Ermordet, weil sie an nächtlichen Teenagertreffen teilgenommen hatte
Opfer der letzten Verfolgungswelle in Zug
Die junge Schweizerin Ottilia Lindauer wurde im Jahr 1665 der Hexerei bezichtigt, gefoltert und in der Gemeinde Zug zum Tode verurteilt.

⛤ 18. Juli 1665, Schweiz
Hoheitsgewalt: Stadt und Amt Zug
Herrschaftsform: Stadtherrschaft und landsgemeindeähnliche Strukturen, eingebettet in die föderative Ordnung der Alten Eidgenossenschaft
Landesherrschaft: Selbstständiger Ort der Eidgenossenschaft; Zug war Vollmitglied der Eidgenossenschaft und kein Untertanengebiet
Reichszugehörigkeit: Formal Teil des Heiligen Römischen Reiches, faktisch souverän
Reichskreiszugehörigkeit: keine
Konfessionelle Ausrichtung: katholisch
Höchste kirchliche Autorität: Papst Alexander VII.
Höchste regionale kirchliche Autorität: Bistum Konstanz ; Fürstbischof Franz Johann Vogt von Altensumerau und Prasberg
Höchste weltliche Autorität: Formell Kaiser Leopold I., de facto nicht mehr wirksam
Höchste regionale weltliche Autorität: Der Kleine Rat von Zug, zusammengesetzt aus führenden patrizischen Familien
Weitere Beteiligte: Ammann Georg Sidler
Hintergründe zur Verurteilung
Laut Prozessakten hatte Ottilia unter Folter gestanden, „vom Teufel eine Salbe erhalten“ zu haben. Gemeint war damit die berühmt-berüchtigte Flugsalbe, die heute als Substanz bekannt ist, die aus Tollkirschen, Bilsenkraut, Alraune und Geflecktem Aronstab hergestellt wurde; Pflanzen, die aufgrund ihres Gehalts an Scopolamin und Hyoscyamin eine halluzinogene Wirkung haben. Ottilia sei mit dieser Salbe, so gestand sie unter Folter, „auf die Prattelen Matt“, eine Wiese in der Nähe von Pratteln, geflogen. Ihre Aussage lässt sich heute so interepretieren, dass sie zusammen mit etwa 30 weiteren Leuten an einer geheimen nächtlichen Zusammenkunft teilnahm – eine Veranstaltung, die man heute wohl als Party bezeichnen würde. Neben der Flugsalbe soll sie auch Samen (z.B. Stechapfel, Bilsenkraut, Tollkirsche, Alraune, Muskatnuss) zu sich genommen haben.
Alle Hinweise deuten darauf hin, dass der sogenannte „Hexensabbat“, wie ihn die geistliche Gerichtsbarkeit damals bezeichnete, in Wirklichkeit eine Zusammenkunft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen war – eine Art Party, bei der auch Drogen konsumiert wurden. Bereits mehr als ein Jahrhundert vor Ottilia geriet auch Margreth Thüttinger[1] im Jahr 1549 wegen ihrer nächtlichen Zusammenkünfte auf der Bratteler Matt in den Verdacht der Hexerei. Ihre Freude am Moment und am Zusammensein mit anderen jungen Menschen wurde ihr zum Verhängnis – sie wurde als Hexe hingerichtet.
Noch bis zum späten 17. Jahrhundert soll man auf der Wiese, die heute als Pratteler Hexenmatt bekannt ist, Kreise aus verdorrtem Gras rund um Bäume gesehen haben. Von der damals wahnhaften Justiz wurden diese als Spuren wiederholt aufgeführter Hexentänze gedeutet. Heute würde man sie wohl eher als Überreste eines Platzes deuten, an dem Menschen in vorchristlicher Zeit Tänze aufführten, die von der Kirche als „heidnisch“ bezeichnet wurden.
