Eine gesteuerte Massenpsychose
28.12.2025
Infolge der Hexenverfolgungen von Salem wurden 20 Menschen hingerichtet – 19 durch Erhängen und einer durch die Pressfolter –, 5 weitere Personen starben in Haft, darunter ein Neugeborenes. Insgesamt wurden etwa 150 bis 200 Menschen förmlich beschuldigt und inhaftiert, rund 55 davon legten unter Folter ein Geständnis ab. Selbst Tiere blieben von der um sich greifenden Massenhysterie nicht verschont: Zwei Hunde wurden erschossen, weil man sie ebenfalls verdächtigte, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.
Wenn wir von Hexenprozessen in der Neuen Welt – dem damals noch nicht gegründeten Amerika – sprechen, dann sprechen wir auch von europäischer Geschichte. Um das zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit der Geschichte der europäischen Expansion der Kolonialisierung beschäftigen – und mit religiösen Weltbildern, die die europäischen Siedler mit in die Neue Welt brachten. Denn die Vorstellungen von Hexerei, Teufelswerk, Schuld und göttlicher Ordnung entstanden nicht in Amerika selbst, sondern kamen aus Europa.
Die Eroberung der neuen Welt
Als Christoph Kolumbus im 15. Jahrhundert im Auftrag der spanischen Krone die Karibik erreichte, markierte dies für Europa eine neue Weltordnung. Die Auswirkungen waren so umfassend, dass Historiker ab diesem Zeitpunkt vom Beginn der Neuzeit sprechen. Zunächst dominierten Spanien und Portugal die Expansion. Spanien errichtete große Kolonialreiche in Mittel- und Südamerika, während Portugal vor allem Brasilien kontrollierte. Die Eroberung verlief häufig gewaltsam: Indigene Reiche wie die der Azteken und der Inka, die es bis ins späte europäische Mittelalter noch gab, wurden zerstört, ihre Bevölkerung versklavt, zwangsmissioniert oder durch eingeschleppte Krankheiten wie die Pocken in riesigem Ausmaß dezimiert.
Im frühen 17. Jahrhundert traten weitere europäische Mächte auf den Plan. Frankreich, England und die Niederlande begannen, eigene Kolonien zu gründen, vor allem in Nordamerika und der Karibik. Während Spanien vor allem auf Eroberung und Ausbeutung bestehender Reiche setzte, waren die nordeuropäischen Kolonien stärker auf dauerhafte Ansiedlung aus. Europäische Siedler nahmen Land in Besitz, gründeten Städte und verdrängten die dort lebenden indigenen Gemeinschaften schrittweise.
Salem: ein puritanisches Projekt in Neu-England
In dieser Zeit entstanden die Massachusetts Bay Colony. Mit ihrer Gründung 1629/30 entstand ein puritanisches Projekt: Englische Puritaner – also englische Protestanten – wollten sich von der anglikanischen Kirche abspalten und in „Neuengland“ eine streng religiös geordnete Gesellschaft errichten. Die königliche Charta unter William III. und Königin Mary II. schuf einen verbindlichen politischen, rechtlichen und religiösen Rahmen dafür.
Salem war eine der ersten Regionen, die in dieses koloniale System integriert wurde. Kirche, Gemeindeleben und lokale Verwaltung entwickelten sich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr isoliert, sondern eingebettet in die Ordnung der Massachusetts Bay Colony.
Salem Town und Salem Village
Im Zuge des Wachstums der Kolonie differenzierte sich die Region weiter aus. Das küstennahe Salem Town entwickelte sich zu einem wohlhabenden Handels- und Hafenort, während sich im Hinterland eine landwirtschaftlich geprägte Bevölkerung ansiedelte, aus der später Salem Village hervorging. Die Bewohner von Salem Village lebten verstreut auf Höfen, waren stark aufeinander angewiesen und hielten an ihren puritanischen Regeln fest. Religiöse Reinheit, soziale Kontrolle und klare Hierarchien hatten hier einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig fühlten sich viele Dorfbewohner von Salem Town benachteiligt, wirtschaftlich ausgebeutet und politisch übergangen. Diese Spannungen hatten bereits lange vor den paranoiden Hexenprozessen zu Konflikten geführt und wurde nicht nur zwischen den Stadt- und den Landbewohnern ausgetragen, so dern auch innerhalb der Gemeinde.
