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Die Heilserzählungen des Aristides Aelius

Ein Beispiel für die iatromantischen Praktiken im Asklepiostempel


Der folgende Text ist eine deutsche Übersetzung ausgewählter Passagen aus den „Heiligen Reden“ (Hieroi Logoi) des Aelius Aristides. Darin schildert Aristides seine langjährigen Erkrankungen, seine Aufenthalte im Asklepieion und die Heilungsanweisungen, die er nach eigener Darstellung durch Asklepios in Träumen und Visionen erhielt.

Aelius Aristides war ein wohlhabender, gebildeter griechischer Redner und Schriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr., der ungefähr von 117 bis 181 n. Chr. lebte. Er stammte aus Mysien in Kleinasien, also aus dem Gebiet der heutigen Westtürkei. Seine Erzählungen spielen nicht im antiken Griechenland im geografisch engeren Sinn, sondern im Asklepieion von Pergamon in Kleinasien – dem heutigen Bergama in der Türkei. Pergamon gehörte damals zum Römischen Reich, war aber eine griechischsprachige Stadt mit griechischem Asklepioskult.

Aristides Aelius Krankheit begann bereits vor seiner Italienreise und verschlechterte sich; die anstrengende Reise nach Rom und besonders die Rückreise durch Makedonien und Thrakien verschlimmerten seinen Zustand erheblich. Danach begann jene lange Krankheits- und Heilungsphase, die ihn eng mit Asklepios und dem Asklepieion von Pergamon verband. Dieser gesundheitliche Einbruch war ein Wendepunkt in seinem Leben und seiner Karriere. Den Schilderungen seiner Beschwerden nach könnte es sich dabei um eine Erkrankung des Magen-Darm-Trakts, beispielsweise ein Magengeschwür mit Reflux gehandelt haben. Bei dem von ihm beschriebenen Symptomen ist Reflux eine auffällige mögliche Parallele.

Erste Heilserzählung

Komm nun, erinnern wir uns auch an die früheren Ereignisse, soweit wir dazu überhaupt imstande sind. Anfangs kam mir überhaupt nicht in den Sinn, sie aufzuschreiben, weil ich nicht glaubte, dass ich überleben würde. Außerdem befand sich mein Körper in einem solchen Zustand, dass er mir nicht erlaubte, mich damit zu beschäftigen.

Als dann einige Zeit vergangen war, erschien es mir geradezu unmöglich, mich an jedes Einzelne zu erinnern und alles genau wiederzugeben. Daher schien es mir besser, überhaupt zu schweigen, als derart große Taten durch eine ungenaue Darstellung zu entstellen.

Und ich brachte deswegen viele Entschuldigungen vor, sowohl gegenüber dem Gott als auch gegenüber meinen Freunden, die mich immer wieder baten, darüber zu sprechen und darüber zu schreiben.

Nun aber, nach so vielen Jahren und nach so langer Zeit, zwingen mich Traumvisionen dazu, diese Dinge auf irgendeine Weise öffentlich zu machen.

Erster Hinweis von Asklepios: Träume aufschreiben

So viel kann ich jedenfalls sagen: Gleich von Anfang an befahl mir der Gott, die Träume aufzuzeichnen; und dies war die erste seiner Anordnungen.

Ich zeichnete die Träume auf, indem ich sie diktierte, wenn ich nicht in der Lage war, sie mit eigener Hand niederzuschreiben. Ich fügte jedoch weder hinzu, unter welchen Umständen mir die einzelnen Träume erschienen, noch, was jeweils aus ihnen hervorging. Es genügte mir gewissermaßen, damit meine Pflicht gegenüber dem Gott zu erfüllen – einerseits wegen der Schwäche meines Körpers, wie ich bereits sagte, andererseits weil ich niemals erwartet hätte, dass die Fürsorge des Gottes ein derartiges Ausmaß annehmen würde; und gemeinsam mit ihm sei mir auch Adrasteia angerufen.

Da ich außerdem nicht von Anfang an damit begonnen hatte, alles aufzuschreiben, ließ ich, gleichsam davon bedrückt, auch das Übrige beiseite, manches gewissermaßen freiwillig, anderes unfreiwillig. Stattdessen fand ich andere Möglichkeiten, dem Gott meinen Dank zu erweisen. Denn ich glaube, dass die Aufzeichnungen nicht weniger als dreihunderttausend Verse beziehungsweise Zeilen umfassen. Es ist jedoch weder leicht, sie vollständig durchzugehen, noch jedes Einzelne zeitlich richtig einzuordnen. Hinzu kommt, dass manches während der vielfältigen Zerstörung und Unordnung meiner häuslichen Angelegenheiten in jener Zeit verlorenging.

Anmerkung:
Die Inkubation/Tempelschlaf gehörte in den Asklepiosheiligtümern zu den etablierten Heilpraktiken. Erkrankte schliefen im Heiligtum und erwarteten einen Traum, in dem Asklepios erscheinen, eine Behandlung anordnen oder die Heilung unmittelbar vollziehen konnte. Dass solche Träume anschließend festgehalten wurden, ist ebenfalls belegt. Besonders wichtig sind die Heilinschriften (ἰάματα, iamata) von Epidauros: Auf Steintafeln wurden Namen, Erkrankungen, Traum- bzw. Heilungserlebnisse und Heilungen gesammelt. Etwa 70 solcher Fälle sind auf Tafeln aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. erhalten.

Es bleibt daher nur, die wichtigsten Punkte wiederzugeben und mich an manches aus dieser, manches aus jener Quelle zu erinnern, so wie der Gott mich führt und bewegt. Auch hierfür rufen wir ihn an, so wie für alles andere. Denn wenn überhaupt ein Gott für alles angerufen werden kann, dann ist er es.

Als ich nämlich aus Italien zurückgebracht worden war, hatte mein Körper infolge der fortwährenden Anstrengungen und Unwetter, denen ich auf meiner Rückreise durch Thrakien und Makedonien ausgesetzt gewesen war, zahlreiche und verschiedenartige Leiden davongetragen. Schon als ich von zu Hause aufgebrochen war, war ich krank gewesen. Die Ärzte waren nun völlig ratlos – nicht nur darüber, dass sie mir nicht helfen konnten, sondern sogar darüber, überhaupt zu erkennen, worin mein gesamtes Leiden bestand.

Aristides’ Symptome

Das Schwerste und Rätselhafteste von allem war, dass mir der Atem gleichsam abgeschnitten war. Nur mit großer Anstrengung und unter kaum glaublicher Mühe gelang es mir manchmal, gewaltsam und gerade noch ausreichend Luft zu holen. Dazu kamen ununterbrochene Erstickungsgefühle im Hals; meine Nerven waren von Frösteln erfasst, und ich benötigte mehr Bedeckung, als ich überhaupt ertragen konnte. Daneben quälten mich noch zahllose andere Beschwerden.

Warme Thermalquellen

Man meinte nun, ich solle die heißen Quellen benutzen, in der Hoffnung, dass ich dadurch vielleicht etwas Erleichterung finden oder die Luft besser ertragen könnte. Es war nämlich bereits Winter, und der Ort lag nicht weit von der Stadt entfernt.

Dort begann der Retter zum ersten Mal, mir göttliche Weisungen zu erteilen.

Anmerkung:
Warme Bäder und Heilquellen hatten in der griechischen Medizin eine wichtige Bedeutung. Bereits in homerischer Zeit sind warme Bäder zur Reinigung und zur Linderung körperlicher Beschwerden belegt. In der hippokratischen Medizin wurden Wasser, Klima und Umwelt ausdrücklich als Faktoren für Gesundheit und Krankheit berücksichtigt; auch unterschiedliche Wasserarten (z. B. Flusswasser, Regenwasser, Meerwasser, Schneewasser, Eiswasser,…) sowie warme und kalte Anwendungen wurden therapeutisch eingesetzt. Besonders in den Asklepiosheiligtümern spielte Wasser eine zentrale Rolle: Quellen, Brunnen und Badeanlagen gehörten zu den grundlegenden Einrichtungen vieler Heiligtümer, weil Waschen, Baden und rituelle Reinigung sowohl medizinische als auch religiöse Bedeutung hatten. 

Zweiter Hinweis von Asklepios: barfuß hinausgehen

Er befahl mir, barfuß hinauszugehen, und im Traum rief ich, als wäre ich zugleich wach und als hätte sich der Traum bereits erfüllt:

„Groß ist Asklepios! Der Befehl ist erfüllt.“

Während ich weiterging, glaubte ich diese Worte auszurufen.

Anmerkung:
Das Barfußgehen konnte im antiken Griechenland eine kultische und religiöse Bedeutung haben. In einzelnen Heiligtümern gehörte es zu besonderen rituellen Vorschriften und konnte den unmittelbaren Kontakt mit der Erde bzw. dem heiligen Boden ausdrücken.

Danach erfolgte die Berufung und die Reise von Smyrna nach Pergamon – unter glücklichen Vorzeichen.

Was von diesem Zeitpunkt an geschah, lässt sich eigentlich nicht auf menschliche Weise erzählen. Dennoch muss ich versuchen, wie ich es angekündigt habe, einiges davon wenigstens in groben Zügen wiederzugeben.

Wenn aber jemand ganz genau erfahren möchte, was uns durch den Gott widerfahren ist, dann muss er nach den Schriftrollen und nach den Träumen selbst suchen.

Denn dort wird er Heilungen jeder Art finden, gewisse Gespräche und lange Reden, Erscheinungen verschiedenster Art, sämtliche Vorhersagen sowie Orakelsprüche über die unterschiedlichsten Angelegenheiten – manche in Prosa, andere in Versform – und alles Dinge, für die dem Gott größerer Dank gebührt, als jemand überhaupt vermuten könnte.

