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Catharina Gualteri aus Lovanium

Der erste dokumentierte Fall des Rapunzel-Syndroms

Opfer der kirchlichen Glaubenszwangs

23.08.2025

Die 15-jährige Catharina Gualteri, Tochter eines Küfers (Fassbinders) aus der Stadt Lovanium wurde von der Kirche als „von einem Heiden verführt“ gebranntmarkt und von dem Mediziner Cornelius Gemma in Pflege genommen. Die Symptome ihrer monatelangen psychosomatischen Leidensgeschichte wurde von Gemma genauestens dokumentiert und vom Hexenjäger Francesco Guazzo in seinem italienischen Hexenhammer „Compendium maleficarum[2]“ umgedeutet. Das Zeitzeugnis zeigt auf bedrückende Weise, wie psychisch erkrankte Mädchen als vom Dämon besessen abgestempelt wurden. Catharina Gualteri war vermutlich die letzte, die mit einer derartigen Erkrankung einem Hexenprozess entging. Ihr Fall wurde nach Gemmas Beschreibung zum „Präzedenzfall“ und in die Kategorie der „Wunderzeichen“ – also vermeintlich übernatürlicher Zeichen – aufgenommen.

Catharina Gualteri
⛤ 1572, Belgien, Stadt Löwen (heute Leuven)

Hoheitsgewalt: Spanische Krone (Habsburg)
Herrschaftsform: Herzogtum Brabant unter habsburgischer Landesherrschaft, Erbmonarchie
Landesherrschaft: Philipp II. von Spanien, vertreten durch Statthalter Fernando Álvarez de Toledo, 3. Herzog von Alba
Reichszugehörigkeit: Formal Teil des Heiligen Römischen Reiches (Herzogtum Brabant), aber faktisch unter spanischer Krone
Reichskreiszugehörigkeit: Burgundischer Reichskreis
Höchste kirchliche Autorität: Papst Pius V. bis Mai 1572 oder Papst Gregor XIII. ab Mai 1572 
Höchste regionale kirchliche Autorität: Bistum Löwen, Bischof Franciscus Sonnius
Höchste weltliche Autorität: Maximilian II., Kaiser des HRR → De facto aber König Philipp II. von Spanien als Landesherr
Höchste regionale weltliche Autorität: 2 Bürgermeister: aus den patrizischen Familien: Jan van Schore, aus den Zünften: Machiel Goorts[1]
Weitere Beteiligte: Cornelius Gemma, Arzt

In der Frühen Neuzeit unterdrückte die Kirche den Menschen durch einen massiven Glaubenszwang, der nicht selten zu psychischen Leiden führte. In historischen Texten wurden neben Schwermut/Depression besonders Zustände beschrieben, die wir heute als Angst- und Schuldzustände sowie als religiöse Zwanghaftigkeit („Skrupulosität“: endloses Beichten, zeremonielle Reinheitsrituale, quälende Gottes- und Höllenangst) lesen würden. Sehr präsent sind auch körperlich ausagierte seelische Nöte: Konversions- und Somatisierungsphänomene mit Ohnmachten, Krämpfen, Lähmungen oder „hysterischen“ Anfällen, die damals häufig als Besessenheit gedeutet und mit Exorzismen beantwortet wurden.

Zahlreiche dieser Symptome lassen sich heute plausibel als Reaktionen auf die sozialen Zwänge jener Zeit verstehen. Symptome, die eigentlich Hilfeschreie der Seele waren, wurden von der Kirche umgedeutet: Nicht die dogmatische Gewalt der Kirche war schuld, sondern angeblich ein Teufel. Damit gelang es, die Betroffenen zu isolieren und gleichzeitig die Angst vor „dämonischer Einflussnahme“ in der Gemeinschaft lebendig zu halten. In Wahrheit entlarven diese Geschichten jedoch das, was die Kirche in jener Zeit war: ein Zwangsverein, der ungesunde Weltbilder zur Norm erklärte und jedes Aufbegehren mit Stigmatisierung erstickte. In einer solchen Zeit musste die Weltanschauung eines Arztes heilsam gewirkt haben. Man konnte sich darauf verlassen, dass er seine Grenzen nicht überschritt: Er beschränkte sich auf die wissenschaftliche Beschreibung von Krankheiten, während für alles Übernatürliche die Kirche zuständig war.

Die Kirche war in der Frühen Neuzeit ein Machtapparat, der seine Dogmen mit aller Härte durchsetzte. Zweifel, Hinterfragen oder ein inneres Aufbegehren gegen die Lehre konnten gefährlich werden. Seit der Reformation im 16. Jahrhundert galt dies noch mehr als je zuvor. Der Glaubens- und Konformitätsdruck nach der Reformation wirkte sogar noch als Verstärker: rigide Moral, Drohkulissen von Sünde und Verdammnis und die soziale Kontrolle der Konfessionalisierung förderten Schuldangst, inneren Konflikt und Scham.  Das zeigt sich auch am Fall der Catharina Gualteri: Während der Arzt Cornelius Gemma ihn in einem vergleichsweise medizinisch-gelehrten Duktus beschreibt, überführt ihn der Hexenjäger Francesco Guazzo in seinem Hexenpamphlet „Compendium maleficarum“ in ein dezidiert dämonologisches Narrativ. Gleich im ersten Satz seiner Darstellung behauptet Guazzo, sie sei „von einem Heiden verführt“ worden und hätte mit ihm „verbotene Speisen genossen“. Trotzdem bleibt Gemma gegenüber der Kirche zurückhaltend und loyal; am Ende deutet auch er die Ursachen von Catharinas Leiden in Richtung eines übernatürlichen Geschehens und ordnet den Fall in die Logik der „Wunderzeichen“ ein. Bereits die Überschrift in Gemmas Werk lässt erkennen, dass der Fall der Catharina Gualteri zum Präzedenzfall für Hexenjäger wurde.