Die Bewohner von Salem: Mehr Feind als Freund
Erst wenige Jahre zuvor hatte Salem Village einen eigenen Pfarrer – Reverend Samuel Parris – erhalten. Ein Schritt in Richtung politische und religiöse Autonomie, die sich ein Teil der Einwohner des Dorfes wünschten, das Dorf jedoch in rivalisierende Familien und Fraktionen spaltete. Nun kam jedoch zu den ohnehin vielen Streitigkeiten um Landbesitz, Erbrecht und Gemeindesteuern auch noch der Streit um die Bezahlung des Pfarrers dazu. Feindschaften, Neid und Misstrauen gehörten zum Alltag der Dorfbewohner. Die Salem Villager lebten in einer Atmosphäre ständiger Bedrohung. Die Erinnerung an die Kriege mit den indigenen Gruppen war noch frisch, viele Familien hatten Gewalt, Flucht und Tod erlebt und die fortschreitende koloniale Expansion, die wiederkehrenden Epidemien und klimatischen Extremereignisse kam es in kurzen Abständen immer wieder zu Krankheiten, Missernten und wirtschaftlicher Unsicherheit, die von der puritanischen Bevölkerung als Zeichen göttlichen Zorns gedeutet wurden. Unter den Puritanern galt Salem als ein Ort, der sich ständig gegen das Wirken des Teufels behaupten musste. Salem war also ein tief religiöser, von Angst geprägter Ort – und genau dadurch besonders anfällig für Eskalationen.
Sklavenhaltung als Ausdruck von Überlegenheit
1692 war der Sklavenhandel im englischen Kolonialsystem bereits fest etabliert und gehörte auch in Neuengland zum gesellschaftlichen Alltag. In der Massachusetts Bay Colony war Sklaverei zu diesem Zeitpunkt legal, rechtlich geregelt und sozial akzeptiert. Versklavt wurden sowohl Menschen afrikanischer Herkunft als auch Menschen indigenen Ursprungs. Die Sklavenhaltung war vor allem haushalts- und kleingewerblich organisiert. Versklavte Menschen arbeiteten in Pfarrhäusern, auf Bauernhöfen, in Handwerksbetrieben oder für wohlhabende Kaufleute. Sie waren rechtlich Eigentum ihrer Besitzer, besaßen keine eigene Rechtspersönlichkeit und waren vollständig von den Entscheidungen ihrer Herren abhängig. Auch in Salem Village war diese Praxis präsent. Der puritanische Geistliche Samuel Parris, von dem wir später noch lesen werden, hielt mit Tituba und John Indian selbst versklavte Menschen. Sklaverei war also keine Randerscheinung, sondern im Zentrum der puritanischen Gesellschaft verankert. Religiös wurde die Sklaverei kaum hinterfragt. Viele Puritaner betrachteten sie als göttliche Ordnung.
Die „betroffenen Mädchen“ und ihre „Anfälle“
Im Winter 1691/92 begannen die neunjährige Elizabeth „Betty“ Parris und die elfjährige Abigail Williams damit, sich auf ungewöhnliche Weise zu verhalten: Sie sprachen wirr, versteckten sich unter Möbeln, krochen über den Boden, schrien, warfen Gegenstände um sich, stießen unartikulierte Laute aus und verdrehten ihre Körper in unnatürliche Haltungen. Da sich der Arzt Dr. William Griggs dieses Verhalten medizinisch nicht erklären konnte, kam er zu dem Schluss, die Mädchen seien vom Teufel besessen. Betty und Abigail bestätigten diese Deutung und berichteten bereitwillig, sie würden von unsichtbaren Händen gequält werden.
Ein Beweis für satanische Besessenheit
Für den Erweckungsprediger und puritanischen Geistlichen Reverend Samuel Parris, Vater von Betty und Onkel von Abigail, (die in weiterer Folge nur noch „die betroffenen Mädchen“ genannt wurden) stand fest, dass die Kinder deshalb so agierten, da Satan selbst Besitz von der Stadt ergriffen hatte. Er war erst kurze Zeit zuvor nach Salem gezogen und konnte sich die Geschehnisse auf keine andere Weise erklären. Unter diesem Einfluss stehend berichtete Tochter Betty daraufhin, sie habe Satan gesehen, der versucht habe, sich ihr zu nähern. Weil sie ihn zurückgewiesen hätte, so ihre Aussage, schicke er nun alle Hexen nach Salem. Nach Auffassung des Reverends könne dieser Bedrohung nur begegnet werden, indem man sämtliche Hexen aufspüre und hinrichte. Bald darauf beteiligten Trittbrettfahrerinnen wie die zwölfjährige Ann Putnam, die 17-jährige Elizabeth Hubbard, die ebenfalls 17-jährige Mercy Lewis sowie weitere Jugendliche an diesem dramatischen Geschehen. Auch sie zeigten plötzlich ähnliche Anfälle.