Jetzt aber wollen wir ungefähr von dem Punkt an beginnen, als wir in das Heiligtum gekommen waren. In der ersten Nacht erschien der Gott meinem Ziehvater in der Gestalt des Salvius, des jetzigen Konsuls – wer aber Salvius war, wussten wir damals noch nicht; er hielt sich zu jener Zeit gerade beim Gott auf (Anm.: im Asklepiostempel). Mein Ziehvater sagte nun, dass der Gott in eben dieser Gestalt mit ihm über meine Schriften gesprochen habe und, wie ich glaube, noch über anderes, und dass er dabei besonders auf sie hingewiesen habe, indem er sagte: „Heilige Reden.“

Dritter Hinweis von Asklepios, vom Ziehvater übermittelt: Einreibung mit Balsam und Waschung mit einer Zubereitung aus Rosinen

So viel dazu. Danach gab er ihm die Heilmittel für mich an. Das erste davon war, soweit ich mich erinnere, der Saft des Balsams; dieser sei eine Gabe des Telesphoros von Pergamon. Man sollte ihn beim Baden verwenden, wenn man aus dem heißen Wasser in das kalte ging. Danach kamen irgendwelche Waschmittel, gemischt aus Rosinen und anderen Dingen, und danach zehntausend auf zehntausend weitere Mittel. Da ich sie alle notwendigerweise übergehe, möchte ich mich nun an die außergewöhnlichen Dinge erinnern.

Anmerkung:
Bei den Griechen wurden nach dem Baden Salböle verwendet, meist auf Basis pflanzlicher Öle. Sie dienten zur Hautpflege, zum Einreiben des Körpers und häufig auch zur Parfümierung. Eine ältere Darstellung der antiken Praxis fasst ausdrücklich zusammen, dass solche Öle besonders nach dem Bad auf den ganzen Körper aufgetragen wurden. 

Zu den belegten Zutaten gehören insbesondere:
• Olivenöl, häufig als Basis
• Myrtenöl
• Rosenöl
• Lorbeeröl
• Lilienöl
• Mandelöl
• Sesamöl
• Narde
• Myrrhe
• Mastix
• Iris
• Safran
• Majoran
• Kalmus
• Zimt bzw. Cassia
• Balsamum / Opobalsamum
• verschiedene Harze, etwa Terebinthenharz

(s. z. B. Plinius Überlieferungen)

Anwendung:
In der antiken Badekultur wurden Balsame und aromatische Öle meist nicht einfach dem Badewasser zugesetzt, sondern auf die Haut aufgetragen, häufig nach dem warmen Bad oder während des Übergangs zwischen verschiedenen Badephasen.

Reinigungsmittel mit Rosinen:
Für medizinische und kosmetische Mischungen wurden Rosinen in der Antike häufig entkernt und zerstoßen bzw. zu einer Masse verarbeitet. Ein sehr anschauliches Beispiel liefert Dioskurides bei einer Rezeptur: Dort sollen die Kerne entfernt und die Rosinen anschließend zerstoßen und mit Wein und Myrrhe verarbeitet werden.

Wo also soll man beginnen, da es so viele und so verschiedenartige Dinge gibt und zugleich nicht alle im Gedächtnis sind, außer freilich der Dankbarkeit für sie?

Vierter Hinweis von Asklepios: Rituelle Reinigung in Chios

Er (Anm.: Asklepios) sandte mich nach Chios und sagte, er schicke mich um einer Reinigung willen. Wir machten uns also auf den Weg in Richtung Smyrna, und zwar mit großem Unbehagen, weil wir glaubten, ohne Beschützer zu sein und tatsächlich ganz auf uns selbst gestellt zu fahren, sobald wir uns außerhalb des Heiligtums befanden.

Wie nun alle in Smyrna außer sich vor Erstaunen waren, als sie mich wider Erwarten vor sich erscheinen sahen – was sollte man darüber sagen?

Als wir aber nach Klazomenai gekommen waren, schien es nötig, geradewegs nach Phokaia überzusetzen. Und als wir uns bei den Inseln Drymousa und Pele befanden, begann ein leichter Südostwind zu wehen; als wir weiterfuhren, war der Südostwind bereits kräftig, und schließlich brach ein gewaltiger Sturm los.

Das Schiff wurde am Bug emporgehoben, sank nach hinten auf das Heck hinab und wäre beinahe untergegangen. Dann wurde es von hier und von dort von den Wellen überspült; danach wurde es hinaus auf das offene Meer abgetrieben.

Schweiß und Aufregung unter den Seeleuten, und allenthalben Rufe der Mitfahrenden – denn auch einige meiner Vertrauten fuhren mit. Mir aber genügte es, nur dies zu sagen: „O Asklepios!“

Nachdem wir vielerlei und verschiedenartige Gefahren überstanden hatten und schließlich sogar bei der Einfahrt unzählige Male beinahe umgeschlagen, zurückgetrieben worden waren und den Zuschauenden große Angst bereitet hatten, wurden wir glücklich, wenn auch nur mit Mühe, gerettet.

Fünfter Hinweis von Asklepios: Abführmittel (Nieswurz)

Als aber die Nacht kam, befahl der Gott, die Reinigung vorzunehmen, und gab an, womit sie geschehen sollte. Und sie fiel tatsächlich um nichts geringer aus als eine Reinigung durch Nieswurz, wie diejenigen sagten, die damit Erfahrung hatten, zumal durch den Wellengang bereits alles in Bewegung geraten war.

Anmerkung:
Mit „Reinigung durch Nieswurz“ (κάθαρσις ὑπὸ ἐλλεβόρου) ist in diesem Zusammenhang vor allem eine medizinische Entleerung des Körpers gemeint. Nieswurz wurde innerlich gegeben, um Erbrechen und/oder starken Stuhlgang auszulösen.
Die antike Medizin unterschied dabei zwei Formen:
Schwarzer Nieswurz (μέλας ἐλλέβορος) wurde vor allem als Abführmittel verwendet. Plinius beschreibt ausdrücklich, dass er den Körper über den Darm entleerte: „the black hellebore […] purges by stool“. 
Weißer Nieswurz (λευκὸς ἐλλέβορος) – botanisch wahrscheinlich Veratrum album und kein echter Helleborus – wurde vor allem als Brechmittel eingesetzt. Dioskurides beschreibt, dass er mit Nahrung oder einer größeren Menge Flüssigkeit gegeben werden konnte und eine κάθαρσις, also eine Purga­tion, hervorrief. Dioskurides schreibt beim weißen Nieswurz sogar ausdrücklich (ἀκίνδυνος […] ἡ κάθαρσις), dass „die Reinigung/Purgation gefahrloser ist“, wenn das Mittel gemeinsam mit Nahrung oder Flüssigkeit einnimmt. Er beschreibt, dass manche Nieswurz mit viel Brei oder Flüssigkeit verabreichten oder zunächst etwas zu essen gaben. Bei Aristides würde ich daher die „Reinigung“ als heftige körperliche Entleerung verstehen.

Sechster Hinweis von Asklepios: Seinen eigenen Untergang vortäuschen

Und er erklärte nun das Ganze: Es sei mir vom Schicksal bestimmt gewesen, Schiffbruch zu erleiden, und eben deshalb seien diese Dinge geschehen. Und nun müsse ich zur Sicherheit und um das vom Schicksal Bestimmte vollständig zu erfüllen, in ein Boot im Hafen steigen und es so machen, dass das Boot umkippe und untergehe, ich selbst aber, nachdem mich jemand herausgehoben habe, ans Land gebracht werde; denn damit würden die notwendigen Dinge vollendet.

Das taten wir selbstverständlich gern. Und allen erschien die List mit dem Schiffbruch erstaunlich, nachdem zuvor die wirkliche Gefahr bestanden hatte. Daraus erkannten wir auch, dass also er selbst es gewesen war, der uns aus dem Meer gerettet hatte. Als Zugabe zu dieser Wohltat kam die Reinigung.

Danach hielt er mich in Phokaia zurück und gab erstaunliche Zeichen, die sich nicht nur auf den Körper bezogen, sondern auch auf viele andere Dinge. Auch von den bevorstehenden Winden erfuhren wir ziemlich genau im Voraus. Wenn daher unser Gastgeber Rufus unsere Träume hörte – er war auch sonst der angesehenste Mann unter den Phokäern und selbst mit Asklepios nicht ganz unvertraut –, war seine Verwunderung groß, wenn er von uns drinnen jene Dinge hörte, die er draußen zurückgelassen hatte, als er hereinkam.

Siebenter Hinweis von Asklepios: Schafmilch trinken

Einmal wurde Milch benötigt, weil der Gott es befohlen hatte. Es gab aber noch keine, denn es war, wie wir hier rechnen, ungefähr der vierzehnte Tag des zweiten Monats. (Anm.: Zu diesem Zeitpunkt des Jahres war Schafmilch normalerweise noch nicht verfügbar, weil die Schafe noch nicht gelammt hatten.) Dennoch schien es notwendig, danach zu suchen. Rufus ging daher zu einem abgelegenen Teil seines Besitzes und fand dort ein Schaf, das noch in derselben Nacht geworfen hatte. Er brachte die Milch und gab sie mir.

Anmerkung:
Milch wurde in der antiken Medizin regelmäßig als Heil- und Diätmittel eingesetzt; Schafmilch gehörte ausdrücklich dazu. Die antiken Ärzte unterschieden zwischen Schaf-, Ziegen-, Kuh-, Esels-, Stuten- und Frauenmilch und schrieben ihnen unterschiedliche Wirkungen zu. Eine historische Untersuchung stellt fest, dass Milch in medizinischen Werken von der hippokratischen Medizin über Dioskurides bis Galen regelmäßig als pharmakon behandelt wird. 

Schließlich entließ uns der Gott von der Reise nach Chios, nachdem er noch anderes gezeigt und vorausgesagt hatte. Zuletzt hatte ich den Eindruck, als sei das Schiff zerrissen und nichts weiter davon übrig.

Achter Hinweis von Asklepios: Thermalquellen

Es gibt einen Ort namens Gennaios, nicht weit von Phokaia entfernt. Nachdem er uns dort einige Tage bei den Quellen hatte verbringen lassen, führte er uns wieder nach Smyrna zurück.

