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Marketta Ristontytär Punasuomalainen

Die Tochter musste beweisen, dass sie keine Hexe ist

Erstes Opfer der Hexenprozesse in Vaasa


Die finnische Farmerin und Heilerin Marketta Ristontytär (Rödfinska) Punasuomalainen aus Ruovesi, Mutter von Kaarina, wurde der Hexerei bezichtigt, eingekerkert, gefoltert und in Vaasa auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Marketta Ristontytär Punasuomalainen
⛤ Juni 1658, Finnland

Hoheitsgewalt: Karl X. Gustav, König von Schweden
Herrschaftsform: Erbmonarchie (konstitutionell noch stark ständisch geprägt)
Landesherrschaft: Schwedische Krone
Reichszugehörigkeit: Schwedisches Reich (nicht Teil des Heiligen Römischen Reiches)
Reichskreiszugehörigkeit: Keine
Höchste kirchliche Autorität: Karl X. Gustav, König von Schweden und summus episcopus (oberster weltlicher Leiter der Kirche)
Höchste regionale kirchliche Autorität: Johannes Terserus, Bischof in Åbo (Turku)
Höchste weltliche Autorität: Karl X. Gustav, König von Schweden
Höchste regionale weltliche Autorität: Raad (Stadtrat), Lagman (Landrichter) bzw. die Generalgouverneure für Finnland
Konfessionszugehörigkeit: Luthertum (evangelisch-lutherische Staatskirche)
Weitere Beteiligte: Jacob Vasenius (Jakob Sigfridsson Wasenius), Pfarrer in Vaasa

Hintergründe zur Verurteilung

Nachdem Marketta (auch Maalin, Matleena) und ihr Mann Simo – aufgrund von Hexereivorwürfen ihre Farm in Ruovesi auf der Hahn-Halbinsel Kukonniemi verlassen mussten, waren sie gezwungen, ihr Leben als wandernde Bettler zu fristen. Simo verdiente seinen Lebensunterhalt unter anderem als Hirte und betrieb daneben illegalen Tabakhandel.  Marketta nahm Geld für die Behandlung mit Kräutern. Dass die Bevölkerung sie als Hexe betrachtete, war ihr bewusst, und sie verstand es, diesen Ruf zu ihrem Vorteil zu nutzen – so, wie es wohl jeder an ihrer Stelle getan hätte.

Den Stein ins Rollen brachte der Pfarrer Jacob Vasenius. Zunächst wollte niemand gegen Marketta aussagen. Erst als der Pfarrer damit begann, wiederholt gegen Hexen und für ihre Vernichtung zu predigen, begannen die Menschen, belastende Aussagen gegen sie vorzubringen. Der Wendepunkt kam, als Vasenius Marketta schließlich öffentlich als Hexe bezeichnete, die bestraft werden müsse. Von diesem Moment an nahm das Verfahren Fahrt auf: Die Ratsherren griffen den Fall auf und ließen Marketta inhaftieren.

Als Pfarrer Vasenius am Tag vor dem Prozess starbund sich zudem das Gerücht verbreitete, Marketta habe ihn verflucht, galten die absurden Anschuldigungen der Wahnjustiz plötzlich als bestätigt. Man war überzeugt, sie habe den Kaplan „durch Hexerei“ zu Tode gebracht, und lastete ihr darüber hinaus einen weiteren Todesfall sowie Schadenszauber und die Verhexung von Bier an. Nach dem Tod von Vasenius wagte jedoch niemand mehr, gegen sie vorzugehen, da die Furcht vor ihrer vermeintlichen Macht zu groß war. Das Verfahren kam zum Stillstand, und Marketta wurde wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die damals noch mit dem Schrecken Davongekommenen hätten es besser bei diesem Ausgang belassen sollen. Doch ein Jahr nach der nicht stattgefundenen Hexenanklage trat ihr Mann Simo erneut vor Gericht und warf Market­tas Schwager vor, sie in einem Streit um Schulden geschlagen zu haben. Der Schwager wiederum reagierte, indem er Marketta der Hexerei bezichtigte. Damit war der Boden für die Fortführung des Prozesses bereitet: Zahlreiche „Zeugen“ traten hervor und berichteten, wen Marketta angeblich alles verflucht haben soll.

