Das Kind, das Erwachsene zur Hexe erklärten
Opfer der Hexenprozesse in Salem
Die vierjährige Dorothy (Dorcas) Good, die Tochter von Sarah Good, wurde gemeinsam mit ihrer Mutter der Hexerei bezichtigt, verhaftet und inhaftiert. Dort musste sie miterleben, wie ihre Mutter unter den Bedingungen der Gefangenschaft und der Folter zugrunde ging. Sie sah, wie ihre schwer gezeichnete Mutter im Kerker ihre Tochter Mercy zur Welt brachte, wie das Neugeborene kaum eine Chance hatte und schließlich starb, und wie ihre Mutter aus dem Kerker zu ihrer Hinrichtung geführt wurde.

SALEM VILLAGE
Hoheitsgewalt: englische Krone unter den gemeinsamen Monarchen William III. und Mary II.
Herrschaftsform: Monarchie mit Parlament in England, Kronkolonie/royal province mit vom Königspaar eingesetzter Kolonialregierung
Landesherrschaft: Province of Massachusetts Bay als englische Kolonie unter dem Charter von 1691
Reichszugehörigkeit: –
Reichskreiszugehörigkeit: –
Höchste kirchliche Autorität: die Autorität lag grundsätzlich bei der jeweiligen Ortsgemeinde
Regionale kirchliche Autorität:
Reverend Samuel Parris, Pfarrer von Salem Village, puritanischer Geistlicher
Höchste weltliche Autorität: die Monarchen William III. und Mary II.
Höchste regionale weltliche Autorität: auf Provinzebene der von der Krone eingesetzte Gouverneur Sir William Phips,
High Sheriff George Corwin („Magistrat“), vollzog in den Hexenprozessen Haft- und Hinrichtungsanordnungen, Salem Village war kein eigener Ort, sondern ein Teil von Salem, wesentliche weltliche Zuständigkeiten lagen daher bei Salem Town
Weitere Beteiligte:
Doktor William Griggs
„Friedensrichter“ John Hathorne („Magistrat“)
Deputy Gouverneur Thomas Danforth
Richter Samuel Sewall
Reverend John Hale, Pfarrer von Beverly, puritanischer Geistlicher
Reverend Francis Higginson, Pfarrer von Salem Town, puritanischer Geistlicher
Reverend Nicholas Noyes II, Pfarrer von Salem Town, puritanischer Geistlicher
Thomas Putnam (aktivste Ankläger)
Joseph Putnam (aktiver Ankläger und Verwandter von Thomas und Ann Putnam)
Edward Putnam (aktiver Ankläger und Verwandter von Thomas und Ann Putnam)
Ann Putnam („betroffenes Mädchen“)
Elizabeth Hubbard („betroffenes Mädchen“, sehr häufige Zeugin mit zahlreichen Aussagen gegen Angeklagte)
Mary Walcott („betroffenes Mädchen“, wiederholt als Anklägerin und Zeugin genannt)
Mercy Lewis („betroffenes Mädchen“, besonders aktiv bei schweren Anschuldigungen, auch bei Todesurteilen)
Leutnant und Dorftavernenbesitzer Nathaniel Ingersoll
Benjamin Putnam
Jonathan Batchelder
Robert Hutchinson
Nathaniel Putnam
Dorothy (Dorcas) Good wurde um das Jahr 1688 als Tochter von Sarah Good und ihrem Ehemann William in Salem Village geboren (heute Danvers, Massachusetts)[1]. Die Goods hatten keinen dauerhaften Haushalt und zogen zeitweise bettelnd von Haus zu Haus. In dieser Umgebung verbrachte Dorothy ihre ersten Lebensjahre an der Seite ihrer Mutter.
Eine Hexe muss her!