Neunter Hinweis: Asklepios berechnet Aristides Lebensjahre

Als wir nun in Smyrna angekommen waren, erschien er mir in ungefähr folgender Gestalt: Er war zugleich Asklepios und zugleich Apollon, sowohl der sogenannte Klarische als auch derjenige, der in Pergamon „Kalliteknos“ genannt wird, dessen Tempel der erste von den drei Tempeln ist.

In dieser Gestalt trat er vor das Bett, streckte die Finger aus und berechnete einige Zeitspannen. Dann sagte er:

„Du hast zehn Jahre von mir und drei von Sarapis.“

Und zugleich erschienen die dreizehn Jahre durch die Stellung seiner Finger wie siebzehn. Er sagte außerdem, dies sei kein Traum, sondern Wirklichkeit, und auch ich selbst werde es erkennen.

Zehnter Hinweis von Asklepios: Eisbad im Fluss

Gleichzeitig befahl er mir, zum Fluss hinabzugehen, der vor der Stadt vorbeifließt, und dort zu baden. Ein noch nicht erwachsener Knabe werde mich auf dem Weg führen; und er zeigte mir diesen Knaben.

Dies waren die wesentlichen Punkte der Erscheinung. Ich würde es für mehr als alles andere geben, wenn ich in der Lage wäre, jedes Einzelne davon ganz genau wiederzugeben.

Es war mitten im Winter. Ein heftiger Nordwind wehte, und es herrschte große Kälte. Die Kieselsteine waren durch das Eis so fest miteinander verbunden, dass sie wie eine einzige zusammenhängende Kristallfläche aussahen. Auch das Wasser war, wie man es bei einem solchen Wetter erwarten konnte.

Nachdem bekannt geworden war, was mir in der Erscheinung aufgetragen worden war, begleiteten mich meine Freunde. Auch unter den Ärzten kamen sowohl jene mit, die gewöhnlich mit mir zu tun hatten, als auch andere: die einen aus Sorge, die anderen auch deshalb, weil sie sehen wollten, was geschehen würde.

Dazu kam noch eine große Menge weiterer Menschen. Zufällig befand sich vor den Toren eine Menschenansammlung, und von der Brücke aus konnte alles genau beobachtet werden.

Unter ihnen war auch ein Arzt namens Herakleon, ein Freund von uns. Am nächsten Tag gestand er mir, er sei fest davon überzeugt gewesen, dass ich, selbst wenn alles noch möglichst gut ausgehen sollte, von Opisthotonus (Anm.: von schweren Krämpfen) oder etwas Ähnlichem befallen werden würde.

Als wir schließlich am Fluss angekommen waren, brauchte es niemanden, der mich hätte ermuntern müssen. Ich war noch ganz erfüllt von der Wärme, die von der Erscheinung des Gottes ausging. Ich warf meine Kleider ab und stürzte mich, ohne mich vorher auch nur abreiben zu lassen, an jene Stelle, wo der Fluss am tiefsten war.

Dann hielt ich mich dort auf, als wäre ich in einem Schwimmbecken mit besonders mildem und angenehm temperiertem Wasser. Ich schwamm darin und tauchte mich von allen Seiten unter.

Als ich wieder herausstieg, war meine ganze Haut wie aufgeblüht, und mein Körper fühlte sich überall leicht an.

Da erhob sich ein lauter Ruf unter den Anwesenden und unter jenen, die noch hinzukamen. Sie riefen jene weithin bekannte Worte:

„Groß ist Asklepios!“

Und wer könnte angemessen schildern, was danach geschah?

Denn während des gesamten übrigen Tages und der ganzen Nacht bis ich zu Bett ging, bewahrte ich den Zustand, den ich nach dem Bad gehabt hatte. Ich bemerkte weder, dass mein Körper trockener noch dass er feuchter geworden wäre. Von der Wärme ließ nichts nach, aber es kam auch nichts hinzu. Diese Wärme war auch nicht von jener Art, wie sie einem durch irgendein menschliches Mittel hätte entstehen können, sondern es war eine gleichmäßige, anhaltende Wärme, die sich mit derselben Kraft durch den ganzen Körper und über die ganze Zeit hinweg erstreckte.

Ähnlich verhielt es sich auch mit meinem seelischen Zustand. Es war weder einfach eine deutlich empfundene Freude, noch hätte man sagen können, dass es sich um einen Zustand gewöhnlicher menschlicher Besonnenheit handelte, sondern es war eine unaussprechliche Heiterkeit, gegenüber der alles andere hinter dem gegenwärtigen Augenblick zurücktrat, sodass ich, obwohl ich die anderen Dinge sah, den Eindruck hatte, sie gar nicht zu sehen. So vollständig war ich auf den Gott ausgerichtet.

Anmerkung:
Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. trennte man Körper und Seele. s. Platon, s. Aristoteles

Doch von hier an liegt es nun an dir, o Herr, zu zeigen und erkennen zu lassen, was wir als Nächstes erzählen und welchen Weg wir einschlagen sollen, damit wir sowohl dir wohlgefällig handeln als auch mit der Erzählung auf die bestmögliche Weise fortfahren.

Soll ich, nachdem ich von einem Fluss, einem solchen Winter und einem solchen Bad gesprochen habe, anschließend noch andere Ereignisse derselben Art erzählen und gewissermaßen einen Katalog winterlicher, göttlicher und in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Bäder zusammenstellen?

Oder soll ich die Erzählung unterbrechen und einige der dazwischenliegenden Ereignisse berichten?

Oder wäre es am besten, alles, was dazwischenliegt, zu überspringen und den ersten Bericht zu Ende zu führen, nämlich darüber, wie es sich mit dem Orakelspruch über die Jahre verhielt und wie alles schließlich ausging?

Denn vieles andere zeigte der Gott ebenfalls an, während er mich immer wieder aus unmittelbar drohenden Gefahren herausriss. Diese traten häufig auf, jede Nacht und jeden Tag, bald waren es andere, die mich befielen, bald kehrten dieselben wieder zurück; und wenn eine Gefahr vorüber war, traten andere an ihre Stelle.

Gegen jede einzelne von ihnen kamen vom Gott Gegenmittel und Trost in jeder Form, sowohl durch Taten als auch durch Worte.

An eine Sache erinnere ich mich besonders, die er einmal mit mir vollzog.

Zweite Heilserzählung: Asklepios Todesankündigung

Er sagte, ich müsse am dritten Tag sterben, und dies sei unvermeidlich. Zugleich gab er mir Zeichen und zeigte mir, wie die Ereignisse des folgenden Tages aussehen würden. Er sagte voraus, wie das Wetter sein werde, wo der Wagenlenker erscheinen werde, und gab noch andere Zeichen als Beweise für die Wahrheit seiner Ankündigung.

Anmerkung;
„Am dritten Tag“ ist lange vor dem Christentum ein wiederkehrendes sprachliches und teilweise auch gedankliches Muster. Schon rein sprachlich hatte ἡ τρίτη [ἡμέρα] – „der dritte Tag“ im Griechischen einen festen Charakter. Das griechische Lexikon LSJ vermerkt, dass τρίτη „übermorgen“ bedeuten kann und dass die Drei häufig den Abschluss einer Abfolge bezeichnet. Darüber hinaus begegnet der „dritte Tag“ in mehreren sehr unterschiedlichen Bereichen:
Erzählstruktur: Die Drei konnte einen Vorgang abschließen: etwas geschieht zum ersten, zweiten und schließlich zum dritten Mal, wobei das dritte Ereignis die Entscheidung oder Vollendung bringt.
Tod und Totenkult: Im klassischen Griechenland gab es die τρίτα, Opferhandlungen für Verstorbene am dritten Tag nach der Bestattung. Weitere Riten folgten am neunten und dreißigsten Tag. Der dritte Tag war also tatsächlich mit Tod und dem Übergang nach dem Tod verbunden. 
Medizin: In der hippokratischen Medizin galten bestimmte Tage im Krankheitsverlauf als κρίσιμοι ἡμέραι – „kritische Tage“. Bei Krankheitsverläufen mit ungeraden Tagen gehörten ausdrücklich der 3., 5., 7., 9. usw. Tagdazu. An solchen Tagen erwartete man eine entscheidende Veränderung – Besserung, Krise oder Tod. 

Die 3 steht also im antiken Griechenland für „Abschluss“ oder „Vollendung“, in manchen Fällen auch für „Tod“.

Elfter Hinweis von Asklepios: Ausheben einer Grube, Ausführen einer Opferhandlung

Doch müsse ich folgendermaßen handeln:

Zuerst sollte ich auf den Wagen steigen und zu dem Fluss fahren, der durch die Stadt fließt. Wenn ich dann an die Stelle gelangt sei, wo er bereits außerhalb der Stadt liegt, sollte ich Opferhandlungen über Gruben vollziehen – so nämlich nannte er sie. Offenbar musste man Gruben ausheben und über ihnen die heiligen Handlungen für diejenigen Götter vollziehen, für die sie bestimmt waren.

Danach sollte ich mich umwenden, Münzen nehmen, den Fluss überqueren und sie wegwerfen; und noch einiges andere, glaube ich, befahl er zusätzlich. Danach sollte ich zum Heiligtum gehen, dem Asklepios vollkommene Opfer darbringen, heilige Mischkrüge aufstellen und allen Mitpilgern heilige Anteile zuteilen. Es sei aber auch notwendig, einen Teil von meinem eigenen Körper abzuschneiden, um das Ganze zu retten.

Da dies jedoch schwierig auszuführen sei, erlaubte er mir, darauf zu verzichten. Stattdessen sollte ich den Ring, den ich trug, abnehmen und dem Telesphoros weihen. Dies habe dieselbe Wirkung, als hätte ich den Finger selbst geopfert. Auf die Fassung des Rings sollte ich schreiben:

„Kind des Kronos.“

Wenn ich dies täte, werde ich gerettet werden.

Wie es uns danach erging, kann man sich wohl vorstellen, und ebenso, in welche Art von Harmonie der Gott uns wiederum versetzte. Denn fast wie bei einer Einweihungszeremonie verbrachten wir die ganze Zeit mit diesen Dingen, wobei neben der Furcht zugleich die gute Hoffnung gegenwärtig war.