Beschuldigt werden 3 Außenseiterinnen
Ende Februar beschuldigten die Teenagerinnen auf Druck der Richter zu allererst drei Außenseiterinnen: die Tagelöhnerin Sarah Good, die bettlägrige alte Frau Sarah Osborne und die aus Guayana stammende Tituba, Sklavin von Reverend Parris. Die drei Frauen wurden im März 1692 inhaftiert und gefoltert. Während Sarah Good und Sarah Osborne auf unschuldig plädierten, gab Tituba zu, dass der Teufel zu ihr gekommen war und sie gebeten hätte, ihm zu dienen. Sie beschrieb mehrere Begegnungen mit schwarzen Hunden, roten Katzen, gelben Vögeln und einem großen Mann mit weißem Haar, der sie dazu bringen wollte, sein Buch zu unterzeichnen. Sie stimmte zu und unterschrieb. In diesem Buch fand Tituba, so sagte sie weiter aus, viele andere Namen von Hexen, die ebenfalls unterschrieben hatten. Das Ziel des Teufels sei, die Puritaner zu zerstören.
Titubas Geständnis muss im Kontext ihrer damaligen Lebenssituation betrachtet werden. Als versklavte Frau stand sie in einem grundlegenden Gegensatz zu den puritanischen Autoritäten und war deren Gewalt und Willkür unmittelbar ausgesetzt. Natürlich war sie gegen die Puritaner und wünschte sich vermutlich sogar deren Zerstörung. Zudem stammte sie aus der Karibik und brachte damit kulturelle und religiöse Prägungen mit, die sich deutlich von der puritanischen Glaubenswelt unterschieden. Es ist gut möglich, dass sie mit afrikanisch-karibischen spirituellen Traditionen vertraut war, die von den Puritanern pauschal als Teufelswerk interpretiert wurden. Unabhängig davon, welche persönlichen Glaubensvorstellungen Tituba tatsächlich hatte, war ihr Geständnis stark von ihren eigenen Wünschen geprägt. So gesehen war Tituba bei ihrem Verhör auffallend ehrlich. Sie wünschte sich die Zerstörung der Puritaner. Ihre Erzählungen von Teufel, Tieren und dem Buch spiegeln wiederum weniger ihre eigene religiöse Praxis wider als vielmehr die dämonologischen Deutungsmuster, die in Salem vorherrschten und von den Angeklagten aktiv eingefordert wurden.
Ann Putnam: das bösartigste aller „betroffenen Mädchen“
Nachdem die drei verdächtigen Frauen verhaftet worden waren, glaubte man zunächst, der Spuk sei damit beendet. Doch die zwölfjährige Ann Putnam erklärte bald darauf, sie werde weiterhin von Gespenstern heimgesucht – diesmal von den Erscheinungen Martha Coreys, Elizabeth Proctors und Dorothy Goods, der vierjährigen Tochter von Sarah Good.
3 weitere „Hexen“ werden verhaftet, darunter ein vierjähriges Mädchen
Die Richter ließen daraufhin Martha Corey, Elizabeth Proctor und tatsächlich auch Dorothy Good, das Kind von Sarah Good, vorladen. Alle drei – auch die vierjährige Dorothy – wurden als der Hexerei Verdächtige verhört. Die schüchternen, unsicheren Antworten der vierjährigen Dorothy wurden dabei als Schuldeingeständnis gewertet.
Die Massenpsychose beginnt
Die neuerlichen Verhaftungen führten zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust innerhalb der Dorfgemeinschaft. Martha Corey war ein angesehenes und voll anerkanntes Mitglied der Kirche. Dass nun ausgerechnet sie der Hexerei beschuldigt wurde, hatte eine erschütternde Wirkung auf die sie. Wenn selbst eine fromme, respektierte Frau und ein vierjähriges Kind als Hexe gelten konnten, dann konnte es theoretisch jeden treffen. Von diesem Moment an erfasste die Paranoia Salem in voller Stärke.
Und wieder Ann Putnam, das „betroffene Mädchen“
Indes hatte die 12-jährige Trittbrettfahrerin Ann Putnam scheinbar Gefallen an der Aufmerksamkeit gefunden, die sie als vermeintliches Opfer von Hexenangriffen bekam. Auch nach den neuerlichen Anschuldigungen hörte sie nicht auf, weitere Vorwürfe zu erheben. Sie berichtete von einem Gespenst, das sie als die betagte Einwohnerin von Salem Village, Rebecca Nurse, identifizierte. In der Folge wurde die 71-jährige Rebecca Nurse verhaftet, schweren Verhören unterzogen und schließlich der Hexerei angeklagt.
