In den Sozialen Medien finden wir Tausende Videos über die Herstellung von Zaubergläsern. Warum greifen nach wie vor so viele Menschen auf dieses Rituale zurück? Ganz einfach: Weil es funktioniert!
Menschen in ganz Europa – und weit darüber hinaus – wenden rituelle Handlungen an, um auf ihr Leben und ihre Zukunft Einfluss zu nehmen. Und es sind weitaus mehr, als wir gemeinhin annehmen – oft auch Personen, von denen wir es niemals erwarten würden. Viele vollziehen diese Praktiken im Privaten, ganz ohne ein Video davon ins Netz zu stellen. Doch schon ein Blick in die sozialen Medien oder in News im Netz offenbart: Es sind Tausende, die sich dieser Praxis bedienen[5]. Rechnet man nun all jene hinzu, die ihre Rituale nicht öffentlich machen, lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass es sich nicht nur um Tausende oder Hunderttausende handelt – sondern um Millionen. Besonders Frauen zeigen dabei ein urtümliches Interesse und eine bemerkenswerte Begabung für diese Formen spiritueller Praxis.
Aus Fluchtafeln und Fluchsteinen wurden Zaubergläser
Zu den besonders beliebten Praktiken gehört heutzutage die Herstellung eines Zauberglases. Ein Zauberglas anzufertigen bedeutet, die eigene Absicht mit Emotionen aufzuladen, um sie dadurch zu manifestieren. Der zentrale Punkt des Rituals ist ein Stück Papier, auf das ein Wunsch oder ein Name geschrieben wird. Die Auswahl der sonstigen Materialien im Glas orientiert sich an der zugrunde liegenden Tradition und am angestrebten Ziel. Das Glas wird nach dem Befüllen verschlossen und an einem bestimmten Ort aufbewahrt, vergraben oder ins Wasser geworfen, um die gewünschte Wirkung zu entfalten.
Zaubergläser sind keine neue Erfindung, sondern eine Weiterentwicklung einer uralten Tradition: jener der Fluchtafeln[1] und Fluchsteine[2], die seit der Antike als Mittel magischer Einflussnahme dienten. Fluchtafeln (Defixionen) waren eine weit verbreitete Praxis im antiken Mittelmeerraum, die besonders von den Hellenen ausgeübt wurde. Die ältesten Funde stammen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., spätere Exemplare kommen vor allem aus Attika (Raum Athen), aber auch aus Italien, Nordafrika, Britannien, Deutschland und Österreich. Fluchsteine wiederum wurden von den Kelten bevorzugt. Sie wurden vor allem in Irland sowie in Teilen Schottlands entdeckt.
Historische Belege zeigen, dass das Zauberglas (oder die Zauberflasche) tief verwurzelt im europäischen Brauchtum ist[7]. Eine Geschichte aus Wiener Neustadt, Österreich, berichtet davon, dass sich im Jahr 1528 eine Frau einen „Teufel im Glas hielt“[4]. Diese Geschichte dürfte einer der ersten Belege für Hexengläser sein. Die Tradition der Hexenflaschen ist besonders gut in England seit dem 17. Jahrhundert dokumentiert[8]. Diese magischen Flaschen wurden zur Abwehr von Verhexungen und Schadenszauber eingesetzt und waren mit Haaren, Fingernägeln, Nadeln, Urin sowie anderen Materialien und Gegenständen gefüllt[6]. Die frühesten Hexenflaschen waren dabei nicht aus Glas, sondern aus Keramik[9]. Solche Flaschen wurden oft als Schutz- oder Wunschzauber in den Häusern versteckt oder sogar unter dem Fußboden, im Mauerwerk oder in den Grundfesten des Hauses verankert.