Damit stimmten auch jene Ereignisse überein und führten zum selben Ergebnis, die erst später eintraten, darunter auch jene, aufgrund derer ich Wermut trank.

Dass die Erscheinungen selbst, wenn man sie rein und vollständig erzählen könnte, insgesamt viel erschütternder und deutlicher wären, ist offensichtlich. Bei den meisten Dingen bin ich jedoch gezwungen, mich an den Plan zu halten, den ich mir vorgenommen habe, und lediglich die Hauptpunkte rasch zu durchlaufen, so wie sie sich im Verlauf der Erzählung ergeben.

Anmerkung;
Die Heilungen und Rituale sind im antiken Griechenland keine geheimen, rein privaten Vorgänge zwischen Aristides und Asklepios, sondern etwas, das von anderen Menschen begleitet, beobachtet und bestätigt wird. Es tauchen immer wieder Freunde, Verwandte, Begleiter, Gastgeber, Ärzte und Angehörige des Heiligtums auf. Die Forschung beschreibt das Asklepieion bei Aristides deshalb sogar als eine Art „therapeutische Community“: Asklepios gibt die Anweisungen, aber deren Ausführung und Deutung geschieht vielfach innerhalb eines sozialen Umfeldes. Ärzte helfen etwa bei der Interpretation der Träume, beraten über die Behandlung oder begleiten Aristides bei den vom Gott angeordneten Maßnahmen. Eine Untersuchung der Hieroi Logoi kommt zu dem Ergebnis, dass praktisch keine Krankheitsepisode völlig ohne Ärzte auskommt. Ärzte behandeln ihn, diskutieren seine Symptome und begleiten teilweise sogar Reisen, die aufgrund göttlicher Anweisungen unternommen werden. Dadurch bekommen seine Erzählungen noch eine zweite Ebene: Die anderen Menschen sind nicht nur Helfer, sondern häufig auch Zeugen. Wenn Aristides beispielsweise erzählt, dass Asklepios etwas im Traum vorausgesagt habe und Rufus am nächsten Tag genau das eintreten sieht, stärkt das innerhalb der Erzählung die Glaubwürdigkeit des göttlichen Zeichens.

Die Heilung bleibt damit nicht nur ein inneres Erlebnis von Aristides, sondern wird von anderen Wesen mit Bewusstsein mitwahrgenommen. Dadurch entsteht eine gemeinsame Erfahrung. Die anderen Menschen sind dann nicht bloß zufällige Zuschauer. Sie werden zu Zeugen des Heilungsgeschehens. Je mehr eine Heilung nicht nur innerlich erfahren, sondern auch von anderen Bewusstseinen mitgetragen und bezeugt wird, desto stärker verankert sie sich im gemeinsamen Erleben – und kann dadurch als wahrer und wirklicher erfahren werden.

Philadelphos war einer der beiden Tempeldiener. In derselben Nacht hatte er eine Traumvision, die der meinen entsprach, sich jedoch in einigen Punkten davon unterschied.

Philadelphos glaubte – so viel zumindest vermag ich noch in Erinnerung zu behalten –, dass sich im heiligen Theater eine große Menge von Menschen befand, die weiße Gewänder trugen und sich wegen des Gottes versammelt hatten. Mitten unter ihnen stand ich und hielt eine öffentliche Rede und pries den Gott.

Zwölfter Hinweis von Asklepios: Wermut mit Essig trinken

Dabei sagte ich vielerlei und unter anderem auch, wie er meine Schicksalsbestimmungen auf vielfache Weise verändert habe, sowohl bei anderen Gelegenheiten als auch erst kürzlich, als er zusätzlich Wermut gefunden und mir befohlen habe, ihn mit Essig verdünnt zu trinken, damit ich mich nicht davor ekelte.

Anmerkung:
In der Antike wurde Wermut als Heilpflanze behandelt, nicht als alkoholisches Genussmittel im späteren Sinn von Absinth. Bei Dioskurides erscheint Artemisia absinthium ausdrücklich als Arzneipflanze. Er beschreibt Wermut als wärmend, zusammenziehend und anregend und nennt Anwendungen unter anderem bei Magen- und Bauchbeschwerden sowie gegen Vergiftungen. Wermut konnte dabei in Flüssigkeiten ausgezogen oder zusammen mit Wein verabreicht werden – der Wein diente dann als Träger des Arzneimittels, nicht primär als Rauschmittel. Aristides nahm den Wermut mit Essig ein – der Essig machte die stark bittere Zubereitung offenbar leichter einzunehmen.

Und, wie ich glaube, verkündete ich auch etwas über eine heilige Leiter, über die Gegenwart des Gottes und über gewisse wunderbare Kräfte des Gottes.

So weit Philadelphos.

Mir selbst aber geschah Folgendes:

Ich glaubte, in den Propyläen des Heiligtums zu stehen. Auch viele andere Menschen hatten sich dort versammelt, ähnlich wie zu jener Zeit, wenn im Heiligtum eine Reinigung stattfindet. Sie waren weiß gekleidet und auch sonst ihrem Erscheinungsbild entsprechend gekleidet.

Dort richtete ich verschiedene Anrufungen an den Gott und nannte ihn unter anderem auch „Verteiler der Schicksale“, weil er den Menschen ihre Schicksale zuteilt. Diese Bezeichnung kam mir aufgrund dessen in den Sinn, was mir selbst widerfahren war.

Damit hing auch der Wermut zusammen, auf welche Weise auch immer er mir offenbart worden war. Und er war mir so deutlich wie nur möglich offenbart worden, ebenso wie unzählige andere Erscheinungen, in denen die Gegenwart des Gottes deutlich spürbar war.

Denn es war, als könne man ihn beinahe berühren und wahrnehmen, dass er selbst gekommen sei. Man befand sich gewissermaßen zwischen Schlaf und Wachen, wollte die Augen öffnen und hatte zugleich Angst, dass er verschwinden könnte. Man hielt die Ohren aufmerksam bereit und hörte manches wie im Traum, anderes wie im Wachzustand.

Die Haare standen zu Berge, Tränen mischten sich mit Freude, und zugleich empfand man eine Erhebung des Geistes, die keinerlei Belastung mit sich brachte.

Welcher Mensch wäre wohl imstande, all dies mit Worten angemessen auszudrücken?

Wer jedoch selbst in die Mysterien eingeweiht worden ist, kennt und erkennt diesen Zustand.

Aristides bespricht seine Träume mit seinem Arzt

Nachdem ich diese Erscheinungen gehabt hatte und der Morgen angebrochen war, ließ ich den Arzt Theodotos rufen. Als er gekommen war, erzählte ich ihm die Träume.

Er war über das außergewöhnliche Geschehen sehr erstaunt, wusste aber nicht, welchen Rat er geben sollte. Denn es war Winter, und zugleich fürchtete er wegen der außerordentlichen Schwäche meines Körpers. Ich hatte nämlich bereits seit vielen Monaten im Haus gelegen.

Anmerkung:
Für das Asklepieion von Pergamon zur Zeit des Aristides ist gut belegt, dass Träume ärztlich begleitet und mit Tempelpersonal besprochen und gemeinsam gedeutet wurden. Die Forschung beschreibt einen deutlichen Unterschied zu den älteren Heilungsberichten aus Epidauros: Dort heilt Asklepios häufig unmittelbar im Traum; bei Aristides dagegen gibt der Gott vor allem Hinweise und Anweisungen, die anschließend mit den Tempeldienern interpretiert und ärztlich eingeschätzt und praktisch umgesetzt werden. In dieser Stelle erzählt Aristides dem Arzt Theodotos seinen Traum, Theodotos beurteilt zugleich seinen körperlichen Zustand und hat wegen seiner Schwäche medizinische Bedenken. Anschließend wird zusätzlich ein Tempeldiener hinzugezogen. Das ist ein Beispiel für gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patient, Arzt und religiösem Umfeld. Aber: Der Patient war wesentlich aktiver am Heilungsprozess beteiligt als in einem rein ärztlich bestimmten Modell. Der Traum entstand in der Erfahrung des Kranken, er erinnerte und erzählte ihn, ließ ihn deuten und entschied anschließend gemeinsam mit anderen über die Umsetzung. Die Behandlung wurde also nicht einfach vom Arzt „verordnet“.

Frauen waren genauso grundsätzlich Teil dieses religiösen Heilungssystems. Der weibliche Körper war nicht vom unmittelbaren Zugang zu Asklepios ausgeschlossen. Frauen konnten selbst als Heilungssuchende in das Heiligtum kommen, dort schlafen, einen eigenen Heiltraum erfahren und aufgrund dieses Traumes handeln. Ob dabei zusätzlich ärztliche Beratung stattfand, ist für Frauen jedoch wesentlich schlechter dokumentiert. Auch verheiratete Frauen konnten selbstständig zum Asklepieion gehen und dort die Inkubation vollziehen. Die Heilinschriften von Epidauros zeigen erwachsene Frauen, die teilweise über Hunderte Kilometer zum Heiligtum reisten. Hélène Castelli betont ausdrücklich, dass Familienangehörige zwar in vielen Frauengeschichten erwähnt werden, diese aber nicht notwendigerweise mit nach Epidauros kamen. Ein Ehemann musste also nicht dabei sein. Einige hatten Diener, Sklaven oder andere Begleitpersonen dabei.Für manche Inkubationsheiligtümer ist ausdrücklich belegt, dass Männer und Frauen getrennt schliefen. Im Amphiareion von Oropos schreibt eine Kultordnung vor, dass Männer und Frauen im Schlafbereich getrennt untergebracht werden sollten.

Aristides schläft beim Tempeldiener

Wir hielten es daher für besser, auch den Tempeldiener Asklepiakos rufen zu lassen. Zu jener Zeit wohnte ich bei ihm, und außerdem war ich gewohnt, ihm viele meiner Träume mitzuteilen.