Im Februar 1692 geriet Dorothys Mutter in den Strudel der Hexenprozesse von Salem. Die Vorgeschichte dazu kann hier nachgelesen werden. Nur wenige Wochen später traten einige der „betroffenen Mädchen“ aus Salem als Anklägerinnen gegen Dorothy auf. Die 17-jährige Mary Walcott und die 12-jährige Ann Putnam Jr. behaupteten, von dem Kleinkind gebissen worden zu sein[1]. Sie präsentierten vor Gericht angebliche Bissmale an ihren Armen. Die Anzeige gegen das Kind reichte Edward Putnam, der Vater von Ann Putnam ein. Er war derjenige Bürger der Gemeinde, der die meisten Anklagen gegen angebliche Hexen vorbrachte. Seine Gewissenlosigkeit machte auch vor vierjährigen Kindern keinen Halt. Damit war er aber in guter Gesellschaft. Die sogenannten „Friedensrichter“ John Hathorne und Jonathan Corwin sowie die Reverends Samuel Parris und John Hale gaben zu Protokoll, sie hätten beobachtet, dass allein Dorothys Blick die „betroffenen Mädchen“ in einen Anfall führte[5].
Dorothy wurde festgenommen und den Richtern vorgeführt[2]. Beim Verhör, das sich über mehrere Tage erstreckte, wurde sie von den sogenannten „Friedensrichtern“ John Hathorne und Jonathan Corwin psychisch massiv unter Druck gesetzt. Sie wurde so lange bedrängt, bis sie Aussagen machte, die ihren Erwartungen entsprachen. Sie „gestand“, dass sie selbst eine Hexe sei, ihre Mutter mit dem Teufel im Bunde stünde und auch sie es war, die ihr eine kleine Schlange gegeben habe[3]. Dieses Märchen von der Schlange, werteten die Beamten als Beweis für einen Hexengefährten („Familiar“) der kleinen Dorothy und als „Geständnis“ und Erklärung für die Anfälle der „betroffenen Mädchen“.
Mutter und Kind im Vorhof zur Hölle
Dorothy wurde in das Gefängnis zu ihrer Mutter gebracht. Zunächst durfte sie mit ihr zusammenbleiben. Ihre Mutter war zu dieser Zeit bereits von Ipswich nach Boston verlegt worden, da die lokalen Kapazitäten nicht ausreichten. Das Bostoner Gefängnis wurde als Vorhof zur Hölle beschrieben. Die Zellen waren nur durch Planken abgetrennt, und durch die eisernen Gitterstäbe drangen Regen und Schnee ungehindert ein. Dorothy und ihre Mutter Sarah waren in Ketten gelegt, um ihre Seelen vermeintlich am „Ausfliegen“ zu hindern. Das Elend im Kerker war verheerend.
Dorothy musste mit ansehen, wie ihre Mutter, aufgrund der Folter mit Knochenbrüchen und offenen Wunden übersät, ihre Schwester Mercy Good zur Welt brachte. Das Mädchen starb schon nach wenigen Tagen. Kurz darauf wurde Dorothys Mutter hingerichtet. Die Vierjährige blieb ohne Mutter im Gefängnis zurück.
Dorothys Gefangenschaft zog sich auch nach der Hinrichtung ihrer Mutter noch etwa 4 Monate lang hin. Formal angeklagt oder vor Gericht gestellt wurde sie allerdings nie[1]. Schließlich gelang es ihrem Vater William Good, durch einen Bürgen, einen Berufskollegen, Grundbesitzer und angesehenen Bürger von Salem namens Samuel Ray[8], an genügend Geld für eine Kautionszahlung zu kommen[7]. Im Dezember 1692 wurde Dorothy gegen Kaution aus dem Kerker entlassen[7]. Insgesamt verbrachte das Kind etwa 8 Monate in Haft.
„Ein Kind ohne Verstand“
Als Dorothy aus dem Kerker kam war sie schwer gezeichnet[4]. Ihr Vater William, der selbst gegen seine damals schwangere Frau Sarah Good, Dorothys Mutter, aussagte, um sich ihrer zu entledigen, stellte zu einem späteren Zeitpunkt einen Entschädigungsantrag an die Obrigkeit der Massachusetts Bay Colony, in dem er Dorothy als „große Last“ bezeichnete, die „kaum oder gar keinen Verstand mehr besitzt“.
