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Magda Logomer

Von Kaiserin Maria Theresia vor der Hinrichtung bewahrt

Die letzte Hexe Kroatiens


Die Kräuterfrau und Heilerin Magda Logomer (“Herucina”) aus Križevci, Ehefrau von Franjo Heruc und sechsfache Mutter[1], wurde der Hexerei bezichtigt. Während ihrer Inhaftierung wurde die 52-jährige gefoltert. Sie gestand unter Zwang, woraufhin sie zum Tode verurteilt wurde. Kaiserin Maria Theresia griff in den Fall ein. Magda wurde am 23. November 1758 freigesprochen und kehrte unter besonderem Schutz nach Križevci zurück.

Magda Logomer
⛤ 1758, Kroatien und Wien

Hoheitsgewalt: Habsburgermonarchie (Österreichische Erblande, ungarische Krone unter habsburgischer Herrschaft)
Herrschaftsform: Monarchie, absolutistisch geprägt unter Maria Theresia
Landesherrschaft: Königreich Kroatien
Reichszugehörigkeit: Formal nicht zum Heiligen Römischen Reich gehörend, eigenständiges Herrschaftsgebiet der Habsburger Krone
Reichskreiszugehörigkeit: Keine
Höchste kirchliche Autorität: Papst Benedikt XIV.
Höchste regionale kirchliche Autorität: Pfarrer von Križevci, Ivan Josipović / Bischof von Zagreb, Franjo Thauszy
Höchste weltliche Autorität: Kaiserin Maria Theresia, Königin von Ungarn und Kroatien
Höchste regionale weltliche Autorität: Franz Leopold von Pálffy, Banus (Ban) von Kroatien (= königlicher Statthalter)
Konfessionszugehörigkeit: Römisch-katholisch
Weitere Beteiligte:
Gerard van Swieten (Leibarzt von Maria Theresia)
Tochter Barbara (Zeugin)
Eva Oblačić (Kronzeugin)
Matija Sunšić („Geschädigte“)
Ursula Pintarić (Frau eines „Geschädigten“)
Tereza Kollin (Ursulas Magd)

Wie bei so vielen Frauen vor ihr bedeutete auch für Magda Logomer allein der Verdacht der Hexerei zunächst ein besiegeltes Todesurteil. Doch ihr Schicksal nahm einen anderen Verlauf – sie hatte Glück im Unglück. Aufgrund seiner rechtlichen Tragweite gilt ihr Prozess heute unter Rechtshistorikern als Präzedenzfall und als der bedeutendste Hexenfall Kroatiens.

Das Leben von Magda Logomer

Magda Logomer wurde 1706 in Križevci geboren und wuchs in einer Welt auf, die gleichermaßen von Aberglauben, harter Arbeit und tief verwurzeltem katholischem Glauben geprägt war. Obwohl Hebammen und Kräuterfrauen leicht in den Verdacht der Hexerei gerieten, entschied sie sich dennoch, diesen Weg einzuschlagen.

Das Leben in Kroatien unter habsburgischer Herrschaft war für die bäuerliche Bevölkerung entbehrungsreich. Ärzte waren selten, ihre Dienste teuer und für einfache Leute kaum zugänglich. Darum griffen die Menschen auf Heilerinnen und Kräuterkundige zurück, die aus der Natur Linderung und Heilung schöpften. Magda sammelte vermutlich Wildkräuter in den Wäldern und auf den Wiesen rund um Križevci – Pflanzen wie Kamille, Salbei, Holunder oder auch giftige Gewächse wie Alraune oder Bilsenkraut, die in kleiner Dosis als Heilmittel genutzt werden konnten. Aus ihnen bereitete sie Tinkturen, Pulver, Salben, Tees und Aufgüsse, die bei Krankheiten, Verletzungen oder zur Geburtshilfe eingesetzt wurden.