Der Tempeldiener kam.

Noch bevor wir überhaupt begonnen hatten, mit ihm zu sprechen, fing er selbst an, uns etwas zu erzählen:

„Ich komme gerade von meinem Amtsgenossen“, sagte er und meinte damit Philadelphos. „Er selbst hat mich gerufen. Denn er hatte in der Nacht eine erstaunliche Erscheinung, die dich betrifft.“

Darauf erzählte Asklepiakos uns, was Philadelphos gesehen hatte. Anschließend erzählte Philadelphos selbst, nachdem wir ihn zu uns gerufen hatten, die Erscheinung noch einmal.

Dreizehnter Hinweis von Asklepios: Die Tempeldiener erträumten das Heilmittel

Da die Träume miteinander übereinstimmten, verwendeten wir nun das Heilmittel, und ich trank davon tatsächlich eine Menge, wie sie zuvor noch niemand getrunken hatte.

Auch am folgenden Tag tat ich dasselbe, nachdem der Gott erneut ein entsprechendes Zeichen gegeben hatte.

Was sollte man darüber sagen, wie leicht mir das Trinken fiel oder wie sehr es mir half?

Von hier aus hatte diese Erzählung also ihren Ausgang genommen: nämlich davon, wie der Gott meine Schicksalsbestimmungen für mich geordnet hatte, neben vielen anderen Dingen und zusammen mit vielen anderen Orakelsprüchen, die sowohl früher als auch später ergangen waren, wurde es uns beiden in gleicher Weise und zusammen mit einer solchen Hilfe offenbart.

Kehren wir nun zu der Erzählung vom Anfang zurück und führen wir weiter aus, wie es sich mit der Weissagung über die Jahre verhielt.

Dass während dieser ganzen Zeit er selbst es war, der mich rettete und mir einen Tag nach dem anderen schenkte – ja vielmehr, dass er auch jetzt noch derjenige ist, der mich rettet –, wissen alle, die auch nur ein wenig über meine Angelegenheiten wissen.

Als jedoch die in der Vorhersage bezeichnete Zeit abgelaufen war, geschah Folgendes. Ich werde ein wenig zurückgreifen.

Dritte Heilserzählung: Eine seuchenartige Krankheit sucht die Stadt Smyrna heim

Ich hielt mich gerade während der größten Sommerhitze auf meinem Landgut vor der Stadt auf, als eine seuchenartige Krankheit beinahe alle Menschen in der Umgebung erfasste.

Unter den Hausbediensteten erkrankten zunächst zwei oder drei, danach einer nach dem anderen. Schließlich lagen alle krank darnieder, die Jüngeren ebenso wie die Älteren. Als Letzter wurde auch ich ergriffen.

Ärzte kamen aus der Stadt, und wir nahmen auch ihre Begleiter als Pfleger in Anspruch; einige Ärzte blieben sogar selbst bei uns und übernahmen die Aufgaben von Pflegern.

Auch die Lasttiere erkrankten. Wenn sich irgendwo noch eines bewegen konnte, brach es unmittelbar vor der Tür zusammen. Daher war es inzwischen kaum mehr möglich, sich angesichts der Umstände selbst eines Schiffes zu bedienen.

Alles war erfüllt von Mutlosigkeit, Wehklagen, Stöhnen und jeder Art von Elend. Auch in der Stadt selbst herrschten schwere Krankheiten.

Eine Zeit lang hielt ich noch stand und kümmerte mich nicht weniger um die Rettung der anderen als um meine eigene.

Dann aber verschlimmerte sich die Krankheit, und ich wurde von einem heftigen Fieber und von verschiedenartigen Gallebeschwerden ergriffen, die mich ununterbrochen Tag und Nacht quälten. Ich konnte keine Nahrung mehr zu mir nehmen, und meine Kräfte waren völlig erschöpft.

Die Ärzte zogen sich schließlich zurück und gaben zuletzt jede Hoffnung vollständig auf. Es wurde bereits die Nachricht verbreitet, dass ich jeden Augenblick sterben würde.

Doch auch unter diesen Umständen hätte man mit Homer sagen können:

„Der Geist aber blieb unerschüttert.“

So beobachtete ich mich selbst, als wäre ich ein anderer Mensch, und nahm wahr, wie der Körper immer weiter nachließ, bis ich schließlich am äußersten Punkt angekommen war.

Anmerkung:
Aristides beschreibt hier einen Zustand, der an eine außerkörperliche Erfahrung erinnert: Sein Bewusstsein scheint sich vom gewöhnlichen Körpererleben zu lösen, sodass er sich selbst wie einen anderen Menschen beobachten kann, während sein Körper immer schwächer wird.

In diesem Zustand lag ich mit dem Gesicht zur Innenseite des Bettes gewandt.

Da hatte ich, wie ich glaubte, einen Traum.

Doch tatsächlich war dies bereits die Lösung, die Befreiung. Ich glaubte nun bereits am Ende des Dramas angelangt zu sein, die Schuhe auszuziehen und die Sandalen meines Vaters zu übernehmen.

Während ich mich in diesem Zustand befand, wandte mich der Retter Asklepios plötzlich nach außen.

Nicht viel später erschien Athena, mit der Aigis, mit ihrer Schönheit, ihrer Größe und überhaupt in jener Gestalt, wie die Athena des Phidias in Athen. Auch von der Aigis ging ein überaus angenehmer Duft aus; sie ähnelte irgendeinem Wachs und war ebenfalls von erstaunlicher Schönheit und Größe.

Sie erschien mir allein, geradewegs vor mir stehend, und zwar an jener Stelle, von der aus ich sie am besten sehen konnte.

Ich zeigte sie auch den Anwesenden. Es waren zwei meiner Freunde und meine Amme da. Ich rief laut und nannte Athena beim Namen, weil sie mir gegenüberstand und mit mir sprach, und ich zeigte auf die Aigis.

Sie aber wussten nicht, was sie tun sollten, sondern waren ratlos und fürchteten, ich könnte im Delirium sein, bis sie schließlich bemerkten, wie meine Kräfte zurückkehrten, und die Worte hörten, die ich von der Göttin gehört hatte.

An einiges davon erinnere ich mich noch.

Sie erinnerte mich an die Odyssee und sagte, dies seien keine bloßen Erzählungen, und auch die Anwesenden sollten daraus einen Schluss ziehen.

Man müsse also standhaft bleiben. Es gebe gewiss sowohl Odysseus als auch Telemachos, und man müsse ihm helfen.

Auch anderes dieser Art hörte ich.

So erschien mir die Göttin, tröstete mich und rettete mich, obwohl ich bereits darniederlag und nichts mehr von dem fehlte, was zum Tod führt.

Vierzehnter Hinweis von Asklepios: Einlauf mit Honig

Und sogleich kam mir der Gedanke, einen Einlauf mit attischem Honig anzuwenden, und es kam zu einer Ausscheidung von Galle.

Anmerkung:
Einläufe waren in der antiken griechischen Medizin ein häufig verwendetes therapeutisches Verfahren. Auch Honig als Bestandteil von Einläufen ist im hippokratischen Corpus mehrfach belegt. In Über innere Krankheiten (De internis affectionibus) werden verschiedene Klistiere beschrieben, denen Honig zugesetzt wird. Eine Rezeptur enthält beispielsweise Honig, Öl und Rübensaft; eine andere ausdrücklich attischen Honig, der einer Einlaufmischung zugesetzt werden soll. Der Einlauf mit Honig war also grundsätzlich Teil der damaligen medizinischen Praxis. Honig war generell ein sehr verbreitetes Arzneimittel der griechischen Medizin. Er wurde innerlich, äußerlich und in Mischungen wie Hydromel (Honigwasser) und Oxymel (Honig mit Essig) verwendet.

Fünfzehnter Hinweis von Asklepios: Gänseleber und Bauchfleisch

Danach kamen Heilmittel und Nahrung.

Zuerst, glaube ich, Gänseleber, nachdem mir zuvor jede Art von Nahrung völlig untersagt gewesen war; danach etwas vom Unterbauch eines Schweines.

Anmerkung:
Galen beschreibt Leber als schwer verdaulich und als ein Nahrungsmittel, das „dicke Säfte“ bildet, zugleich jedoch einen hohen Nährwert besitzt. Schweinefleisch gehörte für Galen zu den nahrhaftesten Fleischsorten, konnte aber ebenfalls schwere bzw. dicke Körpersäfte erzeugen. Nach schwerem Fieber, völliger Nahrungskarenz und extremer Schwäche erhält Aristides Gänseleber und Schweinebauch. Das kann als kräftigende Ernährung während der Rekonvaleszenz verstanden werden. Die therapeutische Wirkung lag dann vor allem in der Kräftigung.

Anschließend wurde ich in einem langen, überdachten Wagen in die Stadt gebracht, und so erholte ich mich nach und nach, nur langsam und unter großen Schwierigkeiten.

Das Fieber verließ mich allerdings nicht vollständig, bevor nicht der wertvollste meiner Pfleger gestorben war.

Am selben Tag, wie ich später erfuhr, war jener gestorben, und zugleich war auch die Krankheit verschwunden.

Vierte Heilserzählung: Katarrhe und Verstopfung

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich also die Lebenszeit als Geschenk von den Göttern erhalten, und danach lebte ich unter dem Schutz der Götter wieder auf; es fand gewissermaßen ein Austausch statt.

So verhielt es sich also mit der Vorhersage über die Jahre, mit der späteren Krankheit, die genau zu diesem Zeitpunkt eintrat, und mit den göttlichen Erscheinungen, die damit verbunden waren.

Vielleicht wäre es nun passend, von den Bädern zu sprechen, denen er mich unterzog, zumal er gleich zu Beginn zusammen mit der Vorhersage auch das Bad im Fluss angeordnet hatte.

Ich litt unter Katarrhen und einer Verstopfung im Bereich des Gaumens; alles war voller Frost und Hitze, die Erkrankung des Magens war auf ihrem Höhepunkt, und dazu kamen viele weitere und verschiedenartige Beschwerden. Mitten im Sommer war ich ans Bett gefesselt.