Gehen als ein Ausdruck von Freiheit
Dorothy verbrachte ihr weiteres Leben als hilfsbedürftige Person in verschiedenen Pflegefamilien[6], büchste jedoch immer wieder aus, um in Salem und Umgebung rastlos umherzuirren. Das Umherirren war das, was sie von ihrem „guten Leben“ vor den tragischen Ereignissen kannte. Wie sehr hatte sie das Herumstreifen vermisst, als sie in Ketten im dunklen Gefängnis saß. Dorothy wanderte umher, weil sie nur auf den Wegen und Straßen ihre Freiheit fühlen konnte. Sie wanderte aber auch, weil etwas sie nicht zur Ruhe kommen ließ: Die Frage, was wirklich geschehen war. Ihre Füße trugen sie über Wege, die sie nicht benennen konnte, ihr aber dennoch vertraut vorkamen, und die ihr, wie sie hoffte, die Fragen beantworten sollten, die ihr niemand beantworten wollte.
Erste Befragung[11]
Ort: Haus von Lt. Nathaniel Ingersoll, Salem Village, Ende März 1692.
Anwesend: Magistrat John Hathorne, Magistrat Jonathan Corwin, ein Schreiber, mehrere Dorfbewohner, einige der „betroffenen“ Mädchen, ein Beamter, der das Kind hergebracht hat.
Schreiber: Vermerkt, dass Dorothy Good, ein Kind zwischen vier und fünf Jahren, hereingebracht wird.
Beamter: Sagt, das Kind sei die Tochter von Sarah Good.
Dorothy: Steht still und schaut sich ängstlich um.
Hathorne: Fragt, wie sie heiße.
Dorothy: Sagt, sie heiße Dorothy.
Schreiber: Notiert Dorothys Namen irrtümlich als „Dorcas Good“ – ein Fehler, der dazu führte, dass sie in vielen späteren Darstellungen als Dorcas auftaucht.
Corwin: Fragt, ob sie wisse, weshalb sie hier sei.
Dorothy: Sagt, sie wisse es nicht.
Hathorne: Sagt, die Leute klagen sie an, dass sie ihnen wehtue.
Dorothy: Schüttelt den Kopf.
„Betroffenes Mädchen“: Schreit plötzlich auf und sagt, das Kind schaue sie an und sie könne es nicht ertragen.
Hathorne: Befiehlt, man solle aufpassen, wohin das Kind sehe.
Dorothy: Schaut erschrocken zu der Stimme, die schreit.
Mehrere „Betroffene Mädchen“: Fallen in Krämpfe, und jemand ruft, das Kind würde sie quälen.
Dorothy: Wirkt verwirrt und fängt an zu weinen.
Hathorne: Fragt in hartem Ton, warum sie den Menschen weh tue.
Dorothy: Sagt leise, sie tue niemandem weh.
Hathorne: Sagt, sie solle die Wahrheit sagen, denn Gott sehe alles.
Dorothy: Schaut zum Schreiber und dann auf den Boden.
„Betroffenes Mädchen“: Ruft, das Kind zwinge sie, etwas zu tun.
Corwin: Fragt Dorothy, ob sie die Leute zwinge, etwas zu unterschreiben oder in ein Buch zu schreiben.
Dorothy: Schüttelt den Kopf und sagt, sie habe kein Buch.
Hathorne: Fragt, ob sie ein Tier habe, das ihr diene.
Dorothy: Schaut auf ihre Hände, als suche sie nach etwas.
Schreiber: Vermerkt, dass das Kind unruhig ist, und dass die „betroffenen Mädchen“ schreien, sobald es sie ansieht.
Hathorne: Sagt, man solle ihren Kopf halten, damit sie niemanden ansehe.
Dorothy: Jemand fasst ihre Stirn, und sie sträubt sich.
Die „verdiente Arme“
In Neuengland des 18. Jahrhunderts war es üblich, „verdiente Arme“ einzelnen Bürgerfamilien zuzuweisen, die für Kost und Logis eine Bezahlung aus der Stadtkasse erhielten. Die 20-jährige Dorothy lebte rund sieben Jahre lang im Haushalt von Benjamin Putnam, einem Großonkel von Ann Putnam, jenem 12-jährigen „betroffenen Mädchen“, das den Namen der 4-jährigen Dorothy erstmalig nannte, und sie der Hexerei bezichtigte. Damit befand sich Dorothy ausgerechnet im Umfeld der Familie, die in Salem Village zu den treibenden Kräften der Anklagewelle gehörte.