1727, im Alter von 21 Jahren, heiratete sie Franjo Heruc – vermutlich stammt daher ihr Spitzname „Herucina“. Ihr Alltag bestand wohl aus einem Wechsel von Familienpflichten und ihrer Rolle als Heilerin. Schließlich musste sie gemeinsam mit ihrem Mann sechs Kinder sattbekommen. Sie wurde zu Krankenbetten gerufen, zu Frauen mit schweren Geburten oder zu Nachbarn mit Fieber, Verdauungsbeschwerden oder Wunden. Ihre Tätigkeit brachte ihr sicher Anerkennung, aber auch Misstrauen ein. In einer Gesellschaft, in der Krankheiten oft als Strafe Gottes gedeutet wurden, war jede erfolgreiche Heilung zwar willkommen, zugleich jedoch verdächtig. Wenn eine Behandlung nicht wirkte oder ein Patient starb, konnte sich der Dank schnell in Anklage verwandeln.

So lebte Herucina in einer ständigen Ambivalenz: gebraucht und gefürchtet, respektiert und zugleich verdächtigt. Ihre Tätigkeit als Kräuterfrau sicherte der Familie das Überleben, machte sie jedoch auch zur idealen Zielscheibe für Neid, Aberglauben und Misstrauen. Dieser Zwiespalt mag auch erklären, warum sie von Zeitzeugen als streitsüchtig und jähzornig beschrieben wurde. Es ist gut möglich, dass sie versuchte, sich Respekt zu verschaffen – ein Verhalten, das in jener Zeit schnell als „schwieriger Charakter“ galt.

Auch die soziale Herkunft spielte vermutlich eine Rolle: Wer in einer harten, entbehrungsreichen Welt aufwächst, wird selbst hart – aus Notwendigkeit, nicht aus Bosheit. Dies könnte auch erklären, warum Herucina einmal wegen tätlicher Gewalt gegen eine andere Frau (Eva Oblačić sagte dies im Prozess gegen Herucina aus) im Gefängnis landete. Herucinas Kühe waren ausgebüchst und hatten sich auf die Wiese der Familie Oblačić verirrt. Damals war es üblich, entlaufene Kühe, die auf die eigene Weide gerieten, als eine Art Pfand für den verursachten Schaden einzubehalten. Dieses Vorgehen galt als gängiger Brauch, insbesondere wenn die Tiere Flurschäden angerichtet oder das eigene Futter mitverzehrt hatten. Doch Herucina war auf die Milch ihrer Kühe angewiesen – sie brauchte sie dringend, vermutlich für ihre Kinder. Als sie jedoch Oblačić um etwas Milch von ihren eigenen Kühen bat, verweigerte Oblačić ihr die Hilfe. Es kam zum Streit, der eskalierte: In einem plötzlichen Ausbruch von Wut schlug Herucina Oblačić nieder – so heftig, dass diese das Bewusstsein verlor. Dann molk sie ihre Kühe und ging nach Hause – die Kühe ließ sie weiterhin als Pfand bei Oblačić.

Scheinbar hatten Oblačić und Herucina schon längere Zeit ein angespanntes Verhältnis. Denn Oblačić gab bei der Zeugenaussage auch an, dass sie einmal von Herucina geträumt habe, und seitdem von Fliegen verfolgt wurde. In Kroatien glaubte man damals, dass sich Hexen in Fliegen verwandeln konnten, um unbemerkt in die Körper der Menschen zu gelangen. Besonders gefürchtet war die Vorstellung, dass sie beim Gähnen in den offenen Mund flogen und so Besitz von einer Person ergreifen konnten. Aus diesem Aberglauben heraus entstand der Brauch, sich beim Gähnen die Hand vor den Mund zu halten.

Es hieß zudem in den Zeugenaussagen, Herucina habe mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten geprahlt – doch auch das war unter Frauen in ähnlicher Position keine Seltenheit. Besonders bei den ungarischen Javasasszony-Frauen in Transsilvanien, wie etwa Clara Bochÿ, ist ein ähnliches Muster dokumentiert: selbstbewusst, stolz und ungestüm traten sie auf, verschafften sich Respekt durch das selbstbewusste Erzählen über ihre Fähigkeiten und nutzten die Wirkung von Angst ebenso wie die von Heilung.