Erst die Schrift brachte unsichtbare Gedanken in die sichtbare, materielle Welt
Lange bevor Fluchtafeln schriftlich verfasst wurden, war das gesprochene Wort das wichtigste Instrument magischer Rituale. Frühe Zauberformeln wirkten durch die Stimme – durch Rezitation in lauten Rufen oder in leisen Beschwörungen. Erst mit der Schrift wurde das Schreiben magischer Formeln zum festen Bestandteil ritueller Handlung. Seitdem steht es nicht nur für die Weitergabe von Wissen, sondern auch für die Verkörperung des Unsichtbaren. Schreiben ist mehr als eine Mitteilung – es ist eine Handlung, die dem Wort Inhalt, und damit eine eigene Schöpfungsmacht verleiht. Es ist Magie durch Formgebung der Gedanken.
Die Beweggründe für die Anfertigung eines Zauberglases haben sich im Kern über die Jahrtausende kaum verändert. Noch immer stehen menschliche Leidenschaften und Konflikte im Zentrum: Konkurrenz und Neid, das Streben nach Macht, das Verlangen nach Liebe oder sexueller Einflussnahme sowie die Hoffnung auf materiellen Gewinn oder Rache bei Verlust. Verändert hat sich lediglich die Form, in der versucht wird, auf das eigene Schicksal und das anderer einzuwirken.
Der Wunsch, das eigene Leben zu steuern, ist so alt wie die Menschheit selbst – und ebenso alt ist der Versuch, dies mit Hilfe von Magie zu tun. Es gibt einen Grund, warum magische Praktiken seit Jahrtausenden Bestand haben, selbst wenn viele sie als wirkungslos abtun. Denn tatsächlich entfalten sie eine Wirkung – auch wenn Menschen mit einem streng materialistischen und objektivistischen Weltbild das oft belächeln. Gerade Frauen und Menschen, die sich eher an weiblichen Werten orientieren, spüren, dass Rituale mehr sind als bloße Spielerei. Rituale haben immer auch psychologische Effekte. Und sie ermöglichen eine subtile Wechselwirkung zwischen Geist und Materie. Rituale ermöglichen, die eigene Realität aktiv mitzugestalten.
Gefühlsregulation und Aggressionsabbau
Aber beginnen wir mit den psychologischen Effekten. Das Anfertigen eines Zauberglases ist eine Strategie zur Gefühlsregulation und zum Aggressionsabbau, ein Ventil für starke Emotionen. Indem negative Gefühle symbolisch auf das hergestellte Objekt projiziert werden, können sie besser verarbeitet und abgebaut werden. Das Ritual hilft also dabei, Aggressionen in „zivile Bahnen“ zu lenken, wenn man so will. Darüber hinaus ermöglicht der kreative Prozess der Gestaltung eine bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen. Das Auswählen der Materialien erfordert, dass man sich mit der symbolischen Bedeutung dieser Materialien auseinandersetzt. Dadurch lernt man sich selbst besser kennen. Das Aufschreiben von Wünschen und das bewusste Verschließen des Glases wiederum schaffen einen klaren Rahmen, in dem Gefühle transformiert werden können. Besonders für Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Wut offen auszudrücken oder die sich in belastenden Situationen gefangen fühlen, bietet dieses Ritual eine konstruktive Möglichkeit, innere Spannungen abzubauen.
Ein wunderbares Beispiel für ein Zauberglas zur Verarbeitung von Aggression findet sich in dem folgenden Fall. Eine junge Heidin, offenbar wütend über eine persönliche Erfahrung, entscheidet sich dafür, ihre aufgestaute Wut nicht unkontrolliert auszuleben, sondern in kreative Energie zu verwandeln. Sie nimmt ein Blatt Papier, schreibt mit schwarzem Stift den Namen der betreffenden Person darauf und legt es in ein Glas. Dazu gibt sie „etwas von Mutter Erde“ und „ihren Schmutz“, den sie auf diese Weise symbolisch an die Person zurückgibt. Sie verschließt das Glas donnert es schließlich mit ihrer gesamten Wutenergie in das Gefrierfach. Dort soll, so sagt sie abschließend, das Glas bleiben, bis die betroffene Person gelernt hat – ein symbolischer Akt des Einfrierens des Glücks des anderen. Die Gefriertruhe fällt mit einem Ruck ins Schloss – das Ritual ist vollzogen.
