Musste sterben, weil sie Mensch und Vieh half
Opfer der Hexenprozesse in Wiener Neustadt
Die 60-jährige Witwe, neunfache Mutter und Kräuterfrau Afra Schick (Anna-Franziska) aus Mariazell wurde der Hexerei bezichtigt, gefoltert und verurteilt. Afra wurde am Richtplatz in Wiener Neustadt (Spinnerin am Kreuz) bei lebendigem Leibe verbrannt.

⛤ 11. Dezember 1671, Österreich
Hoheitsgewalt: Habsburger
Herrschaftsform: Herzogtum im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation
Landesherrschaft: Erzherzogtum Österreich unter der Enns – ein Landesherzogtum, direkt unter habsburgischer Landeshoheit
Reichszugehörigkeit: Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation
Reichskreiszugehörigkeit: Österreichischer Reichskreis
Höchste kirchliche Autorität: Papst Clemens X.
Höchste regionale kirchliche Autorität: Leopold Karl Graf von Kollonitsch, Bischof von Wiener Neustadt
Höchste weltliche Autorität: Leopold I., römisch-deutscher Kaiser
Höchste regionale weltliche Autorität: Stadtrichter Paul Pleyer
Weitere Beteiligte: Bürgermeister Matthias Eyersperg
Ihr „Verbrechen“ bestand darin, laut Prozessakten „jährlich bis zu 100 Menschen sowie zahlreiche Tiere“ in Bromberg (Schlatten) durch Handauflegen, Besprechen sowie den Einsatz von Kräutern und Kristallen behandelt und ihnen auf diese Weise geholfen zu haben. Den Verdacht der Hexerei ausgelöst hatte die Aussage des 70-jährigen Gemeindehirten Michael Gsöllner aus Schwarzau, dem der Vorwurf gemacht wurde, sich der Hexerei in Form von Kristallomantie schuldig gemacht zu haben. Unter dem Zwang der Folter erklärte er, die Kunst des Heilens mit Kristallen habe er von Afra Schick gelernt – der Kräuterfrau aus Bromberg. Daraufhin wurde Afra eingekerkert. Bei der Folter gab sie an, unter anderem aus „Gliederkräutern, Hirsch- und Löwenzungen, Götter- und Kundlkräutern, Waldherr und Baumwollkraut“ Pulver hergestellt zu haben, um damit Vieh zu heilen. Afra wurde in Wiener Neustadt auf dem Richtplatz (heute Spinnerin am Kreuz, direkt neben dem Friedhof) bei lebendigem Leibe verbrannt. Zur grausamen Steigerung des Spektakels band man ihr Schießpulver um die Brust. Noch Jahrzehnte nach der Ermordung von Afra Schick gaben die Bauern der Region zum Spott ihrem Schlachtvieh den Namen Afra. Michael Gsöllner starb am 10. November 1671 im Kerker.
Afras Geschichte zeigt, dass es selbst im 17. Jahrhundert – in einer Zeit, in der alles, was nicht christlich war, mit dem Tode bestraft wurde – noch Heidinnen gab, die überlieferte Praktiken aus vorchristlicher Zeit anwandten. Afra bekannte sich offiziell zum Christentum und war katholisch getauft. Dennoch pflegte sie „heidnische Bräuche“. Bräuche, die schon zu ihrer Zeit über 3.000 Jahre alt gewesen waren. Möglicherweise wurden diese seit vielen Jahrhunderten innerhalb der Familie weitergegeben. Wenn dem so war, dann hatten Afras Vorfahrinnen ihre Familientraditionen im Verborgenen gepflegt – im Wissen, dass sie im Christentum als dämonisch galten.
Die Kristallomantie, das meditative Sehen mithilfe von Kristallkugeln, ist eine Weiterentwicklung der Spiegelwahrsagung (Katoptromantie), einer Praxis, die bereits im antiken Griechenland und Rom verbreitet war. Die Hellenen hatten diese Praxis von den alten Ägyptern übernommen, die sich das Prinzip der Reflexion zunutze machten, um durch konzentriertes Sehen in spiegelnde Oberflächen in einen meditativen Zustand zu gelangen und auf diese Weise verborgene Erkenntnisse zu gewinnen. Polierte Silberplatten dienten dabei ebenso als Hilfsmittel wie Wasser in Schalen oder steinernen Becken. Die später entstandene Kristallomantie griff diese Grundidee auf und ersetzte Metall- oder Wasserflächen durch Kristallkugeln. Erst als das Christentum ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde [1], wurden Orakelpraktiken verfolgt.
“Daher hat Gott viele schreckliche Strafen gesandt – denn die Bedrohung durch die Hexen ist so groß, dass man sie völlig ausrotten muss, um die Völker zu retten.„
Jean Bodin, De la démonomanie des sorciers (Vom Wahnsinn der Hexen), 1580
Quellen:
[1] Die heidnische Gegenreformation oder der letzte heidnische Kaiser, weiberkraft.com
Weiterführende Literatur zu Afra Schick:
Das qualvolle Sterben der Hexe Afra Schick von Karl Flanner – religionen.at