Zwischen den ungarischen Javasasszony-Frauen und den kroatischen Hebammen und Kräuterfrauen bestanden durchaus Verbindungen. Kroatien war im 18. Jahrhundert formal Teil des Königreichs Ungarn, wenn auch mit einem gewissen Autonomiestatus. Es gab gemeinsame Ständeversammlungen sowie rechtliche und institutionelle Verflechtungen, die den Austausch förderten. Besonders in Grenzregionen, auf Märkten und in gemischtsprachigen Siedlungen war ein informeller Wissenstransfer möglich – auch über Heilpflanzen, Rituale und soziale Rollenbilder. So lässt sich vermuten, dass sich die robuste, selbstbewusste Art, wie sie von den ungarischen Javasasszony-Frauen bekannt ist, auch auf Kräuterfrauen in Kroatien auswirkte – und Herucina war möglicherweise Teil dieses kulturellen Musters.

Historischer Kontext

Nachdem im Jahr 1735 – Herucina war damals 28 Jahre alt – ein verheerender Brand rund ein Drittel von Križevci in Schutt und Asche gelegt hatte, war die Stimmung in der Stadt aufgeheizt. Die sozialen Spannungen entluden sich wenige Jahre später in den Hexenprozessen von 1740/41, über die nur spärliche Quellen existieren. Sicher ist jedoch, dass damals dreizehn Frauen wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden. Auch Herucina dürfte von diesen grausamen Vorgängen erfahren haben, vielleicht war sie sogar selbst Zeugin der Hinrichtungen.

Als Kaiser Karl VI., der letzte männliche Habsburger, im Jahr 1740 starb, trat seine Tochter Maria Theresia die Nachfolge an. Mehrere europäische Mächte nutzten diese Gelegenheit, um die Habsburgererblande in Frage zu stellen, was den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) auslöste. Ungeachtet dieser Bedrohungen erließ Maria Theresia noch im Jahr ihrer Thronbesteigung die Anordnung, dass jedes Todesurteil ihrer persönlichen Bestätigung bedürfe – eine Vorschrift, die 1756 (zwei Jahre vor Magdas Prozess) auch auf Ungarn, Kroatien und Siebenbürgen ausgedehnt wurde. Die Kaiserin verurteilte die Willkür und Grausamkeit der Hexenprozesse und setzte sich entschlossen dafür ein, der Hexenverfolgung in ihren Ländern durch klare rechtliche Regelungen ein endgültiges Ende zu bereiten.

Im Jahr 1755 – drei Jahre bevor Magdas Leben durch den Hexenprozess eine dramatische Wendung nehmen sollte – ertönte in der Nähe von Križevci das Läuten der Kirchenglocke. Daraufhin versammelten sich die Bauern aus den umliegenden Weilern, legten ihre Arbeit nieder und erhoben lautstark Protest gegen neue Abgaben. Mit Sensen, Knüppeln und landwirtschaftlichen Werkzeugen zogen sie in die Stadt, um ihre Forderungen nach Erleichterung der Lasten und nach der Wahrung alter Rechte kundzutun. Mit ihrem Aufbegehren protestierten die Bauern gegen die neuen Forderungen der Obrigkeit, Geld für Militärmäntel und für den Fang von Spatzen bereitzustellen. Die ohnehin kaum tragbaren Steuerlasten hatten sie an den Rand der Verzweiflung gebracht, und die Wut über die zusätzlichen Verpflichtungen entlud sich in einem Bauernaufstand.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts war die Monarchie fast ständig in militärische Konflikte verwickelt – erst der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748), dann ab 1756 der Siebenjährige Krieg. Das bedeutete enormen Bedarf an Soldaten und Ausrüstung. Da die staatlichen Kassen überlastet waren, wurden die Untertanen in den kroatischen Komitats und in der Militärgrenze verpflichtet, Sonderabgaben in Geld oder Naturalien zu leisten, um Militärmäntel für die Soldaten zu beschaffen. Diese Mäntel waren Teil der Grundausrüstung, gerade für Grenzsoldaten, die im rauen Klima an der Militärgrenze dienten. Die Pflicht zum Spatzenfangen war im 18. Jahrhundert in Kroatien und Ungarn eine Art Frondienst für die Bauern. Spatzen galten als Schädlinge, weil sie in großen Schwärmen Felder und Getreidespeicher plünderten und damit die ohnehin knappen Ernten bedrohten. Um die Getreideversorgung zu sichern, ordneten die Grundherren und die habsburgischen Verwaltungsstellen an, dass Bauern regelmäßig eine bestimmte Zahl gefangener oder getöteter Spatzen abliefern mussten – ähnlich wie Naturalabgaben. Jetzt mussten die Bauern ohnehin schon Spatzen abliefern – und nun sollten sie auch noch zusätzlich etwas für das Spatzenfangen bezahlen.