Dies geschah in Pergamon, im Haus des Tempeldieners Asklepiakos.

Anmerkung:
Aristides beschreibt seine Erkrankungen mehrfach in einer Sprache, die gut zum humoralpathologischen Denken seiner Zeit passt. Er spricht etwa von Gallebeschwerden, von Frost und Hitze, von Ausflüssen, Schleim und Ausscheidungen und davon, dass durch Reinigungen, Aderlässe oder Einläufe etwas aus dem Körper entfernt werden soll. Das sind typische Kategorien der Humoralpathologie, die Krankheiten über die vier Körpersäfte erklärte.

Sechzehnter Hinweis des Asklepios: 120 L Blut abnehmen, in der Ellenbeuge und an der Stirn

Zuerst befahl er, mir in der Ellenbeuge Blut abzunehmen, und fügte, soweit ich mich erinnere, die Zahl hundertzwanzig Litren hinzu. Dies sollte offenbar anzeigen, dass nicht wenige Aderlässe notwendig sein würden, wie sich später zeigte.

Denn die Tempeldiener, die damals in diesem Alter waren, ebenso wie alle, die dem Gott als Diener verbunden waren und bestimmte Ämter innehatten, erklärten, sie hätten noch niemals von irgendeinem Menschen gehört, dem so oft Blut abgenommen worden sei, mit Ausnahme von Ischyron. Aber selbst dessen Fall, sagten sie, sei außergewöhnlich gewesen; dennoch übertreffe mein Fall ihn noch, ganz abgesehen von den anderen außergewöhnlichen Umständen, die meine Aderlässe begleiteten, wie es auch damals unmittelbar geschah.

Denn, ich glaube, einen oder zwei Tage später befahl er erneut, diesmal an der Stirn Blut abzunehmen.

Dasselbe befahl er auch einem Mann aus dem römischen Senat, der sich gerade dort aufhielt, wobei er ausdrücklich darauf hinwies, dass auch Aristides dies angeordnet worden sei. Sein Name war Sedatus, ein vortrefflicher Mann, der mir dies selbst erzählte.

Siebzehnter Hinweis von Asklepios: Zu Fuß zum Fluss Kaikos gehen und ein Bad nehmen

Zwischen diesen Aderlässen ordnete er mir ein Bad im Kaikos an.

Ich sollte die Wollkleidung ablegen, zu Fuß gehen und baden. Außerdem sollte ich dort ein badendes Pferd sehen und den Tempeldiener Asklepiakos, der am Ufer stehen würde.

All dies war vorhergesagt worden, und genau so geschah es.

Noch während ich mich dem Fluss näherte, sah ich das Pferd baden.

Während ich selbst badete, war der Tempeldiener anwesend und stand am Ufer und sah zu.

Welche Leichtigkeit und Erfrischung darauf folgte, vermag ein Gott sehr leicht zu erkennen. Asklepios lag am Eingang des Hafens vor Anker. Dort sollte ich mich ins Wasser werfen. Auch gewisse Rufe der Seeleute und andere Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnere, waren vorausgesagt worden und stimmten sämtlich mit dem überein, was sich am folgenden Tag tatsächlich ereignete.

Anmerkung:
Die antike Medizin verstand den menschlichen Körper wesentlich über die Zusammensetzung, Bewegung und das Gleichgewicht seiner Körpersäfte. Flüssigkeiten nahmen deshalb sowohl im Krankheitsverständnis als auch in vielen therapeutischen Maßnahmen eine wichtige Stellung ein. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Heilserzählungen des Aristides: Er badet in warmen und kalten Quellen, Flüssen und im Meer, wird mit Flüssigkeiten eingerieben, nimmt verschiedene Flüssigkeiten und Arzneizubereitungen zu sich und soll durch Aderlässe, Abführmittel oder Einläufe Stoffe und Flüssigkeiten aus dem Körper ausscheiden. Seine Heilungen folgen damit immer wieder der Vorstellung, dass Gesundheit durch die richtige Aufnahme, Bewegung und Ausscheidung von Flüssigkeiten beeinflusst werden könne.

Fünfte Heilserzählung

Als wir also nach Elaia hinabgekommen waren und uns draußen beim Hafen befanden, fanden wir sofort das Schiff; es trug den Namen Asklepios. Ebenso begannen die Seeleute sofort, den Gott anzurufen, als sie sahen, was geschah.

Es wehte ein kräftiger Nordwind, sodass ich, nachdem ich aus dem Wasser gestiegen war, Schutz suchen musste.

Achtzehnter Hinweis: Ein Wasser- und ein Luftbad

In der folgenden Nacht befahl er mir wiederum, das Meer auf dieselbe Weise zu benutzen. Nachdem ich aus dem Wasser gestiegen sei, sollte ich mich dem Wind entgegenstellen und auf diese Weise den Körper behandeln.

Anmerkung:
Die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer waren seit Empedokles ein grundlegendes Modell der griechischen Naturphilosophie. Für die Medizin noch wichtiger waren allerdings die dazugehörigen Qualitäten warm – kalt – feucht – trocken. Gesundheit und Krankheit wurden wesentlich über deren Verhältnis erklärt. Im hippokratischen Corpus findet sich sogar ein besonders deutliches Modell in Über die Lebensweise (De victu): Dort wird der menschliche Körper vor allem aus Feuer und Wasser erklärt – Feuer bewegt, Wasser ernährt. Bei Aristides lassen sich alle vier Elemente wiederfinden: Feuer tritt weniger als unmittelbar verwendeter Stoff auf. Dafür ist die zugehörige Qualität Wärme ständig gegenwärtig: heiße Quellen, Erwärmung des Körpers und der Gegensatz von Hitze und Kälte. Gerade in der antiken Medizin waren solche Eigenschaften häufig wichtiger als das materielle Element selbst.  Wasser ist am deutlichsten: Meer, Flüsse, Quellen, Thermalquellen, kalte und warme Bäder. Luft erscheint durch Wind und Kälte besonders deutlich. Asklepios lässt Aristides nach dem Meerbad sogar ausdrücklich dem Wind entgegenstehen, sodass die Luft selbst Bestandteil der Behandlung wird. Erde erscheint insbesondere im Schlamm, mit dem Aristides seinen Körper einreibt.

Dass derartige Dinge bereits vielen anderen angeordnet worden sind, weiß ich. Doch zunächst ist gerade darin das Wirken des Gottes umso erstaunlicher, da er bei vielen Menschen und immer wieder seine eigene Macht und Fürsorge sichtbar macht. Hinzu kommt, wenn jemand meinen gesamten damaligen Zustand bedenkt.

Wer könnte überhaupt mit dem Verstand erfassen, in welchem Zustand ich mich damals befand?

Diejenigen, die bei den einzelnen Ereignissen anwesend waren, wissen es: sowohl, wie es um die Haut bestellt war, als auch, wie es im Inneren des Körpers aussah.

Hinzu kam ein Ausfluss vom Kopf, der über viele Tage und Nächte anhielt, ein Aufwallen in der Brust und ein Atemstrom, der diesem Ausfluss entgegen nach oben stieg, sich im Hals staute und ein brennendes Gefühl hervorrief.

Die Erwartung des Todes war ständig so groß, dass ich es nicht einmal wagte, einen Diener zu rufen. Ich glaubte vielmehr, es wäre vergeblich, ihn zu rufen, weil die Sache bereits vollendet sein würde, bevor er überhaupt käme.

Dazu kamen verschiedenartige Beschwerden an Ohren und Zähnen, eine Spannung der Gefäße ringsum und große Schwierigkeiten mit der Nahrung: Es war ebenso schwierig, sie bei sich zu behalten, wie sie wieder zu erbrechen.

Denn sobald auch nur eine Kleinigkeit den Rachen oder den Gaumen berührte, verschloss sich der Durchgang, und danach war es nicht mehr möglich, wieder Luft zu holen.

Dazu kam ein brennender Schmerz, der bis ins Gehirn reichte, sowie Beschwerden jeder Art.

In der Nacht wusste ich nicht, wie ich mich hinlegen sollte. Ich musste mich vielmehr aufrecht halten und nach vorne gebeugt ausharren, wobei ich den Kopf bis zu den Knien hinunterhielt.

Bei solchen Beschwerden und, wie ich glaube, noch unzähligen weiteren war es zwangsläufig notwendig, mich in Wolle und andere Decken einzuwickeln.

Ich war völlig eingeschlossen; alles war dicht verschlossen, sodass selbst der Tag zur Nacht wurde.

Die Nächte aber waren anstelle der Tage schlaflos. „Wer von den sterblichen Menschen könnte all dies vollständig erzählen?“ Denn fünf oder sechs Jahre würden dafür nicht ausreichen. Vielmehr würde die Erzählung vielleicht nicht weniger Zeit beanspruchen als die Ereignisse selbst gedauert haben.

Wenn jemand dies alles mitbedenken und sich vor Augen führen würde, bei wie vielen und welcher Art von Leiden und unter welchem Zwang er mich ins Meer, in Flüsse und Brunnen führte und mir befahl, gegen den Winter anzukämpfen, dann würde er sagen, dass dies alles wahrhaftig über jedes Wunder hinausgehe. Er würde die Macht und Fürsorge des Gottes umso größer erkennen, sich mit mir über die Ehre freuen, die mir zuteilwurde, und nicht vielmehr über meine Krankheit betrübt sein.

Woher nun eine so große Sache ihren Anfang nahm, möchte vielleicht jemand erfahren. Die Geschichte geht zwar noch über die Erzählung des Alkinoos hinaus, dennoch will ich versuchen, sie in einem kurzen Überblick darzustellen.

Ich brach mitten im Winter nach Rom auf. Schon von zu Hause weg war ich krank, infolge von Nässe und Erkältung, ohne auf die bestehenden Umstände irgendeine Rücksicht zu nehmen, sondern im Vertrauen auf die Abhärtung meines Körpers und auf mein gutes Glück in allen Dingen.