Das Gericht verurteilte Marketta schließlich zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Nach ihrer Hinrichtung geriet auch ihr Mann Simo ins Visier und wurde wegen angeblicher Zauberei zu einer Geldstrafe belangt. Diesmal schien Neid die treibende Kraft gewesen zu sein: Man warf ihm vor, er hätte das Bierbrauchen durch Rituale erfolgreich gemacht.

Der Makel des Hexereiverdachts haftete dieser Familie schon über Generationen an. Bereits 1624 war Simos Onkel der Zauberei beschuldigt worden, und nur zwei Jahre nach Markettas Ermordung musste auch ihre Tochter Kaarina vor Gericht um ihre Ehre kämpfen, da man sie als Tochter einer Hexe verunglimpfte.

Die Hexenverfolgung in Finnland

Finnland verfiel dem Hexenwahn nicht in annähernd so starkem Ausmaß wie das Heilige Römische Reich[1] (vor allem die deutschen Territorien) oder die Schweiz. In Deutschland, Österreich, Ungarn und der Schweiz kam es im 16. und 17. Jahrhundert zu massiven Hexenverfolgungen mit tausenden Opfern, oft ausgelöst durch eine Kombination aus religiösem Fanatismus, politischer Zersplitterung, lokalen Gerichten und sozialem Druck. In Finnland hingegen – damals Teil des Schwedischen Reiches – waren die Verfolgungen vergleichsweise begrenzt. Zwar gab es auch hier Prozesse und Hinrichtungen, doch blieben sie zahlenmäßig deutlich geringer. Insgesamt sind für ganz Finnland etwa tief dreistellige Opferzahlen bekannt, meist aus dem 17. Jahrhundert. Viele Verfahren endeten mit Freisprüchen oder milderen Strafen.

Ein Grund dafür war die im Schwedischen Reich geltende Rechtsordnung: Todesurteile wegen Hexerei mussten durch höhere Instanzen bestätigt werden, wodurch Willkürprozesse erschwert wurden. Außerdem lag der Fokus der Anklagen in Finnland oft auf Schadenszaubern und „Bierverhexung“, also eher auf praktischen Schäden, nicht auf Teufelspakten oder Hexensabbaten, wie man es aus Mitteleuropa kennt.

Besonders heftig wurden die Verfolgungen nur in einzelnen Wellen, etwa in den 1670er Jahren in Österbotten (also auch in der Region um Vaasa), wo es mehrere Hexenprozesse mit Todesurteilen gab. Doch im europäischen Vergleich blieb Finnland ein „Randgebiet“ der Hexenverfolgungen. Der Fall Marketta Ristontytär Punasuomalainen zählt zu den ersten Hexenprozessen in Vaasa.

„So geben wir, den vorgesagten Inquisitoren, daß sie solches Amt vollziehen, und die Personen selbst, welche sie für schuldig befunden haben, nach ihrem Verbrechen züchtigen, in Hafft nehmen, am Leib und am Vermögen straffen und also vollziehen mögen, aus eben derselben Hoheit, mit völlig freyer Gewalt.“
Heinrich Kramer, Malleus Maleficarum, 1486


Literatur zu Marketta Ristontytär Punasuomalainen:
Nationalbiografie Finnlands
Buch „Länsisuomalaisia tietäjiä ja tietäjän sanoja“ von Juha Jyrkäs (auf deutsch: Westfinnische Weise und ihre Worte)

Quellen:
[1| Die Geschichte der Hexenverfolgung, weiberkraft.com


Bild: KI