Musste sterben, weil der Genter Turm brannte
Das Propagandaopfer
Chrystine Kints (Kindt) wurde der Hexerei bezichtigt, in Harelbeke gefangen genommen, gefoltert und verurteilt. Sie gestand unter Zwang und wurde am Pfingstsonntag 1603 lebendig verbrannt.

Harelbeke, 1603
Hoheitsgewalt: Erzherzog Albrecht VII. von Österreich, Regent der Spanischen Niederlande, und Landesherrin Isabella Clara Eugenia (Ehefrau)
Herrschaftsform: Fürstenherrschaft der (habsburgischen) Spanischen Niederlande
Landesherrschaft: Grafschaft Flandern unter Albrecht VII. und Isabella Clara Eugenia von Spanien als (Mit-)Gräfin von Flandern
Reichszugehörigkeit: Heiliges Römisches Reich
Reichskreiszugehörigkeit: Burgundischer Reichskreis
Höchste kirchliche Autorität: Papst Clemens VIII
Höchste regionale kirchliche Autorität: Bischof von Doornik, Michel d’Esne
Höchste weltliche Autorität: Der souveräne Landesherr Erzherzog Albrecht VII. und die souveräne Landesherrin Isabella Clara Eugenia
Höchste regionale weltliche Autorität: Der Magistrat der Stadt Gent (Bürgermeister und Schöffen)
Konfessionszugehörigkeit: Römisch-katholisch
Weitere Beteiligte: –
In den 1570er und 1580er Jahren – rund zehn Jahre nach Erscheinung der allerersten Nachrichten – wurde Gent von einer regelrechten Flugschriften-Flut überzogen. Neue Zeitungen gewannen in Form von Einblatt-Nachrichten erheblich an Popularität. Als 1577 der „Große Komet“ über Europa stand, löste er im ganzen niederländischen Raum eine Welle von Drucken aus, die das Himmelszeichen deuteten; die niederländischen Gelehrten reagierten emotional-moralisch auf solche Vorzeichen. Sie beschrieben den Kometen als „Wunderzeichen“, als sichtbares Zeichen Gottes im Himmel, das zur Umkehr und moralischen Reflexion aufforderte. Andere forderten zur Buße, zum moralischen Wandel oder zur Läuterung auf — die ungewöhnliche Erscheinung sollte Angst schüren und eine religiöse Reaktion hervorrufen.
Schnell entstand eine dichte Produktion von einblättrigen Drucken und Anschlägen, die auch religiös-politische Konflikte kommentierten und „Ketzer“ adressierten. Auch Hexen wurden zum Thema gemacht. Wunderzeichen-Blätter verbreiteten Schauergeschichten über „böse Geister“, die die Genter Kirchtürme zum Einsturz brächten – ein frühes Beispiel reißerischer Falschmeldungen, die den Nährboden für Wahnprozesse wie jenen gegen Chrystine Kints bereiteten. Die Flugblatt-Flut polarisierte die Stadtgesellschaft genauso, wie es heute die Neuen Medien tun, schürte Angst und mobilisierte die Anhänger neuer Gegenbewegungen. In einer Situation aus Steuerdruck, Repression unter Alva und Nachwirkungen der Bilderstürme boten die einblättrigen Drucke einfache Deutungen und klare Feindbilder. Sie rahmten Ereignisse religiös, erklärten Missstände als Gottesgericht oder als Schuld „der Ketzer“ und machten so komplexe Konflikte emotional greifbar.
Auch wenn die Städte wie Gent und Harelbeke nicht ständig im Zentrum großer Schlachten stand, führten die militärische Präsenz, die Einquartierungen, die Durchzüge der Truppen und deren Versorgungspflichten zu Belastungen für Bevölkerung und Wirtschaft. Die Steuern waren hoch und die Haushalte mussten den Truppen Quartier gewähren. Die Gemeinde kam für Holz, Stroh, Licht, Salz, Brot und Bier und für die Fütterung der Pferde auf. Dazu kamen „Leveringen“ und Fuhrdienste: Wagen, Zugtiere und Schiffer wurden für Transporte requiriert, Vorräte beschlagnahmt oder gegen Zwangspreise abgenommen. Wo die Kassen leer waren, wich das leicht in Plünderungen, „Brandschatzungen“ und erzwungene Kontributionen aus.
Spätestens seit dem religiös motivierten Bildersturm von 1566 und der darauffolgenden Unterdrückung durch den Herzog von Alba ab 1567 war der Konflikt zwischen der katholischen Obrigkeit und den reformatorischen Kräften offen entbrannt. Alba richtete 1567 in den Niederlanden den sogenannten „Blutrat“ ein, ein Sondergericht zur Verfolgung politischer und religiöser Gegner der spanischen Herrschaft. 1568 folgten die Hinrichtungen der Grafen Egmont und Hoorn, was den Konflikt weiter verschärfte. 1568 begann der Achtzigjährige Krieg, und 1570 bestanden bereits verfestigte Fronten mit Untergrundgemeinden, Exilnetzwerken und wiederkehrenden Unruhen.
Weil viele Menschen nicht lesen konnten, wurden die Flugzettel öffentlich vorgelesen, besungen oder bildhaft gestaltet. So gelangten Botschaften vom Markt und über die Werkstatt in die Schankstuben; besonders Handwerker- und Zunftmilieus wurden erreicht. Das stärkte reformatorische Netzwerke, förderte heimliche Zusammenkünfte und schwächte das Vertrauen in magistratische Anordnungen, wenn diese als „spanisch“ oder ungerecht gebrandmarkt wurden.