Als ich bis zum Hellespont gekommen war, litt ich übermäßig am Ohr, und auch sonst befand ich mich keineswegs in gutem Zustand. Nachdem ich mich ein wenig erholt hatte, setzte ich die Reise weiter fort.

Danach kamen Regenfälle, Frost, Eis und Winde aller Art. Der Hebros war gerade erst vom Eis freigeschlagen worden, sodass er mit Schiffen überquert werden konnte; andernfalls wäre er vollständig durch das Eis zu festem Land geworden. Die Ebenen standen unter Wasser, so weit das Auge reichte. Es herrschte Mangel an Unterkünften, und aus den Dächern strömte mehr Wasser herein, als draußen vom Himmel fiel.

Zu all dem kam noch Eile und hastiges Reisen hinzu, entgegen der Jahreszeit und entgegen den Kräften meines Körpers. Denn nicht einmal die Soldaten, die Botschaften überbrachten, überholten uns – um nichts Weiteres zu sagen –, während die meisten meiner Diener gemächlich hinterherreisten.

Ich selbst suchte sogar die Führer auf, wenn es nötig wurde, und auch das war keineswegs leicht. Denn diese Leute, die wie Barbaren davonliefen, musste man herbeiziehen, teils indem man sie überredete, teils aber auch, indem man sie mit Gewalt dazu brachte.

Durch all dies verschlimmerte sich die Krankheit.

Was nun meine Zähne betrifft, geriet ich schließlich in einen solchen Zustand, dass ich ständig die Hände hinhielt, als müsste ich jederzeit etwas auffangen.

Schließlich war ich von jeglicher Nahrung völlig ausgeschlossen, außer von Milch. Damals bemerkte ich zum ersten Mal die Atemnot in der Brust; zugleich befielen mich starke Fieber und noch unzählige andere Beschwerden.

Ich lag bei Dessa am Wasserfall, und erst am hundertsten Tag nach meinem Aufbruch von zu Hause gelangte ich nach Rom.

Nicht lange danach waren die Eingeweide angeschwollen, die Nerven waren erkaltet, ein Schüttelfrost durchlief fortwährend den ganzen Körper, und der Atem war wie abgeschnürt.

Die Ärzte verordneten Reinigungen, und nachdem ich Elaterium getrunken hatte, wurde ich zwei Tage lang abgeführt, bis die Ausscheidung schließlich blutig wurde. Dann kamen Fieber hinzu, und inzwischen war alles aussichtslos; es bestand keinerlei Hoffnung mehr auf Rettung.

Anmerkung:
Elaterium (ἐλατήριον) war in der antiken Medizin ein sehr starkes Abführ- und Reinigungsmittel. Es wurde aus dem Saft der Spritzgurke bzw. Eselsgurke (Ecballium elaterium) gewonnen. Verwendet wurde vor allem der eingedickte bzw. getrocknete Fruchtsaft. Dieser wirkt wegen seiner Cucurbitacine äußerst stark purgierend. Moderne pharmakologische Literatur beschreibt Elaterium ausdrücklich als getrockneten Fruchtsaft der Pflanze und weist darauf hin, dass die Pflanze toxisch ist und heftigen Durchfall, Kreislauf- und Atemprobleme verursachen kann.

Schließlich setzten die Ärzte Schröpfköpfe an und machten dabei Einschnitte, beginnend an der Brust und dann der Reihe nach weiter hinab bis zur Blase. Als sich die Schröpfköpfe festgesaugt hatten, wurde mir der Atem völlig genommen; ein betäubender Schmerz durchfuhr mich, der kaum zu ertragen war, und alles war mit Blut bedeckt. Ich geriet in einen Zustand äußerster Schmerzen.

Anmerkung:
Schröpfen war im antiken Griechenland eine etablierte Therapieform. Es ist bereits im hippokratischen Corpus belegt und wurde später auch von Galen beschrieben. Antike Darstellungen von Schröpfgefäßen finden sich sogar auf griechischen Münzen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Man unterschied im Wesentlichen zwischen trockenem Schröpfen, bei dem durch Unterdruck auf unverletzter Haut gesaugt wurde, und blutigem Schröpfen, bei dem die Haut zuvor eingeritzt bzw. skarifiziert wurde, damit Blut austreten konnte. Genau das beschreibt Aristides: Die Ärzte machten Einschnitte und setzten anschließend Schröpfköpfe auf.

Ich hatte das Gefühl, als seien meine Eingeweide kalt und würden herabhängen, und die Hilflosigkeit beim Atmen wurde noch schlimmer. Man wusste nicht, was zu tun sei. Denn selbst wenn ich Nahrung zu mir nahm oder mitten im Sprechen war, stockte mir plötzlich der Atem, sodass ich glaubte zu ersticken.

Auch die übrige Schwäche des Körpers entsprach diesem Zustand. Tierische Arzneimittel und alle möglichen anderen Mittel wurden mir vergeblich gegeben.

Man hielt es schließlich für notwendig, mich nach Hause bringen zu lassen, falls es mir irgendwie gelingen sollte, so lange durchzuhalten. Auf dem Landweg war das jedoch unmöglich, denn mein Körper ertrug das Erschüttertwerden nicht. Also versuchten wir es auf dem Seeweg.

Von den Lasttieren waren einige durch die Winterstürme verendet; die übrigen, die noch lebten, verkauften wir.

Und nun begann eine regelrechte Odyssee. Gleich im Tyrrhenischen Meer kamen Sturm, Dunkelheit, Südwestwind und eine unbezähmbare Aufgewühltheit des Meeres auf. Der Steuermann ließ die Ruder los, und der Schiffseigner und die Seeleute streuten sich Asche über den Kopf und beklagten sowohl sich selbst als auch das Schiff.

Das Meer strömte in großen Mengen über Bug und Heck herein, und ich wurde von Wind und Wellen überspült. So ging es einen ganzen Tag und eine ganze Nacht.

Es war beinahe Mitternacht, als wir uns dem Kap Pelorias näherten. Danach gab es in der Meerenge Irrfahrten und Fahrten, teils vorwärts, teils wieder zurück.

Das offene Adriatische Meer durchquerten wir in zwei Nächten und einem Tag, wobei die Strömung uns lautlos vorantrug. Als wir uns aber Kephallenia nähern sollten, erhob sich erneut hoher Wellengang, und der Wind trug uns nicht vorwärts, sondern wir wurden auf und ab getrieben. Mein Körper war in jeder Hinsicht erschöpft und völlig entkräftet.

Was dann wieder in der achäischen Meerenge geschah, als die tüchtigen Seeleute gerade um die Zeit der Tagundnachtgleiche von Patras ablegten, obwohl ich es nicht wollte und von Anfang an widersprach, lässt sich kaum in Worte fassen. Bei all dem wurden sowohl meine Brust als auch meine übrigen Beschwerden noch erheblich schlimmer.

Ähnliches geschah auch in der Ägäis. Durch die Unfähigkeit des Steuermanns und der Seeleute, die darauf bestanden, gegen die Winde zu segeln, und auf nichts hören wollten, was ich sagte, gerieten wir erneut in Schwierigkeiten.

Weitere vierzehn Tage und Nächte vergingen so, während wir von Stürmen durch das ganze Meer getrieben wurden. Auch in dieser Zeit musste ich häufig ohne Nahrung auskommen, und nur mit Mühe gelangten wir nach Milet.

Ich war nicht mehr imstande zu stehen, meine Ohren waren fast völlig taub geworden, und es gab kaum etwas, das mir keine Beschwerden bereitete.

Indem wir nur langsam und in kleinen Etappen weiterkamen, erreichten wir schließlich Smyrna, entgegen jeder Hoffnung.

Inzwischen war Winter, und besonders der Zustand meines Gaumens war äußerst schlecht, ebenso auch alles Übrige.

Daraufhin kamen Ärzte und Gymnasten zusammen. Sie wussten weder, wie sie mir helfen sollten, noch verstanden sie die Vielgestaltigkeit meiner Krankheit.

In einem Punkt waren sie sich jedoch einig: Man solle mich zu den warmen Quellen bringen, da ich nicht einmal mehr die Luft in der Stadt ertragen konnte. Was danach geschah, habe ich kurz zuvor bereits erzählt.

Aus so vielen und derartigen Umständen – soweit man es kurz und nur annähernd schildern kann – entwickelte und verdichtete sich meine Krankheit, wobei sie sich im Laufe der Zeit durch immer neue Beschwerden verschlimmerte.

Nachdem ein Jahr und einige Monate vergangen waren, kamen wir schließlich zu meinem Aufenthalt in Pergamon.

Nun aber wollen wir zu dem Punkt zurückkehren, von dem wir abgeschweift sind, nämlich zu den göttlichen Bädern. Schmerzen, Krankheiten und alle Gefahren mögen fort sein.

Neunzehnter Hinweis des Asklepios: Lebensstiländerung

Ich hatte mich zwischen den Türen und den Gittern des Tempels niedergelegt, entsprechend einer bestimmten Traumvision. Da verkündete mir der Gott folgenden Vers:

„Am Abend aber standen sie in voller Blüte bei den grünen Quellen.“

Danach ließ ich mich unter freiem Himmel im heiligen Bezirk salben und badete im Wasser des heiligen Brunnens. Und niemand, der es sah, konnte es glauben.

Beinahe-Heilung

Beinahe hatte ich die ganze Krankheit abgeschüttelt, wenn nicht der Gott Zeichen gegeben und bereits eine Änderung der Lebensweise angezeigt hätte. Ich selbst war entschlossen, entsprechend zu handeln; doch der schlechte Rat meiner Gefährten setzte sich durch. Sie erhoben Anspruch auf Weisheit und glaubten, in solchen Dingen eine gewisse besondere Fähigkeit zu besitzen, deuteten die Träume aber auf höchst unpassende Weise. Sie behaupteten, der Gott habe durch die Übertreibung anzeigen wollen, dass man bei derselben Lebensweise bleiben müsse.