Der belgische Arzt Cornelius Gemma schildert in seinem Werk De naturae divinis characterismis: Libri 2 den Fall des 15-jährigen Mädchens Catharina Gualteri. Offiziell (also nach kirchlicher Auffassung) soll Catharina von einem Dämon besessen gewesen sein. Ihre Beschwerden passen jedoch auffallend gut zum heute bekannten Rapunzel-Syndrom. Bei diesem Syndrom reißen sich Betroffene aufgrund psychosozialer Dilemata wiederholt Haare aus und essen sie. Es entsteht ein fester Haarballen, der den Magen ausfüllt und mit einem „Schwanz“ durch den Pförtner in den Dünndarm hineinragt. Dadurch entwickeln sich Druck oder Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit, Erbrechen bis hin zu „kaffeesatzartigem“ (verdaut blutigem) Erbrochenen, frühe Sättigung, Gewichtsverlust und Mundgeruch; gelegentlich ist eine derbe Resistenz im Oberbauch tastbar. Typisch ist das Erbrechen von Haaren, in seltenen Fällen können Haare auch mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Wenn dies passiert, löst es Beschwerden wie krampfartige Bauchschmerzen aus und kann bis zum akuten Darmverschluss führen.

Fast die gesamte Falldarstellung Gemmas deckt sich mit den Symptomen, die beim Rapunzel-Syndrom auftreten können. Nur der angeblich ausgeschiedene „Aal“ sowie die erbrochenen „Holzsplitter mit Rinde“ passen nicht ins Bild. Denkbar ist, dass es sich beim vermeintlichen „Aal“ in Wahrheit um einen zusammengeballten Haarstrang handelte und die beschriebenen „Holzsplitter mit Rinde“ Rückstände eines pflanzlichen Heilversuchs bzw. eingenommener Pflanzenpräparate waren.

Das Rapunzel-Syndrom entsteht nicht über Nacht. Bis zu dem von Gemma geschilderten Krankheitsbild vergehen viele Monate, oft mehrere Jahre, in denen wiederholt Haare ausgerissen und verschluckt werden. Häufig geht diesem Verlauf ein Bündel psychosozialer Belastungen voraus: Angst- und Depressionssymptome, Zwangsanteile und traumabezogene Beschwerden. Gemma beschreibt Catharina Gualteri als „ausgewogene Mischung zwischen sanguinischem und melancholischem Temperament“, mit „gedämpfter Munterkeit“, zugleich aber mit „ungewöhnlichem Verstand“. Ein solches Profil kann – ohne es zu pathologisieren – das Ausreißen und Essen von Haaren als kurzfristige Selbstberuhigung begünstigen. Biografisch finden sich bei solchen Menschen oft Erfahrungen von Beschämung, rigiden Normen oder Kontrolle – alles Dinge die man bei der damaligen Kirche finden konnte.

Die als „dämonisch“ gedeutete Erkrankung Catharina Gualteris währte etwa zehn Monate und klang danach allmählich ab. Rückblickend war es großes Glück, dass Catharina Gualteri nicht der Hexerei bezichtigt wurde. Ob es der Autorität des Arztes Gemma zu verdanken war, dass sich nicht eifrige Hexenjäger „des Falls annahmen“, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Den Schilderungen der beiden unterschiedlichen Werke zufolge konnte Catharina jedenfalls nach ihrer Erkrankung ihr Leben fortsetzen – offenbar in geordneten Verhältnissen. Catharina begann, auf Anraten des Arztes täglich das „allheilige Geheimnis“: Im Anfang war das Wort zu lesen. Gemma beschreibt dies als „das mächtigste Gegenmittel gegen die Fürsten der Finsternis“, wodurch Catharina auch von ihrem Leiden geheilt worden sei. Nach seiner Auffassung sollte Catharina fortan oftmals „göttliche Amtshandlungen“ verrichten, um rein zu bleiben. Sie sollte ihr Leben Werken der Frömmigkeit und dem Darbringen von Opfergaben widmen.

„Nun freilich, obwohl das, was ich bisher an dem Mädchen sah, zum größten Teil etwas Metaphysisches an sich hatte, nahm ich doch an, es geschehe gewöhnlich so, dass Dinge, die nicht auf natürliche Weise entstehen, dennoch zumeist eine natürliche Seinsweise haben, aus der Zusammensetzung der Materie hervorgehen und zudem bildende Ansätze, samenhafte Antriebe und einen Faden der Entstehung empfangen.“ – Cornelius Gemma

„Auch schleimige, fleischige Stücke kamen hervor, zähe, harte, linsenartige, geronnene Massen, unter denen sich zweifellos – wie man erkannte – der Fötus eines Charoedius (einer mythischen Dämonengestalt) befand.“ – Francesco Guazzo


Quellen:
[1] Lijst van burgemeesters van Leuven, wikipedia
[2] Frühneuzeit-Narrative: Widerstand gegen Zwangsehe war dämonisch (mit einem Absatz über das Compendium maleficarum), weiberkraft.com

Weiterführende Literatur zu Catharina Gualteri:


Bild: KI