Familie, Finanzen, Freiheit: Ideen zur geglückten Tradmoderne, Teil II
03.08.2025
Wer das gleichzeitige Vorhandensein von Mutterschaft und ökonomische Selbstständigkeit nicht als heroische Dauerüberforderung begreift, sondern als kulturellen Gestaltungsauftrag, landet früher oder später bei einer ganz alten Idee mit erstaunlich neuer Strahlkraft: Kooperation statt Konkurrenz. Genossenschaften, gemeinschaftsbasierte Betriebe oder digitale, selbstverwaltete Arbeitsmodelle erscheinen vielen heute wie Nischenlösungen – dabei könnten sie ein tragfähiges Zukunftsmodell für das sein, was wir so unbeholfen „Vereinbarkeit“ nennen.
Kooperative Erwerbsmodelle: Das ökonomische Rückgrat der Tradmoderne?
Es klingt zunächst nach Handarbeitskollektiv oder Foodcoop, in Wahrheit jedoch ist es ein hochpolitisches Gegenmodell zur neoliberalen Erschöpfungsgesellschaft. Kooperative Erwerbsformen beruhen auf Solidarität, geteilter Verantwortung, demokratischer Entscheidungsstruktur und – ganz entscheidend – zeitlicher Flexibilität. Das bedeutet: Wer Kinder betreut, kann zu selbst gewählten Zeiten arbeiten. Wer Care-Aufwand leistet, wird nicht abgewertet. Wer Teilzeit braucht, muss nicht betteln.
In Genossenschaften und Gemeinschaftsbetrieben steht nicht der lineare Karriereverlauf im Mittelpunkt, sondern die nachhaltige Beteiligung – an Arbeitsprozessen, Entscheidungswegen und Ressourcen. Damit wird Mutterschaft nicht zur Unterbrechung, sondern zum integrierten Bestandteil eines anderen Arbeitsbegriffs.
Digitale Souveränität statt Homeoffice-Burnout
Auch digitale Arbeitsformen eröffnen – richtig gestaltet – neue Räume. Die Pandemie hat gezeigt, dass „Zuhause arbeiten“ nicht automatisch Freiheit bedeutet, sondern oft nur die Verlagerung der Überforderung ins Private. Digitale Kooperativen hingegen funktionieren anders: Sie kombinieren remote work mit kollektiver Verbindlichkeit, mit Zeitkonten, Rollenrotation und geteilter Projektverantwortung. Frauen (mit oder ohne Kind) sind hier nicht Bittstellerinnen am Rande der Effizienzmaschine, sondern mitgestaltende Akteurinnen einer anderen Form des Wirtschaftens.
Digitale Plattformen wie Platform Coops oder Commons-basierte Unternehmen zeigen, dass technologischer Fortschritt nicht zwangsläufig zu Prekarität führen muss, sondern zu Selbstbestimmung – sofern die Struktur stimmt.
Warum ist das noch kein Mainstream?
Ganz einfach: Weil das bestehende System Flexibilität nicht belohnt. Weil Genossenschaften keine großen Lobbyverbände haben. Und weil das Narrativ der „Einzelkämpferin mit Doppelbelastung“ gesellschaftlich vertrauter ist als das der geteilten Verantwortung.
Doch gerade im Kontext einer neu gedachten Tradmoderne – in der Frauen weder auf Karriere verzichten noch sich ins Küchenidyll romantisieren – könnte das kooperative Modell der Missing Link sein. Ein dritter Weg zwischen Selbstverwirklichungsdogma und Retromutterrolle.
Von der Idee zur Infrastruktur
Damit solche Modelle tragfähig sind, braucht es:
- Räume der Produktion: Co-Working-Modelle mit integrierter Kinderbetreuung.
- Rechtliche Anreize: Steuerliche Gleichstellung von Genossenschaften mit klassischen Kapitalgesellschaften.
- Finanzielle Absicherung: Mikrofinanzierung für kooperative Gründungen, besonders für Mütter, aber auch generell für Frauen, die ihre Familie vor nichtselbständige Erwerbsarbeit stellen.
- Bildung: Vermittlung von ökonomischem Basiswissen, demokratischer Entscheidungsfindung und Selbstorganisation als Teil von allgemeiner Schulbildung.
Kooperation ist keine moralische Spielart – sie ist die klügere und wirksamere Form des Wirtschaftens, weil sie auf nachhaltigen Erfolg statt kurzfristigen Gewinn setzt.
Kooperative Arbeitsformen könnten vom folkloristischen Relikt zum erfolgreichen Zukunftslabor werden. Eine Frau, die sich heute entscheidet, beides zu wollen – Kind und ökonomische Autonomie –, muss nicht zwischen Rückzug und Leistungsdruck wählen. Sie kann auch Mitgründerin werden. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Mutterschaft. Denn echte Freiheit entsteht nicht im Privaten – sondern in der gemeinsamen Gestaltung.
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→ Teil IV; Möglichkeitsraum 3: Mutterschaft als politische Triebfeder
Beitragsbild: KI