In den 1660er-Jahren kam es in Zug zu einer letzten großen Hexenverfolgungswelle, und Ottilia geriet mitten in diese Phase. Ottilia Lindauer wurde am 18. Juli 1665 in Menzingen/Zug hingerichtet, „mit einem Strick am Pfahl erwürgt, anschließend verbrannt“. Ihre Hinrichtung markierte eine der blutigsten Perioden der Zuger Hexenverfolgung unter Ammann Georg Sidler. Auf die Amtszeit Georg Sidlers fallen mehr als ein Drittel aller in Zug hingerichteten Hexenopfer.
Amman Georg Sidler – Menschen töten für Ruhm und Ehre
Die Hexenverfolgung in Zug war untrennbar mit der Person Georg Sidlers verbunden, der von 1650 bis 1672 als Ammann von Zug fungierte. Sidler übernahm die Macht von seinem politisch erfahrenen Vorgänger Beat II. Zurlauben in einem „tumultös verlaufenen Machtwechsel“. Als „hemdsärmliger“ Politiker ohne die weitreichenden Verbindungen seines Vorgängers musste Sidler seine Position durch drastische Maßnahmen legitimieren. Mit dem harten Durchgreifen gegenüber vermeintlichen Hexen zu Beginn seiner Amtszeit hat Sidler die Kapuziner befriedigt. Die blutige Hexenverfolgung diente somit nicht nur der Machtkonsolidierung, sondern auch der Befriedigung religiöser Unterstützer. Ottilia Lindauers Tod diente damit nicht der Gerechtigkeit, sondern dem Ruhm und der Selbstdarstellung des Ammanns Georg Sidler.
Das Leben von Ottilia Lindauer
Ottilia sah die Stadt Zug im Jahr 1665 als eine kleine, von Mauern umgebene Welt, in der Ratsherren und Geistliche das Leben bestimmten und jeder Schritt von Tradition und Glauben durchdrungen war. Im Jahr 1648 hatte die Eidgenossenschaft im Westfälischen Frieden die formale Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich erhalten. Ottilia hatte die politischen Folgen des Westfälischen Friedens nicht direkt gespürt haben. Zug war eine kleine katholische Land- und Stadtgemeinde, regiert von patrizischen Familien, die den Kleinen und Großen Rat dominierten. Bildung für Frauen gab es so gut wie keine, Universitäten, Lateinschulen und Klöster waren Frauen verschlossen. Politische Teilhabe für Frauen gab es ebenfalls nicht; Entscheidungen wurden von männlichen Räten, Zunftvertretern und Landsgemeinden getroffen. Für eine junge Frau bedeutete dies, dass ihre Erziehung fast ausschließlich auf die Rolle als Ehefrau und Mutter ausgerichtet war: Sie sollte Kinder zur Welt bringen, den Haushalt führen und ihre Familie im katholischen Glauben erziehen. Eine junge Frau wie Ottilia stand am Übergang zwischen Kindheit und Heiratsfähigkeit. Mit etwa 14–20 Jahren galt man als „brautbar“.
Zug blieb streng katholisch. Die Reformation im 16. Jahrhundert hatte sich in Zug nicht durchsetzen können. Der Ort stand weiterhin unter der Jurisdiktion des Bistums Konstanz. Religiöse Identität prägte das Alltagsleben stark: Sonn- und Feiertage, Prozessionen, Wallfahrten und die Sakramente strukturierten Ottilias Jahr.
Die geistliche Aufsicht und religiöse Disziplinierung waren streng; Abweichungen galten schnell als Ketzerei, Aberglaube oder Hexerei. Um 1665 war der Hexenwahn bereits weit fortgeschritten: Die Obrigkeiten verfügten über feste Muster, wie man Verdächtige verhörte, Geständnisse erzwang und Prozesse führte. Mit anderen Worten – die Mechanismen der Hexenverfolgung waren eingespielt und zielten bewusst auf Verurteilung und Abschreckung. Ottilia wuchs in einer Welt auf in der die Kirche nicht Trost spendete sondern Angst schürte. Das dürfte für eine junge Frau wie Ottilia eine sehr bedrückende Erfahrung gewesen sein. Der Glaube war für sie mit Kontrolle, Schuld und Furcht verbunden. Predigten warnten unablässig vor Sünde, Teufel und Hölle. Jeder Fehltritt – sei es ein unbedachtes Wort, ein kleiner Aberglaube, ein Heilkräutergebrauch oder auch nur auffälliges Verhalten – konnte als Gefahr für das Seelenheil und zugleich als möglicher Anlass für Anklage gelten.