Im Gegensatz zu seinem Cousin hielt Benjamin sich jedoch damals weitgehend aus den Ereignissen heraus. Sein einziges bekanntes Engagement in den Prozessen war seine Unterschrift unter einer Petition zur Verteidigung der angeklagten Rebecca Nurse, mit der er gegen deren Verurteilung protestierte[9]. Benjamin Putnam gehörte zu einem Zweig der Familie Putnam, der sich auf die Seite der Opfer stellte und das, was geschehen war, bitter bereute. Er war zudem Teil jener Gruppierung, die ab dem Jahr 1692 versuchte, Samuel Parris aufgrund seiner Rolle als aktiver Ankläger aus seinem Amt zu entfernen[10]. Scheinbar war es sein Antrieb, das, was Dorothy Good, ihrer Mutter und ihrer Schwester angetan wurde, zumindest im Nachhinein etwas abzumildern. Er sah es als seine Pflicht an, für Dorothy zu sorgen.
Fragen, für die es keine Worte gab
Dorothy blieb bis zu Benjamin Putnams Tod in seiner Obhut, aber auch in dieser Zeit zog sie immer und immer wieder umher. Das blieb auch nach dem Verlust ihrer Unterkunft so. Vermutlich machte ihr der Verlust nicht einmal viel aus. Jetzt konnte sie wieder umherziehen, sich frei fühlen, ohne sich schuldig zu fühlen oder fürchten zu müssen, für ihr Wandern getadelt zu werden. Es war, als würde ihr Körper Fragen stellen, die ihr niemand im Dorf beantworten wollte, und als müsse sie diese Fragen gehend, atmend, frierend stellen, immer wieder, Tag für Tag. Das Schweigen der Gemeinde hing wie ein böser Nebel über ihr – ein Nebel, der die Sicht auf die Wahrheit verbarg. Wie soll ein Mensch sich selbst finden, wenn er nicht einmal die Möglichkeit bekommt, herauszufinden, ob er verstehen, verzeihen oder verurteilen will?
Zweite Befragung[11]
Ort: Haus des Gefängniswärters, zwei Tage später.
Anwesend: Wieder Magistrate, Schreiber, einige Personen, ein Geistlicher.
Hathorne: Fragt das Kind, ob es eine „kleine Schlange“ habe.
Dorothy: Sagt ja.
Corwin: Fragt, wo die Schlange sei.
Dorothy: Zeigt auf ihren Finger und sagt, sie sei dort.
Hathorne: Fragt, was die Schlange tue.
Dorothy: Sagt, sie beiße ihr in den Finger.
Schreiber: Vermerkt, dass Dorothy aussagt, eine Schlange zu haben, die an ihrem Finger sauge.
Hathorne: Fragt, wer ihr diese Schlange gegeben habe.
Dorothy: Zögert und schaut zu den Erwachsenen, als suche sie die richtige Antwort.
Hathorne: Wiederholt die Frage und sagt, sie solle die Wahrheit sagen.
Dorothy: Sagt schließlich, ihre Mutter habe sie ihr gegeben.
Dorothy bekommt ein Kind – und Nathaniel Putham wird Ziehvater
In dieser Zeit lernte Dorothy einen Mann kennen. Wir können nur hoffen, dass er gut zu ihr war. Vielleicht sogar, dass er sie liebte. Denn Dorothy wurde von diesem Mann schwanger. Im September 1720 tauchte Dorothy in einem Protokoll der Stadt Salem auf – diesmal als unerwünschte Person: Die Gemeindeverwaltung ordnete an, Dorothy Good aus Salem „zu verwarnen“, d. h. offiziell aufzufordern, die Stadt zu verlassen. Der Hintergrund dieser Verwarnung war ihre unverheiratete Schwangerschaft. Die Gemeinde fürchtete vermutlich die Kosten eines unehelichen Kindes.