„Möge all dein Glück mir gehören – bis du es lernst.“
Diese Frau hat ihre Wut in eine starkes persönliches Ritual transformiert, durch das sie ihre verletzten Gefühle in eine konstruktive Energie verwandelt.
Wiedererlangen von Selbstwirksamkeit
Ein weiterer positiver Aspekt des Zauberglas-Rituals ist das Erleben von Kontrolle: Im Alltag kann das Gefühl der Selbstwirksamkeit leicht verloren gehen – etwa durch wiederholte Misserfolge, übermäßige Kontrolle von außen oder anhaltende Fremdbestimmung durch Autoritäten und Institutionen. Auch chronischer Stress trägt dazu bei, dass man sich den Umständen ausgeliefert fühlt. Zaubergläser eröffnen eine Möglichkeit, wie man die eigene Selbstwirksamkeit wiedererlangen kann. Durch das Ausführen des Rituals überwindet man das Gefühl der Machtlosigkeit und wird wieder selbst aktiv – man holt sich das Gefühl von Handlungsmacht zurück. Das Zauberglas wird zum Werkzeug, um die Selbstwirksamkeit zu stärken.
Hier ein Beispiel aus Tiktok für die Wiedererlangung von Selbstwirksamkeit. Dieses Ritual ähnelt in seiner Struktur den antiken Fluchtafeln oder Fluchsteinen und verdeutlicht die Macht des Schreibens im magischen Kontext. In diesem Video demonstriert eine Neuheidin, wie sie das Symbol des Chaos mit einem schwarzen Stift auf ein Stück Papier zeichnet. Auf die Rückseite schreibt sie mit demselben Stift den Namen der betreffenden Person. Anschließend wickelt sie das Papier um einen Stein, bindet es mit einem schwarzen Faden fest und macht mehrere Knoten, die als Zeichen der Bindung – oder anders gesagt: des Bannens – dienen. Durch das Binden wird der Zauber „fixiert“ und bleibt wirksam, solange das Objekt existiert. Während sie die Knoten schließt, konzentriert sie sich darauf, was ihr die Person angetan hat, und mit dem letzten Knoten lässt sie diesen belastenden Gedanken los. Das Ritual verbindet so das aktive Handeln mit einem bewussten Loslassen und schafft einen klaren Abschluss für das emotionale Erleben. Auf diese Weise gelingt es ihr, die Energie, die ihr durch das verletzende Verhalten einer anderen Person entzogen wurde, zurückzuholen. Das Ausführen des Rituals hilft ihr, die lähmende Starre der Machtlosigkeit zu überwinden und wieder in die eigene Kraft zu kommen. So erlangt sie ihre Selbstwirksamkeit zurück.
„Wenn dir jemand etwas angetan hat, dann schickst du ihm damit sein fucking Unglück zurück.“
Das verwendete Chaos-Symbol ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein ursprünglich fiktives Motiv aus der Literatur in einen religiösen Kontext überführt wurde. Michael Moorcock erfand es in den 1960er-Jahren als literarisches Zeichen für die Idee des Chaos in seiner Romanwelt. In den 1970er-Jahren wurde es von okkulten Bewegungen aufgegriffen und als magisches Symbol verwendet. Diese Entwicklung – die Übernahme von fiktiven Symbolen – ähnelt in gewisser Weise den Vorstellungen aus der Antike, wo ursprünglich mythische Erzählungen und Fabeln in den Bereich des Religiösen übergingen. Dass es sich ursprünglich um ein fiktives Symbol handelt, spielt dabei keine Rolle, denn ist ein Symbol erst einmal mit so intensiven Emotionen aufgeladen, gewinnt es an Wirkkraft – und je mehr Menschen ihre Absichten, Überzeugungen und Emotionen mit diesem Symbol verbinden, desto stärker wird es. Dieses Prinzip ähnelt dem der Egregoren: kollektive geistige Konstrukte, die durch die gebündelte Aufmerksamkeit und Energie vieler Menschen eine eigene Dynamik und Einflusskraft entwickeln.