Im Mai 1692 ordnete Gouverneur William Phips die Einrichtung eines Sondergerichts an. Die erste der Hexerei beschuldigte Person, die vor dieses Sondergericht gestellt wurde, war Sarah Bishop, eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann eine nicht lizenzierte Taverne in Salem Village führte und für ihre und geschwätzige Art und ihre Freizügigkeit bekannt war. Bishop konnte später gemeinsam mit ihrem Mann Edward aus dem Kerker fliehen und so einer Verurteilung entgehen.
Cotton Mather als Hoffnungsanker: Eine Petition gegen Reverend Samuel Parris
Als der puritanische Geistliche, Gelehrte und Schriftsteller aus Neuengland, Cotton Mather, durch eine Petition[1] einiger Bewohner von Salem, die sich nachdrücklich für die Absetzung von Samuel Parris einsetzten, von den Vorgängen in Salem erfuhr, verfasste er einen Brief, in dem er das Gericht eindringlich davor warnte, Träume, Visionen und Erscheinungen als „spektrale Beweise“ zuzulassen. Trotzdem er als eine der einflussreichsten intellektuellen Figuren seiner Zeit galt, ignorierte das Gericht seine Warnungen und verurteilte in den nächsten drei Monaten 19 Menschen, davon überwiegend alte und aus der Gemeinschaft ausgestoßene Frauen, zum Tod durch den Strang. Aber auch vor Männern, wohlhabenden Frauen und sogar vor Kleinkindern machte das Gericht nicht Halt.
Männer und Frauen wurden grundlos angeklagt, gefoltert und hingerichtet – aufgrund von Träumen
Zu den männlichen Opfern gehörte der 71-jährige Giles Corey, Ehemann von Martha Corey. Nachdem er sich geweigert hatte, sich einem Prozess zu unterwerfen wurde er der sogenannten „starken und harten Strafe“ unterworfen. Es wurde ein schweres Holzbrett auf seinen Oberkörper gelegt, und darauf wurden nach und nach schwere Steine gestapelt. Der Druck wurde langsam erhöht. Zwischen den Schritten fragte man ihn immer wieder, ob er nun bereit sei zu sprechen. Er sprach nicht. Durch den zunehmenden Druck wurde die Atmung immer schwieriger. Die inneren Organe wurden zusammengepresst. Der Schmerz war extrem, langanhaltend und qualvoll. Das Ganze dauerte bis über einen Tag. Giles Corey starb schließlich durch Ersticken und innere Verletzungen.
Der Präsident von Harvard schaltet sich ein
Nachdem die mahnenden Worte gegen die Gültigkeit spektraler Beweise von Cotton Mather weitgehend unbeachtet geblieben waren, sah sich sein Vater Increase Mather, selbst ein einflussreicher puritanischer Geistlicher und damaliger Präsident von Harvard, veranlasst, schriftlich Stellung zu beziehen. In einer eindringlichen Warnung kritisierte er den Rückgriff auf diese Praktik und brachte seine Haltung mit dem berühmten Satz auf den Punkt, dass es besser sei, zehn verdächtige Hexen entkommen zu lassen, als auch nur eine einzige unschuldige Person zu Unrecht zu verurteilen.
Ein simples Prinzip: Triff die Familie dessen, der handeln könnte – und schweigt
Aber erst, nachdem auch die eigene Ehefrau als mutmaßliche Hexe befragt worden war, untersagte Gouverneur Phips weitere Verhaftungen und ließ viele der Angeklagten frei. Im Oktober ersetzte er das bislang eingesetzte Sondergericht durch ein neues Gericht, das ausdrücklich festlegte, dass spektrale Beweise bei den Verfahren nicht mehr zugelassen wurden. Dieser Schritt dürfte vielen Menschen das Leben gerettet haben, denn von 56 Angeklagten wurden in weiterer Folge „nur“ noch 3 weitere Menschen wegen Hexerei verurteilt: Elizabeth Johnson Jr., Sarah Wardwell und Mary Post.
