Spülen (mit Kräutertee oder Alkohol)
– Inhalieren
– Tränke
Quellen:
[1] Symbolic healing in hungarian Ethnomedicine, folklore.ee, Folklore Archiv
[2] Rontó bábuk – a magyar boszorkány visszatér, goetia.hu
[3] A magyar nép dermatologiája, Die Dermatologie des ungarischen Volkes, Digitália – Universitätsbibliothek Pécs
[4] Frászkarika, Arcanum Adatbázis Kft., digitale Bibliothek
Weiterführende Literatur:
Népi gyógyítás Jászladányban, Volksheilpraktiken in Jászladány, karpatmedence.net
Bild: KI