Gleichzeitig nutzten Stadtregierung und Krone dieselben Medien, um Verbote, Strafen und Belohnungen auszurufen. Solche Anschläge erzeugten Konformitätsdruck: Wer abwich, riskierte Denunziation, Bußen oder den „Blutrat“. Viele passten ihr Verhalten sichtbar an – vom Meiden verdächtiger Predigten bis zur demonstrativen Frömmigkeit im öffentlichen Raum.
Dass auch Hexen zum Thema gemacht wurden, lenkte soziale Spannungen auf greifbare Sündenböcke. In Krisenjahren, verstärkt durch Katastrophen wie die Allerheiligenflut 1570, begünstigten solche Texte Gerüchte, Nachbarschaftskonflikte und einzelne Prozesse. Die geschürte Furcht stabilisierte kurzfristig Ordnung, vertiefte aber langfristig Misstrauen und verfestigte Geschlechter- und Moralvorstellungen.
Das Flugblatt als neu entdeckte Medium für Propaganda formte Meinungen schneller, als traditionelle Kanzeln und Räte es jemals konnten. Es beschleunigte die Konfessionalisierung, radikalisierte Teile der Bevölkerung und bereitete den Boden für die spätere calvinistische Machtübernahme in Gent – während andere Gruppen aus Angst oder Loyalität enger an das habsburgisch-katholische Lager rückten.
Auf dem Weg der mündlichen Weitergabe gelangten die Nachrichten natürlich auch in die benachbarten Orte bis hin nach Harelbeke. Auch dort erreichten sie eine enorme Popularität. Eine Nachricht jagte die andere und schürte Ängste, Gerüchte und Misstrauen, nicht nur gegenüber der Obrigkeit, sondern auch gegenüber einzelnen Personen innerhalb der Stadtgemeinschaft.
In dieser unruhigen und instabilen Zeit lebte Chrystine Kints. Es war eine Zeit, in der selbst die Kirche – über viele Jahrhunderte das einzig stabile und verbindende Element – ihre Einheit verlor. Die Reformation spaltete die Gemeinden, und die Angst vor Hexen, Ketzern und politischen Feinden erfasste die Bevölkerung. Das Leben von Chrystine war von Unsicherheit geprägt, und selbst vertraute Strukturen wie Nachbarschaft und Zunftgemeinschaft begannen zu bröckeln.
Chrystine erlebte, wie Predigten und Flugblätter Hass schürten, wie Einzelne zur Zielscheibe wurden, und wie rasch ein Gerücht zur sozialen Ächtung führen konnte. Der Boden war bereitet für Misstrauen, Verdächtigungen und religiöse Eifer. Wer nicht eindeutig Stellung bezog oder den falschen Umgang pflegte, konnte schnell zur Außenseiterin werden – ein Risiko, das besonders Frauen wie Chrystine traf.
An einem kalten herbstlichen Abend des 2. September 1602, bracht gegen 22 Uhr in Gent ein Feuer aus, das den Kirchturm der damaligen St.-Johannes-Kirche – die heutige St.-Bavo-Kathedrale – in Flammen setzte. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, zunächst durch Augenzeugen und später auch durch gedruckte Flugblätter und Einblattnachrichten, die das Ereignis dramatisch ausschmückten. Berichte schilderten, wie ein greller Blitz die Spitze der Kirche wie eine Fackel umkränzte; unmittelbar nach einem gewaltigen Donnerschlag stand der Turm in Flammen. Augenzeugen beschrieben ein intensives Leuchten in Kugelform, das den Turm traf und den Brand auslöste. Das brennende Wahrzeichen wurde zu einer Geschichte, die weit über die Stadt hinaus für Erschütterung sorgte und die Macht der frühen Massenmedien deutlich machte.
Schon am nächsten Tag nach dem Unwetter machte das Gerücht die Runde, dass der Blitzschlag das Werk von Hexen gewesen sei, die des Nachts um den Kirchturm flögen. In Erzählungen meldeten sich zahlreiche Augenzeugen und nannten ausdrücklich auch die Erzherzogin Isabella, die mit eigenen Augen gesehen hätte, dass Hexen kurz vor dem Feuer um den Turm geflogen seien. Das war Teil der Legendenbildung rund um den Turmbrand; ein förmliches Protokoll Isabellas gab es nicht – aber ebenso wenig eine Gegenaussage. Die politische Wirkung von Isabellas Untätigkeit war real: Die Gerüchte verbreiteten sich rasch in die Nachbarstädte und verfingen sich im Klima der beginnenden Hexenverfolgungen. Ursprünglich war Chrystine vom Gericht in Harelbeke nicht einmal wegen des Turmbrands angeklagt worden, doch es war allzu bequem, einer bereits beschuldigten Hexe auch dieses Unglück anzuhängen. Ohne weitere Prüfung wurde die Anklage ausgeweitet. Chrystine gestand unter der Folter alle Anklagepunkte – auch die Brandstiftung in Gent.
Ein natürlicher Blitzschlag wurde in einer verunsicherten Zeit zum Werkzeug der Propaganda – mit tödlichen Konsequenzen für wenigstens eine unschuldige Frau. Chrystine Kints musste aufgrund einer märchenhaften Darstellung und der durch die kursierenden Propagandablätter geschürten Ängste und Vorurteile an Pfingsten 1603 ihr Leben lassen.
„Auch noch in unsern philosophischen Zeiten verkaufen die Marktschreier die Wurzel des Allermannsharnisch an hysterische Weibspersonen, schwangere Weiber und andere mit Krämpfen behaftete, einfältige Leute.“
Ferdinand Bernhard Vietz
Literatur zu Chrystine Kints:
Rehabilitation of the Ghent victims of witch-hunting, historischehuizen.stad.gent
Quellen:
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Bild: KI