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Chatrina Blanckenstein & Tochter

Die Mutter entkam, die Tochter nicht

Opfer der Gesellschaft


Die 66-jährige Witwe und sechsfache Mutter mit tadellosem Ruf, Chatrina Blanckenstein aus Sachsen wurde der Hexerei bezichtigt, gefoltert und in Naumburg angeklagt. Sie gestand jedoch nicht und wurde aufgrund der fehlenden Hexenmale freigelassen.

Chatrina Blanckenstein

⛤ 1676 / 1689, Deutschland

Einmal der Vorwurf der Hexerei über eine Familie erhoben, bedeutete ein Freispruch selten das Ende der Tragödie. Frauen, deren Leben durch eine solche Anklage zerstört worden war, sahen sich oft gezwungen, Stadt oder Region zu verlassen und weit entfernt ein neues Leben zu beginnen. Blieben sie jedoch, gerieten sie oder ihre Angehörigen immer wieder ins Visier neuer Hexereibeschuldigungen. So erging es auch der Familie Blanckenstein: Obwohl Chatrina 1676 freigesprochen wurde, geriet 13 Jahre später ihre 44-jährige, geschiedene Tochter M.L. (Marie-Luise?) aus Güsten, Anhalt, unter den Verdacht der Hexerei. Seit ihrer Hochzeit wurde ihr Ehemann ebenfalls in den Rufmord an der Familie hineingezogen. Er war in der Stadt unter dem Namen „Der Hexenkönig“ bekannt. Nach einem erzwungenen Geständnis wurde M.L. in Altenburg bei lebendigem Leibe verbrannt.

Die Anklage gegen Chatrina beruhte auf einem Glas Marmelade, das sie gegen Brennholz bei einer Familie eingetauscht hatte. Als das Kind der Familie vier Tage nach dem Verzehr der Marmelade verstarb, wurden ihr, wie es damals häufig geschah, zahlreiche übernatürliche Vergehen zur Last gelegt. Es hieß, teuflische Hasen und magische Katzen mit roten Augen seien in ihrer Nähe gesehen worden, und weitere abergläubische Anschuldigungen wurden laut. Auch ihrer Tochter wurde vorgeworfen, ein Kind getötet zu haben. Da derartige Beschuldigungen ein gängiges Motiv in Hexenprozessen waren, deutet diese Erzählung nicht zwangsläufig auf eine Giftmischer-Familie hin. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Kinder an den damals weitverbreiteten Infektionskrankheiten, plötzlicher Kindstod oder Seuchen wie Masern oder Ruhr starben und die Schuld dafür den Frauen der Familie Blanckenstein zugeschrieben wurde.

»Ein schönes und zuchtloses Weib ist wie ein goldner Reif in der Nase der Sau.«
Heinrich Kramer, Malleus Maleficarum, 1486


Literatur zu Chatrina und M.L. Blanckenstein:
Materials Toward a History of Witchcraft, Volume 3, S 1241ff