Doch anstatt Dorothy fortzuschicken, erklärte sich überraschenderweise Nathaniel Putnam, der Sohn Benjamins, bereit, sie in seinem Haushalt aufzunehmen. Nach außen mochte das wie ein Akt von Nächstenliebe wirken, doch vielleicht war es nicht bloß Barmherzigkeit, die ihn dazu brachte. Nathaniel war nur zwei Jahre älter als Dorothy. Intimitäten sind nicht so weit hergeholt, wenn man bedenkt, dass Nathaniel und Dorothy über viele Jahre hinweg im selben Haushalt lebten und sich sehr vertraut waren.
So entband Dorothy im Herbst 1720 32-jährig bei Nathaniel Putnam und seiner Frau Hannah eine Tochter. Das Mädchen wurde wiederum Dorothy getauft. Als Dorothy Jr. etwa 1½ Jahre alt war – schlossen die Putnams einen offiziellen Indenturvertrag für das Kind: Die kleine Dorothy wurde für 18 Jahre (bis zu ihrer Volljährigkeit bzw. Verheiratung) an Nathaniel Putnam gebunden, offiziell als Haushaltshilfe, wofür dieser Kost, Unterkunft und Erziehung des Kindes sicherstellte. Dorothy Sr. selbst wurde aus dem Putnam-Haushalt entlassen. Die Putnams wollten das Kind nach ihren eigenen Vorstellungen erziehen und verhindern, dass Dorothy zu viel Einfluss nehmen konnte. Vermutlich blieb Dorothy nichts, als diese Entscheidung hinzunehmen, auch wenn sie es nicht wollte. Vielleicht meinte sie, ihrem Kind damit eine Chance zu geben.
„Brauchbar“
Die inzwischen 34-jährige Dorothy verabschiedete sich von ihrem Kind, um in den Haushalt von Robert Hutchinson zu wechseln. Da sie nun jedoch keine feste Adresse mehr hatte, stuften die Behörden sie als „umherstreifende“ Person ein. Dorothy wurde daraufhin in das neu eingerichtete Arbeitshaus (House of Correction) – eine Art Armen- und Zuchthaus neben dem Gefängnis – eingewiesen, wo arbeitsfähige Außenseiter zur Zucht und Arbeit angehalten wurden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter wurden dort unter anderem dazu angehalten, Fasern zu karden, zu spinnen, zu zwirnen und zu weben sowie altes Tauwerk aufzudröseln und die Fasern herauszuzupfen, um sie anschließend zum Abdichten von Schiffen verwenden zu können. Dorothy verbrachte dort 18 Wochen; sie wurde nicht verlegt – galt also als arbeitsfähig – also „brauchbar“.
Gehen als Gebet
Nach ihrer Entlassung aus dem Arbeitslager streifte sie erneut umher, nun aber mit einem festen Wohnsitz – auf dem Papier. Darum kümmerten sich einige Salem Villager. Anfang 1725 war die 37-jährige Dorothy Good erneut unehelich schwanger und geriet aufgrund dessen wieder ins Arbeitshaus. Robert Hutchinson intervenierte und bezahlte für Dorothys Entlassung. Dorothy begann wieder wie eh und je umherzuirren, und viele Bewohner von Salem tuschelten leise, wenn sie ihr begegneten; sie empfanden Mitleid und glaubten in ihrem Wandern etwas Rituelles zu erkennen, wie ein stilles Gebet ohne Worte.
Dritte Befragung[11]
Ort: Haus des Gefängniswärters, zwei Tage später.
Anwesend: Wieder Magistrate, Schreiber, einige Personen, ein Geistlicher.
Hathorne: Fragt, ob Dorothy eine Hexe sei.
Dorothy: Zuckt zusammen, schaut in die Gesichter der Erwachsenen und sagt leise „Ja“, weil sie merkt, dass genau diese Antwort erwartet wird.
Hathorne: Fragt nachdrücklich, ob sie Böses getan habe, wofür man sie hergebracht habe.
Dorothy: Nickt ängstlich, ohne den Sinn zu verstehen, und klammert sich an die wenigen Wörter, die sie im Raum aufschnappt.