Ottilia lebte ihr Leben unter ständiger Selbstbeobachtung und unter dem Druck von sozialer Kontrolle. Sie musste sich anpassen, gehorsam sein, fromm erscheinen und durfte nicht aus der Reihe tanzen. Eigene Wünsche, Neugier oder auch ein selbstbewusstes Auftreten konnten schnell misstrauisch machen. Ottilia erlebte das Gefühl ständiger Unsicherheit als normal. Fragen, die sich gerade junge Menschen stellten – etwa: Wer konnte man sein, ohne sich zu gefährden? Wer war noch eine Freundin, und wer vielleicht schon eine Denunziantin? – prägten das Lebensgefühl. Solche Gedanken begleiteten den Alltag und bestimmten, wie offen man sprach, wie sehr man sich anpasste und wie vorsichtig man Vertrauen schenkte. Und immer schwang die Angst mit, dass Krankheit, Missernten oder Unglück in der Gemeinschaft auf einzelne Frauen projiziert und als „Hexerei“ gedeutet werden könnten.
Ottilia hatte Hinrichtungen miterlebt[2] – oder zumindest davon gehört – und wusste sehr wohl, was geschehen konnte, wenn sie auf der Bratteler Matt feierte. Geschichten wie jene von Margreth Thüttinger waren damals bereits zu einer Art „Urban Legend“ geworden, die von Mund zu Mund ging und zugleich warnte wie faszinierte. Dennoch nahm Ottilia das Risiko auf sich. Vielleicht war es ein stiller Akt des Protests gegen die Kirche, vielleicht auch nur die jugendliche Überzeugung, dass schon nichts passieren werde. Vor allem aber wollte Ottilia einfach Freude erleben, Freiheit spüren und nicht ständig nach der Pfeife anderer tanzen.
Schließlich pfiffen viele Menschen aus Zug auf die strengen kirchlichen Gebote. Trotz der kirchlichen Kontrolle hielten sich zahlreiche Volksbräuche. So wurde etwa die Fastnacht in Zug im 17. Jahrhundert von der Kirche zwar kritisch betrachtet und verurteilt, doch die Bevölkerung feierte sie weiterhin mit Umzügen und ausgiebigen Gelagen. Auch die Wirtshäuser waren gut besucht, sehr zum Missfallen der Geistlichen. Doch was einerseits noch geduldet oder als harmlose Tradition betrachtet wurde, konnte plötzlich als verdächtig gelten – insbesondere, wenn es sich um Verfehlungen von Frauen handelte. Das musste Ottilia tragischerweise am eigenen Leib erleben. Die Hinrichtung von Ottilia Lindauer fand vermutlich auf der Richtstätte bei der Schutzengelkapelle statt, wo der Scharfrichter das Urteil vollstreckte.
„Hören wir noch von einer anderen Eigenschaft: der Stimme. Wie nämlich die Frau von Natur lügnerisch ist, so auch beim Sprechen.“
Heinrich Kramer, Malleus Maleficarum, 1486
Literatur zu Ottilia Lindauer:
Die Hexenwiese bei Prattelen
Hexen und/oder Heilerinnen? sgb.hypotheses.org
Quellen:
[1] Margreth Thüttinger, Bezahlte ihr Verlangen nach dem Augenblick mit dem Leben, weiberkraft.com
[2] Anklagen und Hinrichtungen wegen Hexerei im Stand Zug 1559-1748, antonpraetorius.de