„Es handelt sich um Karma. Es ist keine Verhexung, es ist kein Fluch, es ist kein fucking Schadenzauber – DAS ist KARMA! Diese Person hat DIR Schaden zugefügt – und du schickst dieses fucking Unglück zu ihr zurück.“
Synchronizität und Realitätserzeugung
Kommen wir nun zu einem weiteren Aspekt der Zaubergläser: der Geist-Materie-Interaktion. Während die klassische Physik von Kausalität ausgeht, spricht die Unus-Mundus-Theorie von Synchronizität. Die Theorie des Unus Mundus („eine Welt“)[3] geht ursprünglich auf die Philosophie des mittelalterlichen Neuplatonismus und die alchemische Denkweise zurück, wurde aber im 20. Jahrhundert vor allem durch den Psychologen Carl Gustav Jung und den Physiker Wolfgang Pauli wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Es handelt sich dabei um bedeutsame Zufälle, bei denen innere Zustände und äußere Ereignisse miteinander in Beziehung stehen, ohne dass ein direkter Ursache-Wirkung-Zusammenhang besteht. Das Zauberglas kann als Verstärker für solche synchronen Ereignisse wirken und Absichten verwirklichen. Und das, obwohl das bewusste Wollen nur eine Nebenrolle spielt – die Hauptrolle spielen vor allem unbewusste Einstellungen. Sie bestimmen, welche Realität sich manifestiert. Je stärker ein Ritual emotional aufgeladen ist, desto wahrscheinlicher ist eine Antwort der Realität in Form synchroner Ereignisse.
Absichten, Überzeugungen und Emotionen als Wirkfaktor
Unsere Absichten, Überzeugungen und Emotionen beeinflussen die Realität nicht nur psychologisch, sondern auch auf einer tieferen Ebene. Geist und Materie bilden auf einer unbewussten Ebene eine Einheit – die Unus Mundus. Und das sind sie so lange, bis der Akt der Wahrnehmung geschieht. Dann spalten sie sich in die uns bekannte Dualität von „bewusstem Geist“ und „klassischer Materie“ auf. In dem Moment, in dem wir etwas bewusst wahrnehmen, beginnt es, sich zu manifestieren. Dabei reagiert die entstehende Realität auf diejenige Person, die sie wahrnimmt – und passt sich an sie an. Entscheidend ist dabei die Sprache der Emotionen: Die Unus Mundus versteht keine rationale Sprache, sondern nur emotionale Signale. Die Art der Manifestation richtet sich also nach den Überzeugungen und Emotionen der wahrnehmenden Person – sie gestalten, was sich schließlich im Äußeren zeigt. Ein Zauberglas dient in diesem Zusammenhang als materieller Fokuspunkt. Es ist ein Gefäß, durch das die eigenen inneren Absichten und Gefühle symbolisch nach außen projiziert werden – sie werden damit greifbar, sichtbar, spürbar. Mit dieser Handlung aktiviert die Person den Prozess, durch den Realität Form annimmt. Unsere tief empfundenen Absichten, Überzeugungen und Emotionen sind die eigentlichen „Befehle“ an die erste Realitätsebene. Mit dem Zauberglas aktiviert man diese.
Quellen:
[1] Fluchtafel, wikipedia
[2] Fluchstein, wikipedia
[3] Unus mundus, Uni Tübingen
[4] Walter Pongratz: Das Waldviertel. Waldviertler Heimatbund, 1987, S. 75.
[5] Online- und Archivbestand: USA, Texas Forscher findet Hexenflasche am Strand, t-online.de
[6] Superstition in Great Britain, wikipedia
[7] Witch bottle, wikipedia
[8] A Witch Bottle from the Judges Lodging, York And its 16th and 17th Century Context, research.yorkarchaeology.co.uk
[9] Hexenflasche, wikipedia
Bild: KI