Schreiber: Hält fest, dass das Kind bekennt, sie sei eine Hexe.
Corwin: Fragt, ob Dorothys Mutter „mit dem Teufel im Bunde“ stehe.
Dorothy: Zögert, beginnt zu weinen und sagt schließlich „Ja“.
Hathorne: Sagt, sie solle nicht lügen, Gott sehe alles, und sie müsse es bekennen.
Dorothy: Schluchzt und wiederholt das „Ja“.
Schreiber: Hält fest, dass das Kind bekennt, ihre Mutter Sarah Good sei mit dem Teufel im Bunde.
Anstatt mitleidig zu tuscheln hätte es vielleicht etwas in Dorothys Leben geändert, wenn ihr jemand die Wahrheit erzählt hätte. Stattdessen wurden ihr die Einzelheiten dessen, was genau geschehen war, ihr Leben lang vorenthalten. Dadurch wurde Dorothy in einem Zustand gehalten, in dem sie zwar die Folgen spürte, aber keinen Zugang zur Wahrheit hatte. Wenn einem Menschen so basale Informationen über sein eigenes Leben vorenthalten werden, bleibt ihm nichts, woran er seine Gefühle, Erinnerungen und Ängste festmachen kann. Schweigen macht die Welt unverständlich, Menschen unberechenbar und das eigene Erleben zu etwas, dem man nicht trauen kann. Aus dieser Leerstelle wächst ein inneres Chaos. So kann das Vorenthalten der Wahrheit selbst zu einem Teil des Traumas werden.
Dorothy bekommt ein zweites Kind – und Jonathan Batchelder verpflichtet sich, ihn zum Zimmermann auszubilden
Im Juni 1725 brachte Dorothy in der Stadt Concord (Massachusetts) einen Sohn zur Welt, den sie William Jr. nannte – vermutlich in Anlehnung an ihren Vater, der zwar eine Mitschuld an ihrer gesamten Misere getragen hatte, den sie jedoch trotz allem liebte. Während ihres Wochenbetts wurde Dorothy von einer Familie in Concord versorgt. Nach einigen Monaten kehrte sie mit William Jr. nach Salem zurück und kam nun bei Jonathan Batchelder unter. Auch er spielte als Jugendlicher eine Rolle in den Hexenprozessen: Der damals 14-Jährige erhob 1692 schwere Vorwürfe gegen Dorothys Mutter Sarah Good.
Als William Jr. rund 1½ Jahre alt war, wurde er auf Batchelder indenturiert: Das Kind wurde vertraglich für 21 Jahre an Jonathan Batchelder als Lehrling (im Handwerk eines Zimmermanns) gebunden. Anders als die Putnams, die das erste Kind von Dorothy ohne ihren Einfluss großziehen wollten, blieb sie über ein Jahrzehnt lang bei Jonathan Batchelder, und bekam damit die Möglichkeit, ihren Sohn in einem sicheren Heim aufwachsen zu sehen. Dies könnte die glücklichste Phase ihres Lebens gewesen sein. Es war die längste stabile Phase im ruhelosen Leben von Dorothy. Doch auch in diesen Jahren blieb sie weiterhin eine Umherziehende, auch wenn der Kontrakt mit Batchelder die Klausel enthielt, er müsse dafür sorgen, dass sie „nicht wieder wie früher umherstreift“.
Dorothys Leben beginnt und endet als Vagabundin
Danach tauchte Dorothy ein letztes Mal 1738 in Swansea auf. In den Gerichtsakten der Stadt ist vermerkt, dass sie formell „verwarnt“ wurde, den Ort wieder zu verlassen. Danach verliert sich ihre Spur.
Dorothy: „Mutter, was ist das für ein Weg, auf dem wir hier gehen?“
Sarah: „Es ist kein Weg, den man gut erkennen kann. Manche Wege sind festgetreten und gerade, andere sind schmal und voller Steine.“
Dorothy: „Ist es ein guter Weg?“
Sarah: „Ein Weg ist nicht gut oder schlecht, weil er leicht ist. Manchmal ist es gerade der schwere Weg, der uns weiterträgt.“
Dorothy: „Wohin trägt er uns?