Ein faires Verfahren war von Beginn an ausgeschlossen
In Salem Village war ein faires Verfahren kaum möglich, weil viele Geschworene, Zeugen und lokalen Amtsträger eng miteinander verwandt oder verschwägert waren. Die dörfliche Gemeinschaft bestand aus wenigen, seit Generationen ansässigen Familien, deren wirtschaftliche, soziale und religiöse Beziehungen stark verflochten waren. Wenn Anklägerinnen und Ankläger aus diesen Familien stammten, saßen oft deren Cousins, Schwäger oder entfernte Verwandte als Geschworene oder Gemeindebeamte im selben Verfahren. Dadurch verschwamm die Grenze zwischen neutraler Rechtsprechung und familiärer Loyalität, denn Widerspruch gegen eine Anschuldigung bedeutete zugleich, sich gegen die eigene Verwandtschaft zu stellen.
Hinzu kam, dass diese familiären Netzwerke bereits vor 1692 von Konflikten um Land, Erbschaften, kirchliche Macht und sozialen Status geprägt waren. Die Hexenprozesse boten einen Rahmen, in dem bestehende Feindschaften religiös legitimiert und juristisch ausgetragen werden konnten. Doch nicht nur familiäre Netzwerke wirkten in diese Dynamik hinein, sondern ebenso Loyalitäten, Freundschaften und strategische Bündnisse. Auffällig ist hier zum Beispiel, dass rund um die Familien Putnam und Parris ein enges soziales Netzwerk bestand, und die Familie Putnam den Großteil der wiederholten Beschuldigungen trug. Thomas Putnam trat immer wieder als treibende Kraft hinter den Beschuldigungen auf und reichte zahlreiche Anzeigen wegen Hexerei ein. Seine Tochter Ann gehörte zugleich zu den „betroffenen Mädchen“, deren Anfälle und Aussagen als zentrales Beweismittel galten.
Späte Reue
Als einige Zeit vergangen war, schlug die Stimmung in Salem Village um. Die Kritik richtete sich vor allem gegen die Richter, denen man die Vorgänge rückblickend als Ausdruck von Überheblichkeit anlastete. Besonders davon betroffen von den Anfeindungen war Richter Samuel Sewall. In den Jahren nach 1692 hatte er mit zahlreichen schweren Schicksalsschlägen in seinem unmittelbaren Umfeld zu kämpfen. Zwei seiner Kinder und seine Mutter starben. Der streng gläubige Sewall sah dies als Strafe Gottes für die Schuld, die er auf sich geladen hatte. Unter seinem Einfluss ordneten die Magistrate für den 14. Januar 1697 einen Fasten- und Bettag für ganz Neuengland an, an dem öffentlich Reue für ihre Schuld bezeugt werden sollte. Sewall verfasste eine Bußschrift, stellte sich mit gebeugtem Haupt in die Öffentlichkeit und gestand am 14. Januar 1697 seine Schuld ein und bat um die Vergebung seiner Sünden. Diese Bußpraxis behielt er bis zu seinem Tode 1730 bei und legte jährlich einen Fast- und Bettag ein, an dem er für die Vergebung seiner Sünden in den Prozessen betete[2].
In den Jahren nach den Hinrichtungen bekannten sich auch weitere Beteiligte öffentlich ihrer Schuld. Ann Putnam tat es Samuel Sewall gleich und verfasste ebenfalls eine Bußschrift, die sie in ihrer Kirche vortrug[3]. Keine Schuld räumten unter andere Gouverneur Phips, High Sheriff George Corwin, Dr. William Griggs, „Friedensrichter“ John Hathorne, Thomas Putnam (aktivster Ankläger), Nathaniel Ingersoll und Reverend Nicholas Noyes II. Letzterer wird ausdrücklich als jemand beschrieben, der keine Reue über seine Rolle äußerte.
Im Jahr 1697 ordnete das General Court von Massachusetts einen Tag des Fastens und der Selbstprüfung angesichts der Tragödie von Salem an. 1702 erklärte das Gericht die Prozesse für unrechtmäßig. 1711 verabschiedete die Kolonie ein Gesetz, das die Rechte und den guten Ruf vieler Angeklagter wiederherstellte und ihren Erben insgesamt 600 Pfund Entschädigung zusprach. Doch erst 1957 – mehr als 250 Jahre später – entschuldigte sich Massachusetts offiziell für die Ereignisse von 1692.
Quellen:
[1] Salem 1692: Petition gegen Reverend Samuel Parris, weiberkraft.com
[2] Samuel Sewall, wikipedia
[3] Ann Putnam, wikipedia
Weiterführende Literatur zum Thema Hexenverfolgung in Salem:
Salem Witch Trials Chronology, Salem Witch Museum, salemwitchmuseum
Beitragsbild: KI