Auch Herucina muss wirtschaftlich unter großem Druck gestanden haben, besonders in den Jahren vor ihrem Prozess. Wie alle Untertanen im Königreich Kroatien war auch sie den teils willkürlichen Abgaben der Grundherren ausgesetzt. Die steigenden Abgaben, verbunden mit wachsender sozialer Anspannung, dürften ihren Alltag erheblich erschwert haben – und könnten auch zur Eskalation und ihrer Denunziation beigetragen haben.

Hintergründe zum Freispruch von Magda Logomer

Einen bemerkenswerten Einfluss am Freispruch Magda Logomers (auch: Magdalena) hatte der Privatarzt von Maria Theresia, Gerard van Swieten. Van Swieten war eine prägende Gestalt der Aufklärung, jener intellektuelle Bewegung des 18. Jahrhunderts, die Vernunft, Wissenschaft und Bildung in den Mittelpunkt stellte und traditionelle Autoritäten aus der Kirche und Aberglauben infrage stellte. Sie forderte Toleranz, humanere Gesetze und die Abschaffung von Folter sowie irrationalen Hexenverfolgungen. Maria Theresia war als absolutistische Herrscherin zwar keine Humanistin, zeigte jedoch durchaus reformerische Züge. Vor allem legte sie großes Vertrauen in van Swieten. Dieser untersuchte den Fall Magda Logomer und erstattete Bericht an Maria Theresia, in dem er sich darüber äußerte, dass das Verfahren manipuliert und die Zeugen unglaubwürdig gewesen waren. Daraufhin entschied die Kaiserin, eine „echte kroatische Hexe“ kennenlernen zu wollen. Sie holte Herucina nach Wien, wo sie in einem Wiener Krankenhaus behandelt wurde. Nachdem sie mit eigenen Augen gesehen hatte, welche Wunden die Folter bei Herucina hinterlassen hatten, verfügte Maria Theresia im Jahr 1658, dass die Gerichte in Kroatien und Slawonien ohne ihre ausdrückliche Genehmigung keine Hexereiverfahren mehr einleiten durften. Magda Logomer gilt damit als das letzte Opfer der Hexenverfolgung in Kroatien, das dem Tod dank des Eingreifens der Königin entging[2]. Am 23. November 1758 schrieb sie einen Brief an den Banus von Kroatien, in dem sie anordnete, dass Herucina freigesprochen und nach Križevci zurückgeschickt werden sollte.

Nach ihren Erlebnissen in Wien und ihrem Freispruch lebte Herucina noch viele Jahre weiter – Schätzungen zufolge wurde sie zwischen 65 und 75 Jahre alt und überlebte sogar ihren Ehemann. Ein bemerkenswert hohes Alter für die damalige Zeit, in der viele Menschen kaum das 40. Lebensjahr erreichten. Die Ereignisse rund um ihren Prozess gelten rechtsgeschichtlich als Wendepunkt: Ihr Fall markierte faktisch das Ende der Hexenverfolgungen in Kroatien. Nur ein Jahrzehnt später, 1768, wurden Hexenprozesse im gesamten Habsburgerreich durch Maria Theresia mit der Einführung der Constitutio Criminalis Theresiana endgültig abgeschafft.

„In Unserer Regierung ist bisher kein wahrer Zauberer, Hexenmeister oder Hexe entdeckt worden, sondern derlei Prozesse sind allemal auf eine boshafte Betrügerei oder eine Dummheit und Wahnnwitzigkeit des Untersuchenden oder ein anderes Laster hinausgelaufen.“
Maria Theresia, 1766


Literatur zu Magda Logomer:
http://zagorka.net/krizevacka-coprnica-magda-logomer-herucina/

Quellen:
[1] Križevačka coprnica Magda Logomer Herucina (Die Hexe von Križevci, Magda Logomer Herucina), zagorka.net
[2] Progon vještica u Hrvatskoj (Hexenverfolgung in Kroatien), wikipedia


Bild: KI