Und ich gab nach, wenn auch widerwillig und voller Zweifel, weil ich selbst glaubte, es besser zu verstehen, aber nicht den Eindruck erwecken wollte, ich hielte nur mich selbst für etwas Besonderes und vertraute ausschließlich meinem eigenen Urteil.

Nachdem ich jedoch die Folgen erfahren hatte, erkannte ich deutlich, dass mein eigenes Urteil richtig gewesen war.

Doch was meine Ratgeber alles falsch machten, soll hier beiseitebleiben. Allerdings scheint auch dies sehr viel mit dem Gott zu tun zu haben. Denn dass dieselbe Lebensweise und dieselben Handlungen, wenn der Gott sie anordnet und ausdrücklich befiehlt, Rettung, Kraft, Leichtigkeit, Wohlbefinden, Heiterkeit und alles Schönste für Körper und Seele bringen, während sie, wenn ein anderer sie empfiehlt, ohne den Willen des Gottes richtig zu erfassen, genau das Gegenteil bewirken – wie sollte dies nicht ein außerordentlich großes Zeichen für die Macht des Gottes sein?

Doch erinnern wir uns wieder an das, was von ihm selbst kam.

Anmerkung:
Aristides sagt an dieser Stelle nicht konkret, worin die angekündigte „Änderung der Lebensweise“ bestand. Er berichtet dann lediglich, dass seine Gefährten seinen Traum falsch deuteten und ihn dazu brachten, bei der bisherigen Lebensweise zu bleiben. Aristides ärgert sich im Nachhinein darüber, dass er nicht auf seine eigene Deutung des Traums vertraut hatte.

Das griechische δίαιτα (diaita) ist weiter zu verstehen als unser heutiges „Diät“. Es bezeichnet eine Lebensweise, die Ernährung, Bewegung, Baden, Ruhe, Schlaf, körperliche Betätigung und andere alltägliche Gewohnheiten umfasst. Man kann aus anderen Stellen (die auf dieser Seite nicht übersetzt wurden) erkennen, wie umfassend Asklepios in Aristides’ Lebensführung eingriff. Während seines Aufenthaltes im Asklepieion sollte er beispielsweise Zeit mit Gesang und lyrischer Dichtung verbringen, sich entspannen und einen Knabenchor unterhalten; andernorts werden ihm bestimmte Nahrungsmittel verboten oder vorgeschrieben. Die Forschung nennt unter anderem längere Verbote von Fisch, Schweinefleisch und Fischsauce sowie ein Verbot von Rindfleisch. 

Zur Frühlingstagundnachtgleiche haben die Menschen im Asklepiosheiligtum traditionell Schlammbäder genommen

Es war die Tagundnachtgleiche nach dem Winter, zu jener Zeit, da man sich für den Gott mit Schlamm einreibt. Mir aber war es nicht erlaubt, etwas daran zu verändern, wenn er nicht irgendein Zeichen gab. Daher zögerte ich. Der Tag wurde, soweit ich mich erinnere, sogar ausgesprochen warm.

Anmerkung:
Das Zentrum des Asklepiostempels besaß Brunnen, Wasseranlagen und Einrichtungen, die heute als Schlammbäder interpretiert werden. Ein kleines, in den Fels gearbeitetes Becken nahe dem heiligen Quellenbereich wird von Archäologen als wahrscheinlicher Ort solcher Schlammanwendungen angesehen; gerade im Winter und Frühjahr wurde dieser Bereich durch Feuchtigkeit schlammig. Zur Frühlings-Tagundnachtgleiche bestrich man sich zu Ehren des Gottes mit Schlamm und wusch sich dann im heiligen Brunnen.

Nicht viele Tage später aber setzte wieder Winterwetter ein. Der Nordwind trieb über den ganzen Himmel, schwarze Wolken sammelten sich dicht aneinander, und erneut brach winterliches Wetter herein.

Zwanzigster Hinweis des Asklepios: Das Schlammbad zur Frühlingstagundnachtgleiche

Also bot ich auch damals einen Anblick. So groß aber war die Kälte sowohl des Schlammes als auch der Luft, dass ich es als Glück empfand, zum Brunnen hinzulaufen, und mir das Wasser anstelle jeder anderen Wärme genügte. Und dies waren die ersten Dinge des Wunders.

In der folgenden Nacht befahl er mir, den Schlamm wiederum auf dieselbe Weise anzuwenden und dreimal rings um die Tempel zu laufen. Der Nordwind war dabei unbeschreiblich heftig, und die Kälte hatte noch zugenommen. Man hätte kein Kleidungsstück finden können, das so dicht gewesen wäre, dass es ausreichend Schutz geboten hätte; vielmehr drang der Wind hindurch und traf die Seiten wie ein Geschoss.

Einige meiner Gefährten wollten mich offenbar ermutigen – obwohl dies überhaupt nicht nötig war – und beschlossen, ebenfalls das Wagnis einzugehen und es mir nachzumachen.

Ich nun salbte mich mit dem Schlamm und lief ringsherum, wobei ich mich dem Nordwind aussetzte, damit er mich ordentlich und gründlich durchkämme. Schließlich ging ich zum Brunnen und wusch mich ab.

Von den anderen kehrte der eine sofort wieder um; ein anderer wurde von Krämpfen befallen und musste eilig in ein Badehaus gebracht werden, wo man ihn nur mit großer Mühe wieder erwärmte.

Für mich dagegen war der folgende Tag bereits wie ein Frühlingstag.

Einundzwanzigster Hinweis des Asklepios: Schlammbad an einem frostigen Tag

Wiederum, zu einer Zeit winterlicher Kälte, bei Frost und einem außerordentlich kalten Wind, befahl er mir, Schlamm zu nehmen, ihn über mich zu gießen und mich damit in den Hof des Heiligtums zu setzen, während ich Zeus anrief, den höchsten und besten Gott.

Auch dies geschah vor zahlreichen Zuschauern.

Zweiundzwanzigster Hinweis des Asklepios: Nur ein leinenes Untergewand tragen und sich an der Quelle waschen

Was nun nicht weniger bestaunt wurde als das bisher Erzählte, war Folgendes: Als die ununterbrochenen Fröste bereits vierzig Tage und noch länger anhielten und sogar einige Häfen zugefroren waren, ebenso ein Teil des Meeres bei Elaia, soweit sich der Strand erstreckt, wenn man von Pergamon herabkommt, da befahl er mir, ein leinenes Untergewand anzuziehen und überhaupt nichts anderes, sondern allein darin auszuharren, aus dem Bett aufzustehen und mich draußen an der Quelle zu waschen.

Es war schon schwierig, überhaupt Wasser zu bekommen, denn alles war zugefroren. Selbst das Wasser aus dem Auslauf gefror unmittelbar darin, sodass gleichsam eine Röhre aus Eis entstand; und was immer man an warmem Wasser hineingoss, gefror augenblicklich.

Trotzdem trat ich an die Quelle heran und wusch mich dort, und das leinene Gewand genügte mir. Während alle anderen umso mehr vor Kälte zitterten, verbrachte ich beinahe den größten Teil meiner Lebensweise beim Heiligtum.

Diesen Dingen verwandt waren auch die fortgesetzten Zeiten im Winter, in denen ich ohne Schuhe ging.

Im ganzen Heiligtum gab es Lagerstätten zum Niederlegen, sowohl unter freiem Himmel als auch dort, wo es sich gerade ergab; nicht zuletzt jene auf dem Weg zum Tempel, unmittelbar unter der heiligen Lampe der Göttin.

Ich trug auch, ich weiß nicht wie viele Tage lang, nur einen Mantel ohne Untergewand.

Und all die Anwendungen von Flüssen, Quellen oder auch dem Meer, die er mir entweder zuvor oder später befahl – die einen bei Elaia, die anderen bei Smyrna –, und zu welchen Zeiten jeweils jede einzelne davon vorgenommen werden sollte, wären kaum vollständig zu erzählen.

Als er mich aber vor kurzem entsprechend den Anweisungen nach Ephesos schickte, wurden wir unterwegs stark vom Regen durchnässt, und zwar am dritten Tag; denn am zweiten Tag hatte er selbst uns aufgehalten. Und gerade damals begann es zu regnen.

Fast schien das, was mir erschienen war, nicht nur auf diesen Tag, sondern auch auf den folgenden zu deuten, und ich sagte dies meinen Begleitern im Voraus. Sie aber vertraten die andere Ansicht, nämlich weiterzugehen, zumal sie sahen, wie groß das Interesse der Menschen an uns war.

Denn einige waren auf dem Weg nach Pergamon zu den Festgesandtschaften; als sie uns sahen, kehrten sie im Laufschritt nach Ephesos zurück.

So verhielt es sich damit.

Nicht viele Tage später, nachdem ich durchnässt worden war und mich beunruhigt fühlte, als ich bereits in Ephesos war, befahl er mir ein kaltes Bad. Und ich badete im Gymnasion beim Koressos.

Diejenigen, die es sahen, staunten über das Bad nicht weniger als über meine Reden; beides aber kam vom Gott.

Anmerkung:
Aristides scheint sich immer wieder deutlich erholt zu haben, aber seine gesundheitlichen Beschwerden verschwanden nicht dauerhaft. Die Forschung beschreibt ihn ausdrücklich als jemanden, der nach dem Beginn seiner schweren Erkrankung um 143 n. Chr. nie vollständig genas, sondern weiterhin wiederkehrende Krankheitsphasen hatte. Gleichzeitig gab es offenbar Phasen sehr deutlicher Besserung. Nach seinem Aufenthalt im Asklepieion nahm er seine Tätigkeit als Redner wieder auf und konnte später erneut reisen und öffentlich auftreten. Eine moderne Darstellung fasst das so zusammen, dass er nach der Tempelbehandlung seine Gesundheit soweit wiedererlangte, dass er seine rhetorische Tätigkeit fortsetzen konnte, obwohl ihn chronische Beschwerden weiter begleiteten. 

Quelle: https://reader.humanitext.ai/read/urn:cts:greekLit:tlg0284.tlg024.humanitext-grc2:304-305


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