Sarah: „Dorthin, wo wir nicht vergessen, wer wir sind, auch wenn andere uns etwas anderes sagen.“
Dorothy: „Dann gehe ich weiter!“
Sarah: „Ich gehe mit dir!“
Im 14. August 1761 berichtete die Zeitung New-London Summary, dass in der Gemeinde New London (Connecticut) die Leiche einer umherziehenden alten Frau gefunden worden sei. Man habe die „fast verweste“ Tote in einem einsamen Sumpf gefunden. Die Leiche wurde als Dorothy Good identifiziert, „eine umherwandernde Vagabundin, die sich in diese Einöde verirrt hatte und umkam“. Die ewige Suche nach der Wahrheit hat Dorothy 73 Jahre alt werden lassen. Sie wurde älter als alle „betroffenen Mädchen“, die sich damals, als sie ein Kleinkind war, tödliche Geschichten über sie und ihre Mutter ausgedacht hatten. Die Hauptanklägerin Ann Putnam wurde mit den Jahren chronisch krank und starb mit 37 Jahren[12].
Das Happy End von Dorothy Good könnte gewesen sein, dass die Familie Putnam, die sich 1692 an Sarah Good schuldig gemacht hatte, dazu beigetragen hat, dass ihre Enkeltochter Dorothy Jr. zu einer schönen jungen Frau heranwuchs und einen netten jungen Mann aus gutem Hause heiraten konnte. Und dass die Batchelders, die sich ebenfalls schuldig gemacht hatten, dazu beigetragen hatten, dass Sarahs Enkelsohn William Jr. eine gute Ausbildung als Zimmermann bekam, sich ein Stück Land kaufen und ein kleines Haus bauen konnte, um darin eine liebevolle Familie zu gründen. Und wenn man so darüber nachdenkt, dann könnte es in diesem Fall tatsächlich solch ein Happy End gegeben haben.
„What can be the cause that there are twentie women given to that craft, where there is one man?“
Daemonologie, By King James VI, 1597
Quellen:
Die Angaben stammen aus zeitgenössischen Gerichtsdokumenten der Salem-Prozesse, aus Forschungsbeiträgen des Salem Witch Museum sowie aus kommunalen Archivunterlagen, die jüngst ausgewertet wurden. Wichtige Informationen zu Dorothy Goods spätem Leben wurden 2023 von Rachel Christ-Doane veröffentlicht, nachdem jahrhundertelang kaum etwas über Dorothy nach 1692 bekannt gewesen war. Sämtliche Details – von Dorothys Verhörprotokollen bis zu den Pflegefamilien-Einträgen – sind mit den oben angegebenen Quellenbelegen verifiziert.
[1] Dorothy Good, en.wikipedia.org
[2] The Untold Story of Dorothy Good, Salem’s Youngest Accused Witch, Salem Witch Museum salemwitchmuseum.com
[3] Four-Year-Old Dorothy Good is Jailed for witchcraft, March 24, 1692, Historic Ipswich, historicipswich.net
[4] Four-Year-Old Dorothy Good is Jailed for witchcraft, March 24, 1692, Historic Ipswich, historicipswich.net
[5] The Salem Witchcraft Papers, salem.lib.virginia.edu
[6] The Untold Story Of Dorothy Good, Salem’s Youngest Accused Witch, salemwitchmuseum.com
[7] The Salem Witchcraft Papers, Recognizance for Dorothy Good, salem.lib.virginia.edu
[8] Our Family History, Samuel B. Ray (Rea), sherrysharp.com
[9] The Salem Witchcraft Papers, Petition for Rebecca Putnam, salem.lib.virginia.edu
[10] Original Petition gegen Samuel Parris, salem.lib.virginia.edu
[11] Der Dialog ist als szenische Rekonstruktion zu verstehen, nicht als wörtliches Protokoll
[12] Ann Putnam, wikipedia
Weiterführende Literatur zu Dorothy Good:
Salem Witchcraft, Charles W. Upham, Volume I und II, www.gutenberg.org
Daemonologie, By King James VI, 1597, Project Gutenberg